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Im Gespräch | Beitrag vom 10.09.2021

Schriftstellerin Ulrike Edschmid"Ich bin eine Geschichten-Finderin"

Moderation: Susanne Führer

Nahaufnahme im Porträt: Ulrike Edschmid vor dem Hintergrund einer unscharen Fassade eines Gebäudes. Sie hat weiße Haare, trägt einen Mantel mit hohem Kragen und blickt ernst in die Kamera. (picture alliance/dpa/Jan-Philipp Strobel)
Als Beobachterin schreibt sie auf, was sie sieht: die Schriftstellerin Ulrike Edschmid. (picture alliance/dpa/Jan-Philipp Strobel)

Ulrike Edschmid war Teil der Studentenrevolte, hat die ersten Kinderläden mitgegründet und auch mal einen Stein geschmissen. Seit ihrem Romandebüt mit 66 Jahren hat die Autorin drei weitere Bücher über ihr bewegtes Leben geschrieben.

In einer Zeit, in der andere Menschen in den Ruhestand gehen, hat Ulrike Edschmid ihren ersten Roman veröffentlicht – mit Mitte 60. "Es hat bei mir eine ganze Weile gedauert, bis ich wusste, was ich machen wollte. Und Gott sei Dank war es dann eine Arbeit, die ich bis an mein Lebensende machen kann, wenn mein Kopf klar bleibt."

Sie habe mit dem Schreiben eine ständige Herausforderung gefunden und immer etwas zu tun. "Das finde ich geradezu ideal."

Ein Buch über die freiheitsliebende Mutter

Gleichzeitig habe es wohl die Jahrzehnte des Abstands gebraucht, um auf angemessene Weise über sich und die Menschen in ihrem Leben schreiben zu können, etwa über ihre Mutter und die eigene Kindheit in der Nachkriegszeit in Westdeutschland. Ihre Mutter sei eine Frau gewesen, "in deren Wortschatz das Wort Freiheit vorkam." In dieser Hinsicht sei sie ihr eine "wunderbare Lehrmeisterin" gewesen.

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Als die Mutter schwer krank wird, führt Ulrike Edschmid über Monate lange Gespräche mit ihr: "Ich wollte wissen: wer war meine Mutter außerhalb ihrer Funktion als Mutter?" Erst fünfundzwanzig Jahre später, als die Mutter längst gestorben ist, bringt sie mit "Die Liebhaber meiner Mutter" deren Geschichte in Buchform.

Ihre Mutter habe sie immer unterstützt, erzählt die heute 81-Jährige. Es steht zu vermuten, dass dieser Charakterzug auch manches Mal strapaziert wurde – etwa als Ulrike Edschmid, die während der Zeit der Studentenrevolte mit linksextremen Ideen sympathisierte, ein Paket mit Waffen an die mütterliche Adresse schickte. Wenn sie heute daran denke, was sie ihr zugemutet habe, "stehen mir die Haare zu Berge". Die Mutter versenkte das gefährliche Paket im Rhein.

"Mein Sohn hat mich beschützt"

Über ihre Politisierung und die Zeit der späten Sechziger- und Siebzigerjahre in Westberlin hat die Autorin den Roman "Das Verschwinden des Philip S." geschrieben. Hinter Philip S. verbirgt sich der Schweizer Filmemacher Werner Sauber, mit dem Ulrike Edschmid ein Paar war, bis dieser sich der "Bewegung 2. Juni" anschloss, in den Untergrund ging und schließlich in einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kam.

Edschmid selbst entschied sich nach einem vierwöchigen Gefängnisaufenthalt für ein Leben in der Legalität – und vor allem mit ihrem kleinen Sohn. Die Vorstellung, ohne ihn leben zu müssen, habe sie von einem Leben in der Illegalität abgehalten: "Er hat mich beschützt."

Schon in den Siebzigern hat sie gemeinsam mit anderen Müttern einen der ersten Kinderläden gegründet, später arbeitet sie als Lehrerin.

"Es ist nicht meine Geschichte"

Obwohl die Figuren in ihren Büchern so eng mit ihrem eigenen Leben verwoben sind, sieht Ulrike Edschmid sich nicht mehr als Begleiterin, die sie zu anderer Zeit womöglich war: "Ich fühle mich als Beobachterin."

Mit einigem zeitlichen Abstand sehe sie nur noch die Geschichten und Bilder, wie auch bei dem Roman über Philip S.: "Es ist kein Ich-Buch. Es ist nicht meine Geschichte."

Als Beobachterin schreibt sie auf, was sie sieht – und sie nimmt diese Rolle auch im eigenen Zuhause ein. Als ihr zweiter Ehemann in den Achtziger-Jahren beim Renovieren der gemeinsamen Wohnung von der Leiter stürzt und zunächst vom Hals abwärts gelähmt ist, begleitet sie seinen schwierigen Weg zurück in den Alltag.

Jahrzehnte später schreibt die Beobachterin Ulrike Edschmid anhand von Tonbandaufnahmen, in denen sie die Zeit nach dem Unfall revue passieren lassen, den Roman "Ein Mann, der fällt".

Finden, nicht erfinden

Zuletzt erschien mit "Levys Testament" ein Buch über die unglaubliche Lebensgeschichte eines ehemaligen Liebhabers und heutigen Freunds. "Die Geschichte hätte man sich nicht ausdenken können. Da hätte man gesagt: also das ist jetzt wirklich etwas weit hergeholt."

Doch Ulrike Edschmids bewegtes Leben und ihre Beobachtungsgabe ermöglichen es ihr, aus den eigenen Erlebnissen und Erzählungen ihres Umfelds zu schöpfen. Sie braucht keine Geschichten zu erfinden, denn:

"Ich bin eine Geschichten-Finderin."

(era)

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