Seit 08:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.02.2019

Schriftstellerin Else Lasker-SchülerSpuren der Avantgardistin in Wuppertal

Von Matthias Kußmann

Podcast abonnieren
Die Schriftstellerin Lasker-Schüler (1869 – 1945); Porträtaufnahme, 1932, digital koloriert (picture alliance/akg-images)
Die Schriftstellerin Lasker-Schüler (1869 – 1945); Porträtaufnahme, 1932, digital koloriert (picture alliance/akg-images)

Im Berlin der 1920er-Jahre war Else Lasker-Schüler die bedeutendste Expressionistin. Geboren wurde sie in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört. Dort gründete sich 1990 die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, die Literatur junger Migranten fördert.

"Sie war für mich die erste Performerin. Sie war die Urgroßmutter von Lady Gaga, Madonna, Elton John und solchen Leuten", sagt Hajo Jahn, Gründer der Wuppertaler Else Lasker-Schüler-Gesellschaft.

Die Dichterin war Anfang des 20. Jahr­hun­derts ein Para­dies­vogel des Berliner Kultur­be­triebs. Sie trug bunte Gewänder mit Turban und neigte zu ex­zentrischen Auf­tritten. Sie gab sich Phantasienamen und erklärte, aus dem wunder­­samen Reich "Theben" zu kommen.

"Sie war natürlich bürgerlich, und trotzdem war sie ein Bohemien. Wenn sie sich inszeniert hat als Prinz Jussuf oder Fakir, mit Pluder­hosen, mit Dolch im Ge­wande und Flöte, sie konnte gar nicht Flöte spielen, dann war das Inszenierung."

Tatsächlich stammt Else Lasker-Schüler aus der Industriestadt Elber­feld, die heute ein Stadtteil von Wuppertal ist. Sie taucht später in ihrem Werk oft auf.

"Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen, herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mussten wir einhalten, kamen wir an den che­mi­schen Fabriken vorbei, allerlei scharfe Arz­neien und Farbstoffe färbten die Wasser, eine Sauce für den Teufel."

Elternhaus wurde im Weltkrieg zerstört

Else Lasker-Schüler wurde in der Elberfelder Herzogstraße 29 als Kind jüdischer Eltern geboren. Das Haus wurde im Zweiten Welt­krieg zerstört. Hajo Jahn steht dort vor einem Neu­bau:

"Der Neubau wurde dann in den 60er-Jahren er­richtet, typisch im Baustil. Und es gibt eine Bronze­tafel, die von dem damaligen Buchhändler in die­­sem Haus angebracht wurde. Da wird das Gedicht 'Welt­flucht' zitiert, das mit dem Kunstwort 'meinwärts' endet."

Am Schluss heißt es:
"Fäden möchte ich um mich ziehn – / Wirrwarr endend! / Beirrend, / Euch verwirrend, / um zu entfliehn / meinwärts!"

Else Lasker-Schüler war ja eine Wort-Zaube­rin, sie hat Wörter erfunden. Und dieses "Meinwärts" ist dann auch der Anlass für ein Denkmal in Elberfeld. Doch zunächst geht es zur Sa­dowa­­straße.

"Wir sind an der Sadowastraße in Wupper­tal-Elber­feld. Eine Straße, die steil bergauf in einen Wald führt. Else Lasker-Schüler hat hier ihre Kindheit und Jugend verbracht bis 1889."

"Die Eltern waren gut bürgerlich"

In einem drei­geschossigen Gründer­­­­zeit­haus mit hohen Fenstern und hellgrauer Fassade.

"Die Eltern waren gut bürgerlich, die Mutter fürsorg­lich, Jeanette. Der Vater galt hier nach Meinung von Else Lasker-Schüler als Clown, er war humorvoll. Er war Han­dels­agent, Privat­bankier und Immobilien­händler. Die Mutter hat die Tochter angehalten, ihre Talente zu nutzen. Angeblich hat Else Las­ker-Schüler hier schon ihre ersten Texte als Kind ge­schrieben, auch ihre ersten Bilder gemalt, denn sie wurde ja später auch eine Poetin der Zeichenfeder und wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte. Ihr erstes überliefertes Bild hat den Titel 'Die lyrische Missgeburt'! Und da wusste sie nicht: Werde ich Malerin oder werde ich Dichterin?"

Sie wurde beides. Heute gilt sie als eine der größten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhun­derts, ihre bunten Zeichnungen finden sich in Museen. 1894 zog sie von Wuppertal nach Berlin, wo sie Teil der Künstler-Boheme war. 1933 floh sie vor den Nazis in die Schweiz, wurde als Asylantin schikaniert und hatte Arbeits­verbot. Die letzten Jahre ver­brachte sie krank in Jeru­sa­­lem und starb dort 1945. - In der Wup­per­­taler Stadt­biblio­thek gibt es ein großes Archiv zu ihrem Leben und Werk.

Else Lasker-Schüler-Archiv derzeit nicht zugänglich

"Alles wird hier gesammelt", sagt der Bibliothekar Thomas Pilling.

"Wir haben wertvolle Autographen, das heißt Post­karten und Briefe. Fotografien der Zeit, Plakate, Eintrittskarten für Veranstaltungen der Künstlerin, Partituren von Vertonungen. - Wissenschaftler aus aller Welt, Filmemacher, Theaterleute, Studenten kommen hier in dieses Archiv und suchen nach Quellen und Dingen, die sie für ihre Arbeit ver­wenden können."

Handschriften der Autorin und sogar ihre Toten­maske gibt es hier, das will man doch sehen! Kann man aber derzeit nicht:

"Leider ist das Else Lasker-Schüler-Archiv zurzeit nicht zugänglich, wir haben hier eine umfangreiche Baumaßnahme im Haus."

Die dazu führt, dass auch die Bibliothekare kaum an die Schränke kommen, alles ist zu­gestellt. – Aber von der Stadt­bibliothek ist man gleich in der Her­zog­­straße. Dort steht seit 30 Jahren ein Denk­mal der Autorin.

"Das Denkmal für Else Lasker-Schüler befindet sich nur wenige Meter vom ehemaligen Geburtshaus entfernt. Zwei graue Basalt­-Stelen, wo auf den Innen­seiten Else Lasker-Schüler sich gegenseitig anguckt, nach einem Foto aus den 20er Jahren. Jeweils etwa 2800 Mosaiksteine bilden das Gesicht der Künstlerin. Unten steht auf der Platte: Else Lasker-Schüler - Meinwärts."

Heinrich Böll forderte früh ein Denkmal

Das Denkmal wurde zu ihrem 120. Geburtstag ein­geweiht. Allerdings hatte kein Geringerer als Heinrich Böll schon zu ihrem 100. ein Denkmal gefordert – vergeblich. In Wuppertal tat man sich lange schwer mit der sozialkritischen Avantgar­distin. Ihr Theater­stück "Die Wupper", das sie ihrer Heimat­stadt widmete und in dem lokaler Dialekt gespro­chen wird, handelt vom Elend der Industrie­arbeiter. Sie nannte ihr Stück eine "böse Arbeitermär".

Es gibt dabei eine Vergewaltigung, es kommt ein Exhibitionist vor. Sie war sehr modern, indem sie die sexuellen Probleme auch schon dar­stellte, und zwar nicht mit dem ideologischen Zeigefinger.

Gegenüber dem Denk­mal ist das Büro der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, in einem Gebäude aus den 1950er-Jahren. Dort stand vor dem Krieg das Haus, in dem die junge Frau die letzten Monate wohnte, bevor sie nach Berlin ging.

"Ich hab die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft 1990 gegründet, um Werk und Andenken der im Exil relativ vergessenen malenden Dichterin Else Lasker-Schüler zu pflegen. Wir haben es geschafft – das steht in der Satzung – eine kritische Gesamtausgabe herauszugeben. Wir haben es geschafft, dass Aus­stellungen ihrer Bilder stattfanden, mit vielen Besu­chern."

Sagt Hajo Jahn.

"Das wichtigste Anliegen war mir und vielen meiner Unterstützer ein Zentrum für verfolgte Künste. Es geht um das Thema Exil, weil Else Lasker-Schüler und die spannendsten, wichtigsten deutschen Künst­ler in der Nazizeit ins Exil getrieben worden waren, als Asylbewerber in anderen Ländern waren. Und heute erleben wir, dass Menschen zu uns kommen, denen wir wiederum Asyl gewähren müssen. Wir haben eine Bringschuld."

Lyrikpreis für Flüchtlinge aus Afghanistan

So entstand das "Zentrum für verfolgte Künste" im Kunstmuseum Solingen, eine halbe Stunde von Wuppertal entfernt. Seit 2015 werden Werke von verfolg­ten Künstlern und Schriftstellern aus der NS-Zeit und der DDR gesammelt und ausgestellt. Und die Wuppertaler Las­ker-Schüler-Gesell­schaft vergibt einen Lyrikpreis, den zuletzt acht junge Flüchtlinge aus Afghanistan bekamen, die ein ähnliches Schicksal wie die Autorin hatten,

"die allein nach Deutschland, nach Europa gekom­men sind und ihre traumatischen Erfahrungen lyrisch verarbeitet haben – wunderbare Gedichte."

Shazamir Hotaki kam über das Mittel­meer zunächst nach Griechenland. In Deutschlandfunk Kultur sagte er über die Flucht:

"Es ist, muss ich sagen, eine schreckliche Fahrt, die ich nie vergessen kann. Von der Türkei nach Grie­chen­land bin ich mit dem Boot gefahren – plötzlich nach 20 Minuten ist unser Boot gesunken und alle fallen ins Wasser. Da konnten wir auch nicht schwimmen. Wir waren 65 Menschen im Boot, die meisten waren Kinder. Eigentlich konnte ich auch nicht schwimmen, ich hatte eine Schwimmweste. Wir waren eine Stunde im Wasser. Nach einer Stunde hat die Polizei von Griechenland geholfen. Ich hab vor meine Augen gesehen wie viele Kinder gestor­ben sind. Da hab ich auch gedacht, vielleicht ist das der letzte Tag von mir, von meinem Leben."

Mahdi Hashemi hat Ähnliches erlebt. In seinem Gedicht "Wie ein Pfeil" schreibt er über die Flucht und das bange Warten, ob er als Asylbewerber anerkannt wird:

"Wie ein Pfeil
Einen Monat lang ging die Reise, / die keine Reise war, / sondern ein Schrecken, in das Land der Hoffnung. Jetzt warte ich auf ein Papier, / das vielleicht Bitterkeit enthält und Trauer. / Und fühle mich wie ein Pfeil. / Verschossen. // Der zurück­kehren soll / zu seinem Bogen."

Die Gedichte entstanden im Rahmen des Berliner "Poetry Projects" und wurden von dem Anwalt Aarash Spanta aus dem Persischen Farsi übersetzt. Das Projekt versucht, Bürger und Flücht­linge über Poesie ins Gespräch zu bringen. Die Journalistin Susanne Koelbl hat es mit­begründet.

"Wenn wir diese Gedichte in der Öffentlichkeit gelesen haben, was wir immer mal wieder tun, dann hat es einen unglaublichen Effekt auf das Publikum. Die Leute sind sehr ergriffen, sie verstehen plötzlich viel besser, was eigentlich die Menschen hierher gebracht hat. Wir haben daraus die Lehre gezogen, dass diese Art von Brücke genutzt werden kann eigentlich überall, wo Menschen nicht miteinander sprechen können, sich aber fragen, wer seid ihr denn eigentlich?"

Eine Idee, die der Dichterin Else Lasker-Schüler, die zwölf Jahre im Exil war, sicher gefallen hätte.

Länderreport

Cittaslow in MecklenburgDer Zukunft entgegenschleichen
Ansicht der Alten Burg Penzlin und umliegender Wiesen an einem sonnigen Sommertag. (Picture Alliance / dpa - Report / Hans Wiedl)

Bauernmärkte statt Discounter, Stadtfeste ohne Wegwerfgeschirr: Penzlin in Mecklenburg, Mitglied im Cittaslow-Netzwerk, setzt auf Umweltschutz, Regionalität und Entschleunigung. Das passt zum grünem Zeitgeist – und will doch nicht politisch sein.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur