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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.05.2016

Schriftstellerkonferenz in BerlinEuropa macht keine Hoffnung mehr

Von Nicol Ljubic

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Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)
Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)

Krise - das Wort bedeutet ursprünglich so viel wie Wendepunkt oder Entscheidung. Doch was muss anders werden? Um die möglichen Richtungen auszumessen, hat Nicol Ljubic mit weiteren Kollegen ab heute zum Europäischen Schriftstellerkongress nach Berlin eingeladen.

Es sollte um Europa gehen, so stand es in der Einladung. Mehr wusste ich nicht, als ich mich im April 2013 in einer Runde von Autoren und dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der SPD, Frank-Walter Steinmeier, wiederfand. Denke ich an jenen Abend zurück, dann ist es vor allem ein Satz, der mir in Erinnerung geblieben ist: Wir könnten froh sein, wenn es die EU in der Form wie wir sie kennten, in einem Jahr noch geben werde. Das sagte nicht irgendwer, sondern Steinmeier, der vormalige und zukünftige Außenminister.

Er sprach damit eine Sorge aus, die auch mich beschäftigte: die Sorge um Europa. Auch wenn es dick aufgetragen klingen mag, aber Europa ist Teil meiner Identität. Ich bin Deutscher mit kroatischem Nachnamen. In Zagreb geboren, aufgewachsen in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland.

Geht es um Europa, geht es um unsere Identität, um unsere Lebensgeschichten. Die Frage, die wir uns an jenem Abend stellten: Was können wir als Autoren für Europa tun?

Nationalisten auf dem Vormarsch

Wir organisierten eine Schriftstellerkonferenz und luden im Jahr darauf dreißig Autorinnen und Autoren aus 24 verschiedenen europäischen Ländern nach Berlin ein. Dass die Konferenz auch im Zeichen eines Krieges in der Ukraine stehen würde, hatte sich keiner von uns vorgestellt.

Jetzt findet die nächste europäische Schriftstellerkonferenz in Berlin statt, dieses Mal im Zeichen der Flüchtlingskrise: auch ein Thema, über das wir uns vor ein paar Jahren noch keinerlei Gedanken gemacht hatten und das Europa in einer Weise verändert hat, wie ich es mir nicht vorgestellt hätte. Wir hatten Ich war davon überzeugt, dass wir Zäune an den Grenzen längst überwunden hätten.

Die traurige Erkenntnis für mich: Europa ist kein Ort mehr, der Hoffnung macht. Fast überall sind Nationalisten auf dem Vormarsch: in Polen, Ungarn und in der Schweiz stellen sie sogar die Regierung, in Deutschland ist die AfD in acht Landesparlamenten vertreten und wird auch, wenn nichts völlig Unerwartetes geschieht, nächstes Jahr im Bundestag sitzen. Und England wird Ende Juni über einen Austritt aus der EU abstimmen.

Wir dealen mit Autokraten

Das Schlimmste aber: Europa ist dabei, seine Werte zu verraten. Das Recht auf Schutz und Solidarität. Ein Kontinent, von dem aus die schlimmsten Kriege in die Welt getragen wurden mit Millionen von Toten und Vertriebenen, hat eine besondere Verantwortung gegenüber Menschen, die vor Kriegen fliehen. Es sind die Geschichten von Flucht und Zuflucht, von Möglichkeiten und dem Glauben an die Möglichkeiten, die Europa ausmachen.

Doch wir schließen einen Pakt mit der Türkei. Wir dealen mit einem autoritären Präsidenten, der für Grundrechte wenig Verständnis zeigt, und müssen uns die Fragen stellen: Was nehmen wir alles in Kauf, nur damit wir von Flüchtlingen verschont bleiben? Was ist eine europäische Gemeinschaft wert, die sich in Zeiten der Krise entsolidarisiert, radikalisiert und die eigenen Werte aufgibt? Wie vereinbaren wir es eigentlich mit unserem Gewissen, einerseits Menschenrechte hochzuhalten und andererseits die Grenzen zu schließen, das Asylrecht zu verschärfen und Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen?

Was also tun wir als Autoren? Wir können die Aufmerksamkeit nutzen und über unser Europa reden. Allein der Austausch kann in diesen Zeiten schon ein Zeichen sein. Viel wichtiger ist jedoch die Frage: Was kann ich als Bürger tun?

Regierungen kommen und gehen. Wer bleibt, sind wir, die Bürger. Wir sind es, die – wie man so schön sagt –, Europa leben und Europa seine Identität geben. Und wenn wir von Europa als Wertegemeinschaft sprechen, dann müssen wir diese Werte innerhalb der Gemeinschaft verteidigen und nicht an ihren Grenzen. Das ist es letztlich, worum es geht.

Der Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubic. Der 1971 in Zagreb geborene Ljubic wurde für seine journalistische Arbeit unter anderem mit dem renommierten Theodor-Wolf-Preis ausgezeichnet. Über seine Erfahrungen nach dem Eintritt in die SPD schrieb er das Buch "Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt verändern wollte".  (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubic (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Nicol Ljubic ist Schriftsteller, Journalist, freier Autor. 1971 in Zagreb geboren, als Sohn eines Flugzeugtechnikers in Schweden, Griechenland und Russland aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit 1999 lebt er als freier Journalist und Autor in Berlin und war dort Mitinitiator der Europäischen Schriftsteller-Konferenz im Mai 2014. Sein jüngster Roman "Als wäre es Liebe" (2012) ist bei Hoffmann und Campe erschienen.

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