Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Donnerstag, 21.02.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.08.2013

Schrille Handlung, glitzernde Charaktere

Stephen King: "Joyland", Heyne, München 2013, 325 Seiten

Podcast abonnieren
Bestsellerautor Stephen King ist für seine Horrorgeschichten bekannt (picture alliance / dpa / Abaca Olivier Douliery)
Bestsellerautor Stephen King ist für seine Horrorgeschichten bekannt (picture alliance / dpa / Abaca Olivier Douliery)

Die Kulisse ist ein Rummelplatz im Jahre 1973, eine Frau wurde ermordet, der Täter läuft noch frei herum, der Geist der Frau spukt ruhelos auf dem Gelände des Vergnügungspark umher. Stephen Kings "Joyland" ist sowohl eine Spukgeschichte als auch ein Krimi.

Ein Roman, der auf einem Rummelplatz spielt: Muss das im Fall von Stephen King nicht schon als Pointe gelten? Die Romane des amerikanischen Bestsellerautors sind selbst ein Literatur gewordener Vergnügungspark. Es kracht und knallt und spukt, die Handlung ist oft grell, die Charaktere schillern. Ein Spaß für Leserinnen und Leser aller Alters- und Bildungsstufen.

Vom Feuilleton verurteilt

Das Feuilleton hat den Autor für seine Zirkushaftigkeit immer verurteilt, die sensationellen Stoffe als Kolportage, seinen Stil als naiv und hölzern abgetan. Dabei ist es oft gerade die virtuose Erfüllung von Genreregeln, die Kings Texte vorführen: Kein Autor der Gegenwartsliteratur spielt so souverän auf der Klaviatur der Horror- und Thrillerkunst.

Der Roman "Joyland" ist sowohl Spuk- als auch Kriminalgeschichte, in die, mit großem Feingefühl, ein Entwicklungsroman hineingewoben ist. Devin jobbt in den Semesterferien auf dem titelgebenden Rummelplatz, und weil wir das Jahr 1973 schreiben, ist das Ganze kein disneyworldartiges Hightech-Vergnügen, sondern eine funkelnde, ächzende Maschinenwelt mit Riesenrad und Wippen und Schaukeln. Und einer Geisterbahn.

Dort spukt eine Frau, die in Joyland ermordet wurde. Der Killer ist immer noch auf freiem Fuß, deshalb kann sie keinen Frieden finden, und Devin wird zum Schurkenjäger. Könnte der Täter einer der Angestellten von Joyland sein?

Das ist der zu lösende Fall, aber der Held schlägt sich noch mit ganz andern Dämonen herum: Die Erinnerung an seine College-Liebschaft, die ihn schmählich sitzen ließ, der einsame Vater, der den Tod der Ehefrau nicht verkraftet. Und dann das Begehren, das immer drängender wird. Devin ist 21 Jahre alt und wünscht sich, endlich ein Mann zu werden.

Entdeckung der Tapferkeit

Als schließlich die schöne und rätselhafte Annie mit ihrem achtjährigen todkranken Jungen ins Spiel kommt, ist das Ensemble komplett: Der Killer wird aufgespürt, der Geist erlöst, aber vor allem finden drei vom Schicksal arg ramponierte Menschen zueinander. Von dieser Notgemeinschaft wird - neben dem höchst riskanten Katz-und-Maus-Spiel mit einem Serienmörder – allerhand bewältigt: der Verlust eines geliebten Menschen, die Aussöhnung mit einer Familie, die von Groll zerrüttet war. Und – in Devins Fall – die Entdeckung der eigenen Tapferkeit.

Wer sagt, dass eine erzählerisch fein ausgestaltete Erziehung des Herzens nicht in einer scheppernden Vergnügungskulisse stattfinden kann? Die Lichtregie der Geisterbahn taugt hier erstaunlich gut zum literarischen Verfahren: Mal werden Figuren und Motive grell angestrahlt, dann wieder bleibt vieles im Dunkeln. Man ahnt als Leser, dass sich etwas zusammenbraut und ist doch verblüfft über das, was sich als Nächstes offenbart.

Solche Unterhaltungseffekte kann nur ein Meister mit den Finessen einer moralischen Prüfung und Bewährung verbinden. Wenn die amerikanische Ausgabe von "Joyland" im Look des Groschenromans erscheint, ist das also eine Mogelpackung im besten Sinne: Sieht nach Bubblegum-Entertainment aus, und ist nahrhaft wie ein Mark-Twain-Roman.

Besprochen von Daniel Haas


Stephen King: Joyland
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
Heyne, München 2013
325 Seiten, 19,99 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Literarisches ElementLuft zum Lesen
Mehrere Windmühlen stehen in einer Landschaft in Spanien (Panthermedia/imago)

Als Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte, blieb dem ein oder anderen Leser die Luft weg. Das unsichtbare Element taucht in vielen Romanen auf - sei es das Lungensanatorium bei Thomas Mann oder die Luftverschmutzung bei Monika Maron.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur