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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.06.2012

Schwarze Pädagogik

Yves Grevet: "Méto. Das Haus", dtv. Reihe Hanser, München 2012, 217 Seiten

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Mit der Zauberschule "Hogwarts" hat das Internat in "Méto" wenig zu tun. (picture alliance / dpa / Kevin Kolczynski)
Mit der Zauberschule "Hogwarts" hat das Internat in "Méto" wenig zu tun. (picture alliance / dpa / Kevin Kolczynski)

Jugendliche in einem Internat, da denken die meisten wahrscheinlich an Harry Potter. Doch das Internat, in dem die Geschichte des französischen Autors Yves Grevet spielt, hat nichts Verzaubertes: Die Schüler dort müssen gehorsam sein - und martialische Strafen ertragen.

Es ist kein Internat, eher ein Straflager mit Lehrbetrieb. Rund 60 Jungen sind in dem achteckigen Haus auf der Insel untergebracht, scharf bewacht von schwer bewaffneten Soldaten. Der Unterricht ist archaisch: Die Schüler werden in Schweinezucht, Imkerei und Fischen unterwiesen. Fragen sind nicht erlaubt, und jedes noch so kleine Vergehen gegen das strenge Regelwerk wird mit martialischen Strafen geahndet, von Ohrfeigen bis hin zum Arrest in der Kältekammer.

Schwarze Pädagogik statt schwarzer Künste: Yves Grevets französische Jugendbuch-Trilogie "Méto" ist eine Art Anti-Rowling, kein gut gemeinter Harry-Potter-Klon über eine verzauberte Kindheit, sondern eine düstere Dystopie, in der die Adoleszenz zum Martyrium wird.

Man muss nicht jung sein, um dieses Buch mit einem fröstelnden Schrecken zu lesen: Der erste Band der Trilogie ist unter dem Titel "Das Haus" erschienen und überrascht durch seine für ein Jugendbuch emotionslose Grundstimmung: Abgestumpft folgen die Jungen dem Unterricht, nehmen bereitwillig Medikamente und prügeln unter der Aufsicht der Lehrer beim Kampfsport-Training erbarmungslos aufeinander ein.

Erinnerungen an die Zeit, bevor sie auf die Insel gekommen sind, hat keiner von ihnen. Nur zu gerne glauben sie daran, dass das Leben da draußen die Hölle sein muss: "Vergiss nicht: Du hast großes Glück, hier zu sein. Wir schlafen in warmen, sauberen Betten und essen, bis wir satt sind. Wir können lesen, spielen und Sport treiben."

Mit diesen Sätzen begrüßt auch Méto, der zu den älteren Schülern gehört, einen Neuankömmling. Und trotzdem schart er eine Gruppe von Aufrührern um sich. Eine Revolte bricht aus, und plötzlich nimmt dieses kleine, unheimliche Buch derartig Fahrt auf, dass einen das abrupte Ende des ersten Teils wie ein Faustschlag trifft: "Fortsetzung folgt". Allerdings erst im Herbst.

Literarische Bezüge liegen auf der Hand. Ein Zerwürfnis innerhalb der Aufständischen auf der Insel kündigt sich an, wie in William Goldings Jugendbuch-Klassiker "Herr der Fliegen", und es könnte sein, dass das Schulgefängnis Teil eines medizinischen Experiments ist, so wie das Internat in Kazuo Ishiguros Menschenzucht-Roman "Alles, was wir geben mussten" oder die Forschungseinrichtung in James Camerons Fernserie "Dark Angel".

Doch zumindest im ersten Teil wird das Geheimnis nicht gelüftet. Vielleicht liegt dieses Jugendbuch - das in Frankreich ein Bestseller ist - gerade deshalb im Trend. Das "System der Unterwerfung", gegen das die selbst ernannten "Widerständler" mit Waffengewalt aufbegehren, trägt bei Yves Grevet kein Gesicht - genau wie die konturenlose Oberfläche des globalen Kapitalismus, gegen den zurzeit Menschen in Europa und den USA Sturm laufen, obwohl sie warme, saubere Betten haben und essen, bis sie satt sind. In diesem Sinne müsste man das Jugendbuch "Méto" in eine Reihe stellen mit Stéphane Hessels Streitschrift "Empört Euch!" oder dem anonymen, ebenfalls aus Frankreich stammenden Pamphlet "Der kommende Aufstand". Man muss nicht erwachsen sein, um zu verstehen, dass Widerstand sich lohnt.

Besprochen von Kolja Mensing

Yves Grevet: Méto. Das Haus
dtv. Reihe Hanser, München 2012
217 Seiten, 14,95 Euro

Links bei dradio.de:
Kritik: Kazuo Ishiguro: "Alles, was wir geben mussten"
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