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Interview | Beitrag vom 21.03.2019

Schulordnung in RottenburgJogginghosen-Verbot − ein pädagogisches Missverständnis

Roland Reichenbach im Gespräch Dieter Kassel

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Ein Schülergruppe sitzt während des Unterrichts an einem Tisch - vorn steht der Lehrer udn erklärt etwas. (NeONBRAND / Unsplash)
Die Jogginghose als Gefahr für die Autorität des Lehrers? Wohl kaum, meint der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach. (NeONBRAND / Unsplash)

Eine Realschule in Rottenburg im Kreis Tübingen verbannt Jogginghosen vom Schulgelände. Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichebach kann nicht erkennen, was an dieser Hosenform "problematisch" oder "bösartig" sein soll.

Jogginghosen, Käppis und der Konsum von Energy-Drinks sind einer Realschule in Rottenburg im Kreis Tübingen verboten worden. "Wir kleiden uns der Schule angemessen. Unsere schulische Kleidung unterscheidet sich von unserer Freizeitkleidung", heißt es in der Schulordnung.

Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Roland Reichebach erkennt in diesem Jogginghosen-Verbot ein Missverständnis wichtiger pädagogischer Prinzipien. Offenbar gehe es hier um den Konflikt zwischen Autorität und autoritärem Verhalten. Die Jogginghose stehe in dem Verdacht, die Autorität der Lehrperson zu untergraben, meinte Reichenbach.

Autorität ist keine Eigenschaft, sondern Beziehungsqualität

Er führte aus, dass Autorität eine gelingende "Anerkennungsbeziehung" sei − und eben nicht eine Eigenschaft einer Person oder Lehrperson. "Und dort, wo die Autorität nicht anerkannt wird, setzen die Autoritätsfiguren ihre Mittel ein", meinte Reichenbach. Quellen der Autorität sei gemeinhin Wissen, Können, Belohnungs- oder Bestrafungsmacht.

Typischerweise würden "privilegierte Schülerinnen und Schüler" seltener in Opposition zu ihren Lehrinnen und Lehrern treten. Denn sie wollten sich nicht durch "anti-bürgerliches Verhalten" und "fragwürdige Manieren" schaden.

Privilegierte Kinder täuschen "Autoritätsanerkennung" vor

Weniger privilegierte Schülerinnen und Schüler verstünden diese Strategie nicht. Sie opponierten mit ihrem authentischen Habitus, sei es mit Jogginghose oder ohne, und dieser Habitus schade ihnen. 

Letztlich sei das "Vortäuschen von Autoritätsanerkennung" das, was wir unter Höflichkeit verstehen, sagte der Pädagoge − und daher nichts anderes als schöner Schein. In der Schule sollte jedoch eher darauf geschaut werden, "wer in dieser Jogginghose steckt und was man mit dem macht". Das sei wichtiger, als Äußerlichkeiten einzufordern.

(huc)

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