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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.06.2016

Schriftstellerin und Drehbuch-Autorin Jojo Moyes Wenn geheult wird, dann ist es gut

Von Anna Wollner

Die britische Schriftstellerin und Journalistin Jojo Moyes; Aufnahme vom Juni 2014 (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Die britische Schriftstellerin Jojo Moyes: "Ich schreibe meine Bücher immer schon sehr filmisch." (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Aus Büchern werden Filme. Für die britische Bestseller-Autorin Jojo Moyes ist das der natürliche Lauf der Dinge. Am Donnerstag kommt die Verfilmung ihres Romans "Ein ganzes halbes Jahr" ins Kino - ein Stoff, bei dem kein Auge trocken bleibt.

Filmausschnitt: "Ich will noch nicht gehen. Ich will einfach ein Mann sein, der mit einem Mädchen im roten Kleid auf einem Konzert war. Noch ein paar Minuten."

Da sitzt ein junger Mann in einem elektrischen Rollstuhl, vom Hals abwärts gelähmt, neben ihm eine junge Frau. Sie hält seine Hand, das erste Mal gucken sie sich verliebt in die Augen. Ein Moment, in dem im Kinosaal die ersten Schluchzer zu hören sind.

"Ein ganzes halbes Jahr", als Buch und als Film, ist ein klassischer Tearjerker, eine Schnulze, die ob ihrer Emotionalität auf die Tränendrüse drückt und den Taschentuchkonsum in die Höhe treibt. Die Erklärung für diese Reaktion gerade im Kino liegt für Autorin Jojo Moyes auf der Hand:

"Es ist so eine altmodische Filmerfahrung. Meine sozialen Netzwerke sind voll mit Bildern von Leuten, die aus dem Kino kommen und mir ein verheultes Selfie schicken. Viele gehen mehrfach in den Film, wollen ihn noch mal mit Freunden gucken. Nach vielen Jahren mit Superheldengeschichten und pompösen Effekten gibt es einen regelrechten Hunger nach einem Film wie diesem. Es ist fast wie in den 1950ern als die Leute noch wegen der Gefühle ins Kino gegangen sind. Das hat etwas Katarthisches. Wir leben in einer komplizierten Welt und im Kino können wir an einem sicheren Ort einfach lachen und weinen." 

Hochemotional am Schreibtisch

Die Gefühle stecken schon in ihren Büchern, übermannen Moyes beim Schreiben.

"Schon beim Schreiben werde ich sehr emotional. Aber das ist immer ein Test, denn wenn ich in den großen emotionalen Szenen keine Gefühle zeige, weiß ich, dass es der Leser oder der Zuschauer auch nicht wird. Wenn ich in einer dramatischen Szene am Ende vollkommen ungerührt am Schreibtisch sitze, weiß ich, dass es nicht klappt und fange von vorne an."

Etwas, was sie hier nicht musste. Es ist die herzzerreißende Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen, die nicht in einem Happy End endet. Ein ganzes halbes Jahr hat Will seinen Eltern nach seinem Unfall abgerungen, ein halbes Jahr bevor er zum Sterben in die Schweiz fahren will.

Unterschiedliche Reaktionen in der Behinderten-Community

Gegenwind gab es für den Film gerade in Amerika von den Behindertenverbänden. "Ein ganzes halbes Jahr" würde propagieren, dass ein Leben mit Behinderung nicht lebenswert und der einzige Ausweg der Tod sei. Moyes war von diesen Anschuldigungen überrascht und schockiert.

"Ja, das hat mich wirklich überrascht. Das Buch ist in England seit über viereinhalb Jahren auf dem Markt. Die Reaktionen, die ich von der Behinderten-Community bekam waren positiv. Sie waren froh, dass überhaupt jemand über ihr Leben und ihre Schwierigkeiten schrieb. Will ist der romantische Held meiner Geschichte. Es gibt nicht viele dreidimensionale, behinderte Hauptfiguren. Ich hab mir die Vorwürfe angehört, glaube aber nicht, dass ein einziger Film die komplette Verantwortung für das Scheitern einer ganzen Industrie stehen kann. Ich erzähle die Geschichte eines Mannes. Er ist ein besonders kompromissloser Mann. Und er ist nur Fiktion, keine politische Galionsfigur."

Moyes selbst hat ihren Bestseller zu einem Drehbuch umgeschrieben und darauf geachtet, dass sich Romanvorlage und Film nicht zu weit voneinander entfernen. Alle Schlüsselmomente sind geblieben, der Film ist nah am Buch, gibt den Figuren Luisa und Will, gespielt von Emilia Clarke und Sam Claflin, jetzt eben Gesichter.

"Ich schreibe meine Bücher immer schon sehr filmisch. Bevor ich mich richtig ransetze, spiele ich alles im Kopf schon einmal durch, als wäre mein Buch ein Film. Erst wenn das funktioniert bringe ich etwas zu Papier. Ich hätte nie damit gerechnet jemals überhaupt ein Drehbuch schreiben zu müssen, aber die Erfahrung war durchweg positiv. Ich habe es sehr genossen, endlich mal wieder mit Menschen zusammenarbeiten zu können. Ich habe 15 Jahre nur für mich selbst in einem dunklen Raum gearbeitet. Auf einmal war ich Teil eines Teams."

Eine Aufgabe, die sie ernst genommen hat, und auch immer wieder war sie bei den Dreharbeiten dabei. Ein in der Branche ungewöhnlicher Schritt.

"Für Regisseure kann es zur Katastrophe werden, wenn sich ständig der Autor einmischt und Kommentare gibt. Ein befreundeter Filmemacher gab mir die Do’s und Dont’s der Gepflogenheiten am Set für einen Autor. Ich sollte die Schauspieler nicht ansprechen, das macht normalerweise der Regisseur, ich durfte nicht einfach so Dialoge ändern, nur weil die Schauspieler mich darum baten. Auch das läuft über den Regisseur. Es war ganz klar getrennt in Schreib-Angelegenheiten und Regie-Angelegenheiten. Ich habe meine Rolle schnell gefunden. Ich habe beobachtet und stand beratend zur Seite."

Jojo Moyes ist auf den Geschmack gekommen. Die Rechte an ihrem nächsten Buch hat sie gerade verkauft. Natürlich mit der Option, selbst das Drehbuch zu verfassen.

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