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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.02.2021

Schwarz, russisch und jüdischWie es ist, mit drei Identitäten zu leben

Von Carsten Dippel

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Ein Mann trägt eine Box auf dem Kopf, auf dem drei Fragezeichen aufgemalt sind. (imago images/Imaginechina/Tuchong)
„Ich versuche, die Balance zu finden, einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann", sagt Philip Egbune. (imago images/Imaginechina/Tuchong)

Wie es ist, in Deutschland, für drei Minderheiten zu stehen, davon kann Philip Egbune viel erzählen. Er ist viel rumgekommen, seine ersten Jahre in Nigeria, wuchs dann in Russland auf und lebt nun als Jude in München.

"Ich habe als Kind gesagt, lieber Gott, ich möchte die Welt kennenlernen. Und Gott hat geliefert!"

Vom Dorf seiner Kindheit in Nigeria bis nach Russland und später in die thüringische Provinz, war es ein weiter Weg für Philip Egbune. Die unbändige Neugier auf die Welt hat er von seiner russischen Mutter geerbt. (*)

Sie hatte einst an der Moskauer Leninbibliothek gearbeitet. Zu dieser Zeit war Philips Vater, ein Nigerianer, gerade zur Ausbildung in der Sowjetunion. Die beiden lernten sich kennen, bekamen zwei Kinder und gingen nach Nigeria.

Die gelben Augen waren gruselig 

Die Sowjetunion unterhielt dort ein naturwissenschaftliches Institut. Nigeria war in den 70ern ein vielversprechendes postkoloniales Land. Zum Leben der Familie gehörte ein großes Haus mit Bediensteten und Chauffeur. Nur Strom gab es nicht so oft.

"Während der anderen Zeit hatten wir Kerzen benutzt. Das heißt, wenn die Kerzen aus waren, für mich als Kind, das war's dann. Ja, und manchmal kamen große, gelbe Augen in die Nähe des Hauses, also irgendein Wildtier, und das konnte manchmal gruselig sein."

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Als Jugendlicher hat Philip von seiner Mutter erfahren, dass sie Jüdin ist. Viel anfangen konnte er mit dieser Information zunächst nicht. Er sah im Fernsehen die Bilder der untergehenden Sowjetunion: Jelzin auf dem Panzer, die angespannte Lage in den Sowjetrepubliken, der Sturz Gorbatschows.

Und plötzlich bin ich ein stolzer Sowjetbürger

Auch in Nigeria war die Lage alles andere als rosig. Die wirtschaftlichen Zustände hatten sich verschlechtert. Philips Eltern lebten inzwischen getrennt. Die Mutter hatte Heimweh nach ihrer alten Heimat. Und so packten sie 1991 die Koffer. Es ging nach Woronesch.

"Ich bin als Sowjetkind aufgewachsen als stolzer Sowjetbürger."

Über den jüdischen Teil seiner Familiengeschichte hat Philip Egbune als Jugendlicher in Nigeria nur ein paar vage Andeutungen seiner Mutter erhalten. Erst in Russland hat sie sich ihm gegenüber geöffnet. Und so rückte seine jüdische Geschichte nach und nach stärker in den Fokus, während die politische und wirtschaftliche Lage immer instabiler wurde.

"Ich habe schon ein paar Jährchen gebraucht, bis ich mit dem Judentum eine persönliche Verbindung herstellen konnte. Ich bin voll in die russische Rolle gefallen, raus aus der nigerianischen, rein in die russische Rolle, war total russifiziert. Das hat meiner Mutter nicht so gemocht - und erst nachdem wir nach Deutschland kamen, sind die ersten Verbindungen zum Judentum Stück für Stück nähergekommen."

In einer deutschen Kaserne zum Judentum gefunden

Als Kontingentflüchtling kam Philip Egbune mit seiner Mutter vor 25 Jahren, 1996, nach Deutschland. Sie landeten zunächst in einem Asylheim im thüringischen Dorf Aschara. Neonazis liefen hier regelmäßig zu Adolf Hitlers Geburtstag auf. Später fanden sie Aufnahme in einer Unterkunft für jüdische Kontingentflüchtlinge in einer alten Kaserne.

Erst dort sei er so richtig mit dem Jüdischsein in Berührung gekommen. Die Landesgemeinde half den Neuankömmlingen sehr. Später ging er nach Nordhausen, am Südrand des Harzes und engagierte sich dort in der jüdischen Gemeinde, deren Vorsitz er einige Jahre übernahm. Philip Egbune hat sich in Nordhausen viele Jahre leidenschaftlich gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert.

Mit Tränen auf einer Black-Lives-Matter-Demo

Als im vergangenen Jahr zunächst in den USA, dann auch in Europa die Black-Lives-Matter-Proteste losgingen, war er selbstverständlich auch dort mit dabei.

"Das war mir letztes Jahr ganz bewusst gewesen. Ich bin nicht nur Jude, ich bin auch Russe, bin auch... besonders wichtig war für mich, als ich tränenerfüllt bei dieser großen Demo "Black Lives Matter" stand. Das war mir ein wichtiges Anliegen und es war gut, dass ich so viel Wärme gespürt habe von vielen jungen Deutschen, die da waren und hinter mir standen."

Ablehnung im eigenen Freundeskreis

Mit seinem Eintreten für die Anliegen der Black-Lives-Matter-Bewegung machte er sich indes nicht überall Freunde. Ungewohnten Widerspruch bekam er aus seinem vertrauten jüdischen Freundeskreis.

Da äußerte sich ein guter Bekannter, dessen Vater in New York lebt, abfällig über Schwarze in Brooklyn. Ein jüdischer Heiratsvermittler gab ihm zu verstehen: "Mit dieser Hautfarbe sinken deine Chancen!" In vielen Diskussionen stieß Egbune auf Unverständnis und mangelnde Empathie für die Erfahrungen dunkelhäutiger Menschen.

"Da fühlt man sich direkt angegriffen und das hat mich ein bisschen erschüttert in meiner Selbstverständlichkeit als afrikanischstämmiger Jude mit russischem Background. Da habe ich mich teilweise sehr entfernt gefühlt von der jüdischen Gemeinschaft. Ich habe gesagt: Ihr akzeptiert mich nur, wenn ich völlig in der jüdischen Identität aufgehe."

Du wirst sowieso nicht vollständig akzeptiert!

Jemand hätte zu ihm gesagt: "Lebe doch als Jude! Warum willst du dich mit der dunkelhäutigen Geschichte identifizieren? Du wirst von denen sowieso nicht vollständig akzeptiert!"

"Auch eine ganz liebe Person. Aber der hatte mich mit diesem Satz völlig beleidigt. Der Satz hat gesessen. Ich dachte, aha, ok, interessant..."

Diesen Schock musste Egbune erst einmal verdauen. Allein ist er damit nicht. Seine Nichte, die in Belgien lebt, hat von ganz ähnlichen Erfahrungen vor allem in ihrem russischsprachigen Freundeskreis berichtet. Der jüdischen Gemeinschaft habe sie inzwischen mehr oder weniger den Rücken gekehrt. Auch für Philip Egbune werfen diese Konflikte wichtige Fragen auf.

"Ich war zutiefst verletzt und habe meine jüdische Identität das erste Mal hinterfragt. Also kann ich in einer Gemeinschaft sein, die mich nicht in meiner vollständigen Diversität wahrnimmt und akzeptiert?"

Abkehr von der Gemeinschaft oder Vernetzung

Nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen versuchen sich Schwarze Jüdinnen und Juden stärker untereinander zu vernetzen. Die Probleme lägen nicht so sehr in den jüdischen Institutionen, die ihrem Selbstverständnis nach offen und divers sind. Es gehe eher um die Haltung im Privaten. Solange man sich zur größeren Gemeinschaft bekenne, sei die Welt in Ordnung, sagt Egbune.

"Aber sobald man sich versucht, auseinanderzusetzen, und sagt, ok, wir haben auch eine Story, die wichtig ist, also für mich ist ganz klar, ich kann mich erinnern als Kind in Nigeria, wo Mandela befreit wurde. Ich kann mich erinnern, 2007, wie ich Tränen vergossen habe, als Obama Präsident wurde. Also das sind Sachen, die jede Person of Color irgendwie bewegt und berührt. Und wir wollen unsere Geschichte noch erzählen."

Sich als Nigerianer behaupten müssen

Philip Egbune lebt heute in München. Hier hat er inzwischen einen guten Anschluss an die nigerianische Community gefunden, für die er als Public Relations Officer tätig ist. Wie schon das Entdecken seiner jüdischen Identität ihn zum Engagement für die Jüdische Gemeinde in Nordhausen gebracht hat, so führt ihn das stärkere Bewusstsein für seine afrikanischen Wurzeln, nicht zuletzt aufgrund der Enttäuschungen, zum Einsatz in dieser Community. Aber:

"Ich werde dort auch wahrgenommen als nicht ganzer Nigerianer, weil ich zu hell bin und muss mich da auch behaupten. Nigerianer essen gern scharf. Und ich dachte, ich muss mich beweisen. Und ich habe gegessen und geheult und habe gegessen und geheult, aber ich habe mein Nigerianersein verteidigt!"

Selbstverständlich wird koscher gegessen – oder vegetarisch

Seine jüdische Identität, zu der er erst nach und nach finden musste, lebt er heute mit tiefem Selbstverständnis. Er trägt Kippa, hält sich an die Halacha, kauft nach Möglichkeit koschere Lebensmittel.

"Ich versuche, die Balance zu finden, einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann. Für mich war es wichtig, dass meine Kinder, als sie in München waren, in die jüdische Schule und Kindergarten gingen. Zu Hause wird koscher gegessen, aber der Kompromiss ist dann für mich, schon zu sagen, draußen esse ich vegetarisch."

Philip Egbune versucht, beiden Seiten seiner Herkunft Raum zu geben. Gemeinsam mit seiner Nichte schreibt er an einem Buch über Schwarze Menschen, die eine wichtige Rolle in der Weltgeschichte spielten. Am liebsten möchte er Bildungsprojekte in Nigeria fördern, helfen, seine alte Schule auf Vordermann zu bringen. Seine Reise, die vor über 40 Jahren in Afrika begann, ist noch lange nicht zu Ende.

(*) Redaktioneller Hinweis: Der Text wurde um einen Begriff gekürzt, der als diskriminierend verstanden werden könnte.

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