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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.11.2013

Schützengräben, Giftgas, Granaten

Erich Maria Remarque: "Im Westen nichts Neues", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

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Erster Weltkrieg: Soldaten in einem Schützengraben, Ort und Zeit unbekannt (AP Archiv)
Erster Weltkrieg: Soldaten in einem Schützengraben, Ort und Zeit unbekannt (AP Archiv)

Erich Maria Remarque lag 1917 selbst verwundet im Lazarett, als er sich seine Kriegserlebnisse von der Seele schrieb. Es ging ihm darum, die grausame Wahrheit zu erzählen. Sein Kriegsroman "Im Westen nicht Neues" ist jetzt in seiner ursprünglichen Fassung neu erschienen.

Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, sagt man, zumeist achselzuckend. Das gilt für die Heimatfront. An der anderen Front jedoch stirbt den Soldaten alles, was sie an Werten und Überzeugungen sicher glaubten, unter den Füßen weg, bevor sie selbst "dran glauben müssen". Oder an Leib und Seele verwundet ins zivile Leben zurückkehren, beziehungsweise eben nicht: Sie bleiben buchstäblich lebenslänglich "Kriegsgefangene". Sie haben mehr Grausames erlebt und getan, als für Menschen verträglich ist. Vor allem für die jungen, das "Kanonenfutter".

Diese schlichte zeitlose Wahrheit ist Pazifisten wie Bellizisten bekannt. Man erfährt sie schon bei Grimmelshausen und heute aus den Begründungen für Hightech-Kriege und Berichten von Militärpsychiatern. Um diese Wahrheit ging es auch Erich Maria Remarque mit seinem Roman "Im Westen nichts Neues", und das macht ihn so aktuell.

Zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – in dem er selbst 1917 zum Glück nur kurz "draußen im Feld" war, weil er bis zum Ende schwer verwundet im Lazarett lag – schrieb er sich von der Seele, was Krieg wirklich heißt. Nicht als Reportage oder Dokumentation: Er transformierte vielmehr das, was er selbst erlebt und vor allem, was er von anderen Verwundeten erzählt bekommen hatte, in klug konstruierte, moderne Prosa – die keineswegs, wie man heute weiß, in einem Rutsch runtergeschrieben war. Sie erschien zuerst 1928 als Zeitungsserie und 1929, mehrfach umgebaut, als Buch bei Ullstein und – erlangte sofort Weltruhm, auch dank der Hollywood-Verfilmung 1930.

"Im Westen nichts Neues" ist die Ich-Erzählung des blutjungen Paul Bäumer, der sich gleich nach der Schule, aufgestachelt vom Lehrer, freiwillig meldet und nach dem Kasernenhofdrill an die Westfront geschickt wird. Mitten hinein in das Grauen des Stellungskriegs: Schützengräben, Giftgas- und Granatenangriffe, zerfetzte, sterbende Kameraden und die eigene Abstumpfung und Verrohung, gegen "den Feind" wie "die eigenen Leute", Überleben um jeden Preis. Bäumer beobachtet und reflektiert.

Makaber – aber dieser Krieg setzt auch immense kreative Energie frei. Alle Welt macht sich selbst zum Chronisten, schreibt Tagebücher, Briefe, 'Graben-Zeitungen', revolutioniert die Kunst im Namen von Dada und Expressionismus. In der "deutschen Welt" dagegen gilt, wer die Lügen über den Krieg enttarnt, bald als "Gesinnungslump", hier herrscht 1929 nicht nur Wut über "die Schande von Versailles", sondern bereits blutiger Prä-Nazi-Terror. 1933 wird auch Remarques Roman verbrannt.

Kurz bevor sich die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zum hundertsten Mal jährt, gibt es ihn jetzt zum ersten Mal wieder in seiner ursprünglichen Fassung. Dazu nie veröffentlichte Passagen und ein ausführliches Nachwort von Thomas F. Schneider, dem Leiter des Remarque-Friedenszentrums Osnabrück. Ein richtig schönes Buch – mit "Eyecatcher"-Umschlag und dem Repro des Covers von 1929 – und wohlfeil dazu. Kurz, es gibt keinen Grund, sich um diesen Roman zu drücken, der so viele spätere Kriegsromane inspiriert hat.

Besprochen von Pieke Biermann

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
Sonderausgabe mit Anhang und Nachwort von Thomas F. Schneider
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
368 Seiten, 15 Euro

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