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Interview | Beitrag vom 22.02.2021

SchulöffnungenNeuer Auftrieb für das Virus?

Timo Ulrichs im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Schülerin einer 4. Klasse hebt im Unterricht an der Grundschule Russee in Kiel die Hand. Sie trägt einen Mund-Nasen-Schutz. (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)
Timo Ulrichs hat kein Problem damit, die Schulen jetzt zu öffnen. Allerdings sollten auch die Lehrer geimpft werden, damit sie nicht zu Superspreadern werden. (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)

Während die Coronazahlen wieder leicht steigen, öffnen Schulen und Kitas. Kritiker befürchten, dass das Virus bald wieder exponentiell wächst. Der Epidemiologe Timo Ulrichs blickt hingegen vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Ute Welty: Die Sorge vor einer dritten Coronawelle in Deutschland wächst; auch angesichts der weiteren Schulöffnungen heute. Bildungsgewerkschaften warnen vor Gesundheitsgefahren und vor allem: Die britische Mutation breitet sich weiter aus.

Gleichzeitig kommen gute Nachrichten aus Israel, denn dort zeigt sich, dass mit Biontech/Pfizer geimpfte Menschen das Virus kaum weiter tragen.

Timo Ulrichs ist Infektionsepidemiologe an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Was bewegt Sie mehr, die guten Nachrichten aus Israel oder die schlechten über die zum Teil wieder steigenden Zahlen aus Deutschland?

Ulrichs: Die guten Nachrichten aus Israel, denn das ist ja das, was wir erwarten: Dass die ganzen Impfstoffe nicht nur individuell schützen, sondern darüber hinaus auch insgesamt einen Schutz für die Population herbeiführen, indem die Infektion weniger gut oder gar nicht mehr weitergegeben werden kann, weil das Immunsystem dann schon so gut aufgestellt ist, dass das Virus gar nicht mehr andocken kann.

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Welty: Aber die Impfstoffe wirken ja zum Teil schlechter gegen die Mutationen, vor allen Dingen gegen die südafrikanische. Und es gibt über diese Mutationen immer mehr Infektionen. Lässt sich denn da ein exponentielles Wachstum mit den derzeit geltenden Maßnahmen tatsächlich verhindern?

Maske und Abstand sind sinnvoll

Ulrichs: Das kann man versuchen, auf zwei Arten herbeizuführen. Einmal natürlich, indem man impft und sieht, wie das Ganze dann tatsächlich ist, also die neuen Varianten auch mit abgedeckt werden. Da sehen die Daten eigentlich auch ganz gut aus – noch, kann man sagen.

Das andere ist, dass wir in vielen Ländern sehen, auch in Deutschland und in Großbritannien, dass die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, grundsätzlich auch hilfreich sind gegen die neuen Varianten. Und das gilt für alle.

Welty: Was bedeutet denn "noch" genau?

Ulrichs: Noch heißt: Wenn wir uns immer noch mehr Zeit lassen mit dem Impfen und auch nicht global flächendeckend impfen, dann hat das Virus weiterhin die Chance, sich mit großer Zahl auszubreiten. Und je größer die Zahl der zirkulierenden Viren ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Replikation neue Varianten entstehen.

Wir müssen also nicht nur bei uns gut durchimpfen, sondern auch weltweit, auch in armen Ländern, die sich Impfstoffe eigentlich gar nicht leisten können, damit wir dem Virus weltweit die Regionen nehmen, wo es sozusagen untertauchen und dann in veränderter Form möglicherweise nach Europa zurückkommen kann.

Welty: Wo muss denn sonst noch nachgesteuert werden, wenn das Wetter weiter schön bleibt und die Parks voll?

Weiterhin bei der Stange bleiben

Ulrichs: Wir haben ja jetzt eine leichte Abschwächung des Rückgangs der Neuinfiziertenzahlen. Das ist aber erst mal nicht schon gleich als Trendwende einzuschätzen, sondern es ist so, dass wir das natürlich aufmerksam beobachten müssen, und dann ist es eben ganz wichtig, dass wir weiterhin bei der Stange bleiben, unsere Maßnahmen individuell und in den Gruppen, in denen wir uns bewegen, gut einhalten, damit wir bis zur Massendurchimpfung – das ist ja nicht mehr so lange hin – noch durchhalten und nicht noch unnötig Opfer generieren.

Welty: Was denken Sie denn, welche Rolle die Schulen spielen werden, von denen ja heute etliche wieder öffnen?

Ulrichs: Die Schulen öffnen ja mit sehr guten und stringenten Hygienekonzepten ...

Welty: In Baden-Württemberg gibt es weder Abstand- noch Maskenpflicht.

Ulrichs: Ja, es ist sehr unterschiedlich, da haben Sie Recht. Aber grundsätzlich ist es so, dass man ein Hygienekonzept zugrunde legen kann. Und wir fangen auch nur mit einer Maßnahme an, nämlich mit den Schulöffnungen. Und alles andere, was man – bis auf die Friseure – gleichzeitig hätte machen können, wurde eben noch mal zurückgestellt. Das ist ganz wichtig, damit wir dann im Abstand von 10 bis 14 Tagen nach der Öffnung abschätzen können, ob das nicht eventuell doch nicht so gut funktioniert.

Aber wir sehen das in unserem Nachbarland Frankreich, die haben die Schulen offen und zwar schon ziemlich lange. Und da klappt es, dass dann zumindest die Neuinfiziertenzahlen auf einem stabilen Niveau gehalten werden, das zwar etwas höher liegt als bei uns, aber es funktioniert. Und das könnte bei uns durchaus auch der Fall sein.

Welty: Macht es dann Sinn, zum Beispiel die Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas schneller zu impfen als bislang vorgesehen – auch angesichts der Ergebnisse aus Israel?

Potentielle Super-Spreader aus dem Verkehr ziehen

Ulrichs: Ja, wenn die Schulen wieder öffnen, dann ist natürlich bei der beruflichen Tätigkeit ein gewisses Risiko einfach vorhanden. Und da sollte dann eben auch, wenn möglich, ein Schutz her, und der wäre mit der individuellen Impfung gegeben.

Das Zweite ist, dass man tatsächlich, wenn die Daten verlässlich sind, auch davon ausgehen kann, dass wenn Lehrerinnen und Lehrer und Kita-Erzieher geimpft sind, sie dann das Virus weniger gut weitergeben können. Das heißt, dass man potentielle Super-Spreader gleich aus dem Verkehr ziehen kann.

Welty: Wie beurteilen Sie eine mögliche Gefahr einer viel beschriebenen dritten Welle, wenn die zweite noch gar nicht richtig überwunden ist?

Ulrichs: Das ist natürlich grundsätzlich gegeben, wenn jetzt viele Dinge schieflaufen, dass dann das tatsächlich wieder nach oben gehen könnte, wir befinden uns immerhin noch im Winter, auch wenn die Temperaturen das im Augenblick gerade nicht nahelegen. Aber da sind die äußeren Bedingungen eben für das Virus und die Ausbreitung sehr günstig. Das ist etwas anders als nach dem ersten Lockdown im Frühling letzten Jahres.

Aber es ist so, dass die Faktoren, die jetzt diskutiert werden für diese Verlangsamung oder für die labile Situation, dass wir möglicherweise wieder eine Trendumkehr Richtung Zunahme sehen, dass das auch Faktoren sein können, die auf der Wirtseite liegen. Also nicht nur neue Varianten, die man auch im Auge behalten muss, sondern eben auch ein etwas nachlässigeres Verhalten beim Einhalten der Lockdown-Maßnahmen.

Welty: Das heißt, die Menschen sind am Ende des Tages entscheidender als die Mutationen?

Ulrichs: Das würde ich sagen, denn wir haben ja sehr viele Dinge, die eingehalten werden müssen, weniger Kontakte, Abstand halten, Masken tragen dort, wo wir Kontakte haben. Das ist etwas, was sehr schwierig durchzuhalten ist, das ist völlig klar, und womit wir ja schon sehr lange zu tun haben. Und wenn da Nachlässigkeiten sind, dann können unter äußeren Bedingungen wie dem Winter tatsächlich wieder weitere Ausbreitungen passieren.

Die Schulen zu öffnen, ist gerechtfertigt

Welty: Was ist denn aus Ihrer Sicht die richtige Strategie, um die kommenden Wochen und Monate tatsächlich gut zu überstehen? Denn viele sind inzwischen müde und zermürbt, was ich gut verstehen kann.

Ulrichs: Ich halte es für gerechtfertigt, dass wir trotz dieser Verlangsamung der Abnahme von Fallzahlen mit den Schulöffnungen beginnen, und dann immer gut gucken, wie das Ganze sich epidemiologisch auswirkt, das ist ja immer mit einem kleinen Zeitverzug erst sichtbar.

Und dann auch weitermachen, das heißt, wenn alles gut geht und wir dann die neuen Varianten immer noch im Griff haben, kann man eben weiter in die Öffnungen gehen. Und dann wird es ja auch langsam wärmer und Frühling, und dann haben wir hoffentlich wieder so gute Bedingungen wie nach dem Ende des ersten Lockdowns.

Welty: Und für wann rechnen Sie wieder mit einem Leben, das dem vor Corona wenigstens ähnelt?

Ulrichs: Mit Erreichen der Massen-Durchimpfungsphase. Das heißt, wir haben jetzt noch einige Wochen, wo zwar die Impfstoffdosen mehr und mehr werden, aber bis dann so richtig viel geliefert wird, das ist dann erst im zweiten Quartal dieses Jahres der Fall.

Und dann kann man eben auch richtig in die Breite gehen, dann wird also die Diskussion auch um die Priorisierung langsam in den Hintergrund treten, weil wir dann einfach richtig loslegen können. Wenn dann sehr viele Menschen, also auch alle Altersgruppen, durchgeimpft sein werden, dann wird sich das auch epidemiologisch bemerkbar machen, und dann können wir nach und nach auch sicherer sein und immer mehr öffnen – und uns auch so langsam von den klassischen Public-Health-Maßnahmen, wie beispielsweise dem Abstandhalten, verabschieden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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