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Fazit | Beitrag vom 06.02.2020

"Schwarzwasser" in WienWie Jelinek die Ibiza-Affäre durch den Reißwolf dreht

Von Martin Thomas Pesl

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Szenenfoto: Ein Mensch verkleidet als pinkfarbener Gorilla blickt Rochtung Bühne. Im Hintergrund ein großes Plakat mit der Aufschrift: "Eintritt macht frei". Unter dem Plakat sitzt eine Jugendliche, die wohl Greta Thunberg darstellen soll. (Matthias Horn)
In Borgmanns Inszenierung von Jelineks Text "Schwarzwasser" herrsche das Gegenteil von Überforderung, meint unser Kritiker. (Matthias Horn)

Kokain und Red Bull: Robert Borgmann bringt Elfriede Jelineks Abrechnung mit der österreichischen Politik nach der Ibiza-Affäre der FPÖ und dem Sturz der Regierung auf die Bühne. Trotz der Schwere des Textes bleibt die Inszenierung unterhaltsam.

Wann immer Politik und Gesellschaft versagen, ist Elfriede Jelinek mit einem neuen Stück zur Stelle - gleich, ob es um Flüchtlingskrisen oder die Wahl populistischer Präsidenten geht. Der Stoff ist diesmal besonders dankbar. Und die Nobelpreisträgerin war besonders schnell. Stichwort: Ibiza.

Vor weniger als einem Jahr wurde der FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache zum unfreiwilligen Filmstar. Versteckte Kameras in einer Villa auf der spanischen Insel Ibiza hatten dokumentiert, wie er zusagte, einer vermeintlichen Oligarchennichte die halbe Republik Österreich zu opfern, sollte sie seine Partei – auf rechtlich nicht belangbarem Wege bitteschön – finanziell unterstützen. Danach trat er zurück und sah sich selbst als das größte Opfer.


Szenenfoto: Drei Frauen und ein Mann sitzen und stehen wie Puppen auf einer verwüsteten Bühne. (Matthias Horn)Regisseur Robert Borgmann konzentriere sich nicht auf einzelne Aspekte des reichhaltigen Textes von Elfriede Jelinek. Stattdessen erschaffe er Bilder und gebe diesen Zeit zur Entfaltung. (Matthias Horn)

Der Name Strache kommt in Jelineks neuem Stück "Schwarzwasser" zwar nicht vor. Bereits jetzt zum Kult avancierte Zitate aus dem Video, etwa "Zack, zack, zack", aber sehr wohl. Das Wiener Burgtheater sicherte sich spontan die Rechte und übertrug die Regie Robert Borgmann. Der ist Spezialist für Entschleunigung und so dauert auch diese Uraufführung trotz der hinlänglich bekannten Gleichgültigkeit der Autorin gegenüber der sogenannten Werktreue mehr als drei Stunden.

Zu viel Respekt vor dem Text

Es ist Borgmanns erste Auseinandersetzung mit einer der berüchtigten Jelinek-Textflächen ohne Dialoge und Figurenzuteilungen – vielleicht begegnet er ihr deshalb mit mehr Respekt als andere Uraufführungsregisseure wie einst Christoph Schlingensief, der aus "Bambiland" nur wenige Ausschnitte verwendete.

Viel Raum gibt Borgmann dem Text, der sich auch Motive aus Euripides’ "Bakchen" einverleibt. Er erfindet dazu allerlei Bilder: Aufgetakelte Opernbesucherinnen und Anzugträger wollen lieber gesehen werden, als sehen; sie ertragen Kultur, um sich danach zu verkaufen. Eine spanische Infantin und ihr Hofstaat stehen einem Renaissancemaler Modell. Oder: Ein pinker Gorilla zertrümmert eine Gipsbetonplatte und analysiert dann die Popularität des österreichischen Bundeskanzlers.


Szenenfoto: Ein Mann im Anzug und mit zerzausten Haaren hebt die Hände Richtung Kopf. Neben ihm steht ein Mann, der aussieht wie die Comic-Figur "Joker". Verwüstung auf der Bühne. (Matthias Horn)„Jedes Tableau hat Zeit, sich zu entfalten“, meint unser Kritiker. (Matthias Horn)

In einer anderen Szene sind Martin Wuttke und Caroline Peters die Batman-Figuren Poison Ivy und Joker und ergehen sich in einer spektakulär komischen Selbstmitleidsnummer. Ein Chor unter der Führung des charismatischen Burgtheater-Neuzugangs Felix Kammerer steht für das in Österreich vielbeschworene "Wir" im Gegensatz zu "den anderen", die immer schuld sind.

Ermüdende Oberflächlichkeit

Doch zu viel Respekt tut Jelineks Texten nicht gut. Die immer wieder aufpoppenden Motive der Ibiza-Affäre von der Red-Bull-Dose bis zum vermeintlich konsumierten "Schnee", also Kokain, erheitern, ermüden aber auch in ihrer Oberflächlichkeit. Es gelingt Borgmann nicht, einen Kern von "Schwarzwasser" auszumachen, der über das groteske, leider allzu echte Schauspiel auf der Insel hinausweist.

Kluge Gedanken, etwa über die von rechter Seite geschickt praktizierte Täter-Opfer-Umkehr, wären im Text vorhanden, werden aber nicht fokussiert ausgearbeitet. Viel ist von Gewalt die Rede, doch der Zuschauer dieses Abends bleibt davon verschont. Er verlässt das Akademietheater gerade so gut unterhalten wie die anfangs parodierten oberflächlichen Kulturbürger und fragt sich, ob die Ibiza-Tragikomödie, nachdem sie vielfach in Memes und Gifs umgewandelt worden ist, wirklich auch noch durch den Jelinek-Reißwolf gedreht werden musste.

"Schwarzwasser" von Elfriede Jelinek
Regie: Robert Borgmann
Akademietheater des Wiener Burgtheaters

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