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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.06.2016

Schulprojekt in Israel Unsere Stadt Jerusalem

Von Brigitte Jünger

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Katja Soennecken und Marcel Serr bei Ausgrabungen in der Davidsstadt (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)
Katja Soennecken und Marcel Serr bei Ausgrabungen in der Davidsstadt. (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)

Die Schmidt-Schule für christliche und muslimische Mädchen in Ost-Jerusalem will helfen, ideologische Barrieren zu überwinden. Das Projekt "Meine Stadt - Meine Geschichte" widmet sich der Geschichte und Archäologie der Stadt Jerusalem.

Katja Soennecken: "Wir sind hier unten im ersten Teil der Stadt, in dem ältesten Teil der Stadt. Und das, was wir hier um uns rum sehen, ist ein Beispiel wie Archäologie und Politik ganz fies verwoben ist, weil hier sehen wir den sogenannten Palast von David."

Die Schülerinnen der 10. Klasse der Schmidt-Schule sind unterwegs mit Katja Soennecken und Marcel Serr in der Davidsstadt, dem archäologischen Park unterhalb der Al-Aqsa Moschee. Diesen Platz im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan würden die christlichen und muslimischen Mädchen alleine nie betreten – obwohl sie selbst auch alle in Ost-Jerusalem wohnen. Hier meinen israelische Archäologen den Palast König Davids entdeckt zu haben und versuchen damit die jüdischen Ansprüche auf die Stadt zu untermauern.

Schülerinnen der Schmidt-Schule halten einen Vortrag im archäologischen Park der Davidsstadt in Jerusalem. (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)Schülerinnen der Schmidt-Schule halten einen Vortrag. (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)

Archäologie darf nicht Teil der Propaganda werden

Katja Soennecken: "Und das ist was, was die Archäologie nicht machen darf. Wir dürfen nicht Teil von der Propaganda werden und Teil von der Politik, sondern nur das anschauen, was wir auch wirklich finden und das ist hier in diesem Bereich leider nicht viel." 

Ideologie und Propaganda machen in Israel auch nicht vor der Geschichte halt, die nur allzu oft für die eigene Argumentation umgedeutet wird. So wachsen Generationen von palästinensischen Christen und Muslimen, wie natürlich auch israelische Juden, mit den gleichen stereotypen Bildern von der jeweils anderen Kultur und Religion auf. Kritische Auseinandersetzung ist da mehr als nötig, muss jedoch erst einmal vermittelt und eingeübt werden. Hier setzt das Schulprojekt der Schmidt-Schule an, denn über die Beschäftigung mit der Stadtgeschichte lässt sich der Blick auf den Anderen langsam öffnen.

Kerstin Scherer: "Wir arbeiten über die biblische Zeit, wir arbeiten über die römische Zeit am Beispiel Herodes, wir arbeiten über die Kreuzfahrer und vorher über die Ummayaden. Also, wir gehen einmal durch die Geschichte Jerusalems und schauen uns das einfach auf der Basis von Quellen an."

Kerstin Scherer, seit vier Jahren Lehrerin an der Schmidt-Schule in Ost-Jerusalem, begleitet das Projekt mit den Mädchen der 10. Klasse von schulischer Seite. Der andere Partner ist das DEI, das Deutsche Archäologische Institut in Jerusalem. Katja Soennecken und Marcel Serr sind dort wissenschaftliche Mitarbeiter und haben das Projekt mit entwickelt.

Kerstin Scherer: "Wir haben angefangen drüber nachzudenken, was ist mir eigentlich in meiner Stadt wichtig? Was ist eigentlich meine Stadt? Und unser zweiter Schritt war: Was weiß ich denn eigentlich über die Geschichte der Stadt? Was kenne ich eigentlich an Bauwerken? Und man ist dann doch immer wieder erstaunt, wie wenig es ist."

Schülerinnen der Schmidt-Schule vor der Grabeskirche in Jerusalem (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)Schülerinnen der Schmidt-Schule vor der Grabeskirche in Jerusalem (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)

Die Schülerinnen lernen, kritische Fragen zu stellen

Die unterschiedlichen Narrative des Nahostkonfliktes sorgen dafür, dass die in der Wissenschaft völlig unstrittige Frage, ob es vor 2000 Jahren auf dem Tempelberg einen jüdischen Tempel gegeben hat, für die Schülerinnen zur Herausforderung wird.

"Ich weiß, dass es vor dem Felsendom einen christlichen Tempel gab, aber dieser jüdische Tempel, ich denke, ist nicht richtig. Also, vor Aqsa und Felsendom gab es keinen jüdischen Tempel."

"Die Juden sagen, es gibt einen Tempel – wir glauben das nicht, wir glauben, dass die Juden ihn dort hingestellt haben, nur um zu sagen, es gehört uns und nicht den Muslimen."

Katja Soennecken: "Im letzten Jahr, da gab's ne ganz große Gruppe innerhalb der Schüler, die dann gesagt haben, das geht doch gar nicht und das haben wir anders gelernt, und das war schwer das rauszukriegen, weil gerade so 'ne Kampagne war, dass sowohl die Israelis das mehr für sich wollten und aber auch der arabische Teil, also mit dem Großmufti gesagt hat, da gab's nie einen Tempel. Und in diese Politikdebatte sind wir dann reingelaufen."

Kerstin Scherer: "Da werden dann die Autoritäten von Zuhause befragt. Da wurden die Handys gezückt und dann wurde die Mama angerufen, es wurde die Oma angerufen und es wurde noch mal nachgefragt, wie siehst du denn das? Wie hast du mir denn das erzählt?"

Anstatt Gehörtes unhinterfragt zu übernehmen, lernen die Mädchen, kritische Fragen zu stellen und die Fakten in den Blick zu nehmen. Dazu besuchen sie auch das Deutsche Evangelische Institut auf dem Auguste Victoria Compound, wo sie einen Vortrag zur Stadtgeschichte Jerusalems hören und selbst alte Texte analysieren. Daneben geben ihnen die Archäologen Einblicke in eine Ausgrabung des DEI auf dem Zionsberg und führen sie an geschichtsträchtige Orte in Jerusalem, an denen die meisten Schülerinnen noch nie waren.

"Letzte Woche sind wir in die Erlöserkirche gegangen. Also, ich bin da vorher nicht hingegangen, und deshalb weiß ich nicht so viel über es - über sie".

"Also, wir wissen mehr jetzt über die Christen, wo zum Beispiel im Grabeskirche das Grab ist und die drei Teile im Grabeskirche usw., wir wissen mehr über die Grabeskirche, was die Christen da machen."

"Ich wusste nicht, dass die Grabeskirche von jemand zerstört wurde, der Muslim ist."

Der erlernte Blick auf die Geschichte bekommt Risse

Die vielleicht wichtigste Erfahrung dabei ist einerseits schmerzlich, weil der erlernte Blick auf die Geschichte Risse bekommt, andererseits eröffnet die kritische Reflexion jedoch auch ganz neue Horizonte jenseits der unfruchtbaren Täter-Opfer Schemata, wie Rüdiger Hocke, der Schulleiter erklärt:

"Das heißt, die Köpfe flexibel zu kriegen und - indem sie sich mit andern Kulturen auseinandersetzen - überhaupt die Voraussetzung zu schaffen den israelischen Blickwinkel auf bestimmte Aspekte einnehmen zu können, ohne dass sie jetzt sagen, den find ich gut oder den find ich schlecht. Aber überhaupt mal die Voraussetzungen zu schaffen."

Der aktuelle politische Konflikt bleibt dabei in den Themenstellungen des Projektes außen vor.

Marcel Serr: "Bewusst enden wir mit dem Osmanischen Reich, um von dieser Konfliktdebatte so'n bisschen befreit zu sein. Natürlich schwingt's immer mit und aus dem Denken der Schülerinnen geht das natürlich auch nicht auf einmal raus. Aber - ich halt das auch gerade für einen Vorteil von dem Projekt, dass wir eben nicht jetzt noch den israelischen Unabhängigkeitskrieg oder die Nakba behandeln. Das würde das ganze Projekt so belasten, dass es das eigentlich kaputtmachen würde, denk ich."

Schülerin: "Guten Morgen, heute werden wir über die biblische Zeit sprechen. Zuerst werde ich über die Jebusiter sprechen. Also, die Jebusiter, sie waren die Gründer von Jerusalem."

Wenn die Schülerinnen nach zwei Wochen die Ergebnisse ihrer Recherchen an den Plätzen in der Stadt präsentieren, die mit ihren Themen verbunden sind, hat sich ihr Blick geweitet. Ob es am Ende tatsächlich gelingt, die Denkmuster nachhaltig aufzubrechen, muss natürlich offen bleiben. Der spannende, kreative und vor allem ideologiefreie Zugang zur Geschichte der eigenen Stadt ist auf jeden Fall ein erster Schritt für die Schülerinnen:

"Für mich ist es ein spannendes Thema. Man kann viele Dinge kennenlernen über seine Stadt und man kann an viele Orte gehen und es sehen, und besser verstehen."

"Jerusalem ist ein Platz für die drei Religionen; alle dürfen hier leben, weil es einmal sehr heilig war für sie. Also, alle dürfen hier leben, davon bin ich mehr überzeugt."

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