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Interpretationen | Beitrag vom 27.06.2021

Schuberts Sinfonie C-Dur, die "Große"Ein Roman in vier Sätzen

Moderation: Ulrike Timm

Idealisierte, nachkolorierte Zeichnung des sitzenden Komponisten mit kurzem, dunklen, lockigem Haar und kleiner, rundlicher Brille. (imago images / Leemage)
Er sprach von Geburt an Wienerisch, sagte der berühmte Dirigent Nikolaus Harnoncourt einmal über Franz Schubert und sein musikalisches Werk. (imago images / Leemage)

Mehr als 600 Lieder schuf Schubert. Doch um nicht ewig im Schatten Beethovens stehen, schuf er auch eine Symphonie. Lange galt seine sogenannte "Große" in C-Dur als längstes Orchesterwerk überhaupt.

Als Franz Schubert 1828 mit gerade 31 Jahren starb, wurde seine Hinterlassenschaft ordentlich aufgelistet. Sie bestand vorwiegend aus Wäschestücken, darunter einige Paar Socken, vier Hemden, eine Matratze und eine Decke, sowie "einige alte Musikalien" – in dieser Reihenfolge.

Elf Jahre später machte Robert Schumann einen Neujahrsbesuch bei Schuberts Bruder, stöberte in den "alten Musikalien" und fand einen Schatz – die große C-Dur-Sinfonie.

Schumann begriff den künstlerischen Wert der Komposition sofort, Mendelssohn Bartholdy brachte sie mit dem Gewandhausorchester Leipzig zur Uraufführung – stark gekürzt, denn die Musiker verzweifelten wohl spätestens am wirbelnden letzten Satz.

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Schubert selbst hat sein Werk nie öffentlich gehört, schon der Versuch, es wenigstens mal durchzuspielen, scheiterte kläglich. Man überreichte dem Komponisten hundert Gulden als Trostpreis, das Autograf lag fortan im Archivschlaf bei der Gesellschaft der Musikfreunde zu Wien.

Schubert steckte seine Abschrift in die Schublade – und für die Schublade zu komponieren, das war für ihn ja nichts Neues.

Verzweifeln an Beethoven

In Wien 1824, als Schubert anfing, über seine Sinfonie nachzudenken, gab es vor allem ein Gesprächsthema: Beethovens aktuelles Werk mit Sängern und Chor, die 9. Sinfonie! Schubert hatte die Uraufführung miterlebt, war völlig begeistert und fühlte sich zugleich vollkommen zerschmettert. Schließlich komponierte er selbst ein Werk nach dem anderen, hatte aber den Ruf: "Du kannst nur Lieder".

Schubert wusste aber, wenn er in Wien etwas gelten wollte, musste er nachlegen, mit einer großen Sinfonie. Dass er sich, mit Beethovens Vorbild im Nacken, doch verhältnismäßig schnell befreien und den übermächtigen Eindruck des Vorbildes in etwas Eigenes, Schöpferisches verwandeln konnte, das liegt vor allem auch daran, dass Schubert seinen ganz eigenen Ton hat.

Er sprach Wienerisch von Geburt an

Immer, vom ersten Lied bis zum letzten Sinfonieakkord spricht Schubert seine eigene musikalische Sprache, auch ein spezielles wienerisches Idiom. Nikolaus Harnoncourt etwa betonte gern, Schubert spräche Wienerisch von Geburt an.

Das Volksliedhafte frei von jeglicher Tümelei, Wehmut und Melancholie sowie ein durchgehend wandernder rhythmischer Schwung aus punktierten Noten ziehen sich durchs gesamte Werk – alles entwickelt aus der Keimzelle allerersten Beginns.

Schubert kam vom Lied her

Dabei denkt Schubert vom Lied her, mehr als 600 Lieder hat er ja geschaffen und gilt als eigentlicher Schöpfer dieser Gattung. Diese strömende Klangrede nimmt er mit ins Orchester. Schubert entfaltet sein Material in die Weite, gestaltet nicht oder doch selten "kämpferisch" wie Beethoven, sondern lässt aussingen, ohne die Fäden der Konstruktion aus der Hand zu geben.

Das braucht Zeit. Und so entsteht mit seiner C-Dur-Sinfonie für viele Jahre das längste reine Orchesterwerk überhaupt.

Interpretationen aus sieben Jahrzehnten

Die Aufführungen fallen höchst unterschiedlich aus, beeinflusst vor allem auch davon, ob man sich wie in älteren Aufnahmen auf langjährig bekannte Bearbeitungen stützt oder das Autograf nutzt.

Zu hören sind Interpretationen aus sieben Jahrzehnten unter Leitung von Wilhelm Furtwängler, René Leibowitz, Bruno Walter, Herbert Blomstedt, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner und Ivan Fischer. Mit dem Chamber Orchestra of Europe hat einmal sogar das gleiche Orchester im selben Jahr Schuberts Sinfonie mit verschiedenen Dirigenten aufgenommen – mit Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt.

Lassen Sie sich überraschen!

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