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Lesart | Beitrag vom 12.02.2021

Schriftstellerin Katja Lange-Müller zum 70."Ich war ein ziemliches Rattengewitter"

Von Johannes Nichelmann

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Eine Frau mit schulterlangen braunen Haaren, einer brauen, runden Brille und rot geschminkten Lippen. Sie trägt einen dunklen Blazer und eine Handtasche über der Schulter. Sie schaut freundlich-skeptisch in die Kamera. (picture alliance / SvenSimon | Anke Waelischmiller/SVEN SIMON)
Nachdem sie mit ihrer Mutter bricht und 1976 die Biermann-Petition unterzeichnet, lebt Katja Lange-Müller ab 1982 in West-Berlin. (picture alliance / SvenSimon | Anke Waelischmiller/SVEN SIMON)

In der DDR war sie von der Schule geflogen, später arbeitete sie als Hilfspflegerin in der Psychiatrie. Seit den 80ern lebt die Autorin Katja Lange-Müller in West-Berlin, wo auch ihr Roman "Böse Schafe" von 2007 spielt.

"Immer, wenn ich etwas schreibe, dann geht es um etwas, was mich wirklich in meinem Inneren sehr beschäftigt, um irgendwie einerseits Quälendes auf Distanz zu bringen und andererseits etwas in Erfahrung zu bringen", sagt die Schriftstellering Katja Lange-Müller.

Fixpunkt: Mutter

Viele ihrer Werke kreisen immer wieder um das eine Wort: Mutter. So heißt es auf der ersten Seite ihres Romans "Drehtür": "Muttersprache - auch dieses zusammengesetzte Substantiv tritt sogleich eine Assoziationslawine los. Das Hauptwort Mutter, eben noch ganz fern, kommt ihr unangenehm nahe."

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Oder in "Die Letzten - Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei". Da verfasst eine ihrer Figuren, ein Schriftsetzer namens Willi, einen Brief an seine Schwester:

"Welche Perspektive hatte ich? Mutter, Mutter, Mutter und nochmals Mutter. Mutter, der ich nun ausgeliefert sein sollte bis zur letzten Sekunde ihres oder meines Rentnerlebens."

Das Verhältnis zur eigenen Mutter ist eine Triebfeder der Texte Lange-Müllers: "Ich komme einfach aus einer familienschwachen Familie. So würde ich es mal sagen."

Als Lange-Müller 1951 in Ost-Berlin auf die Welt kommt, ist ihre Mutter bereits dabei, Parteikarriere zu machen. Inge Lange wird später eine der wenigen Frauen in der Führung der DDR.

Der Weltfrieden ist wichtiger

"Funktionäre waren zu DDR-Zeiten mächtig viel auf Reisen. Das hat sie uns auch schon, als wir ganz klein waren, immer gesagt, dass sie sich schließlich irgendwie um den Weltfrieden bemüht. Und dass das ja wohl wichtiger ist, auch für uns. Das haben wir als Kinder klaglos akzeptiert: Ja, habe ich gedacht, okay, sehe ich auch so."

Als Teenager fliegt Katja Lange-Müller aufgrund "unsozialistischem Verhaltens" von der Schule. "Manchmal war es auch so eine Art Angstlust sogar. Das Schicksal herausfordern."

Zuvor muss sie eine Klasse wiederholen, weil sie eine Lehrerin, die ihr die Linkshändigkeit austreiben will, in die Hand beißt. 

"Ich war schon ein - meine Oma hatte dafür ein schönes Wort, die nannte mich immer ihr Rattengewitter. Ich war ein ziemliches Rattengewitter. Das muss ich schon sagen. Habe wirklich gelogen, dass sich die Balken bogen. Aber ich habe natürlich logisch gelogen. Die Geschichten, die ich mir ausgedacht habe, waren sehr glaubwürdig."

Wegen Magersucht eingewiesen

Das ist bis heute der Trick ihrer Romane und Erzählungen. Sie klingen immer autobiografisch. "Pseudo-authentisch", wie sie sagt. Doch die Parallelen sind offensichtlich: Genau wie der Mutter-hassende Willi aus "Die Letzten" wird sie nach der Schule Schriftsetzerin in einem Ost-Berliner Betrieb.

"Das war so eine Zeit, auch als Schriftsetzer wurde ich eigentlich immer merkwürdiger. Ich hatte auch wirklich Probleme. Ich war schon, wie meine Mutter gesagt hätte, ziemlich gestört."

Die Mutter lässt sie wegen Magersucht in eine Psychiatrie einweisen: "Irgendwie habe ich dann gemerkt, dass ich das kann. Dass ich irgendwie sehr begabt bin im Menschenfüttern, das baute mich so ein bisschen auf. Dann blieb ich eben für eine Weile auf der Psychiatrie. Aber eben als Hilfspflegerin."

Ost-Braut und Junkie in West-Berlin

Ein neuer Beruf, der sie später auch befähigt, eines ihrer wichtigsten Werke zu schreiben: "Böse Schafe". Die Geschichte einer Ost-Braut und eines Junkies, Mitte der 80er-Jahre in West-Berlin. Dort landet Lange-Müller, nachdem sie mit ihrer Mutter bricht und 1976 die Biermann-Petition unterzeichnet: "Irgendwie war das so meine Rache."

Sie wird nie wieder ein Wort mit ihrer Mutter wechseln. "Als meine Mutter starb, habe ich das wirklich nur aus der Zeitung erfahren. Bei mir hat sich nicht mal der Puls für fünf Sekunden beschleunigt."

Neue Werke von Lange-Müller erscheinen nur alle paar Jahre – Satz für Satz, Wort für Wort von der brennenden Seele geschrieben. Zurzeit arbeitet sie in Berlin und der Schweiz an ihrem neuen Roman. Arbeitstitel: "Unser Ole".

"Handelt eigentlich von der Selbstlüge oder der Selbsttäuschung. Da geht es um drei Frauen unterschiedlichen Alters. Frauen, die von ihren Müttern abgelehnt wurden. Na, es wird so eine Art Kammerspiel. Mein Lebensthema sind, glaube ich, die Widersprüche. Die Widersprüche sind das, was mich reizt. Ich selbst bin eine zutiefst widersprüchliche Person. Ich glaube, ich bin widerspruchsfixiert."

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