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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.04.2020

Schriftstellerin Aslı ErdoğanDie Kraft des Schmerzes

Von Heike Brunkhorst und Roman Herzog

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Die türkische Autorin Asli Erdogan bei der Präsentation  ihres Buchs "Das Haus am Stein" in Frankfurt am Main. Sie blickt nachdenklich und hält sich dabei eine Hand an das Kinn. (imago images / epd-bild / Heike Lyding)
Die türkische Autorin Asli Erdogan. (imago images / epd-bild / Heike Lyding)

Bis vor kurzem war die türkische Autorin Aslı Erdoğan wegen Staatszersetzung angeklagt. Der Grund: ihre Schriften und ihr Einsatz für Armenier und Kurden. Überraschend wurde sie im Februar freigesprochen, doch das kann jederzeit widerrufen werden.

"Ich konzentriere mich ganz darauf, dem Leser etwas Unerzählbares zu erzählen. Aber meine Literatur behandelt reale Fragen: die Türkei und die Menschheit betreffend, das Frausein oder die Kurden. Auch die Frage: Was ist der Mensch?"

Das Gespräch mit Aslı Erdoğan findet in ihrem Lieblingscafé in Frankfurt statt. Die türkische Schriftstellerin lebt seit 2017 im Exil in Deutschland. Ihre Schriften über die Verbrechen der türkischen Regierung gegen die Kurden brachten sie im Zuge der Säuberungswelle nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 ins Gefängnis.

Nach ihrer Freilassung aus viereinhalb Monaten Untersuchungshaft fand die international gefeierte Schriftstellerin in Deutschland Zuflucht. Das verdankt sie auch dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis:

Vergesst uns nicht

"In Gesprächen mit inhaftierten Autoren und Menschen, die verfolgt werden, habe ich immer wieder die Frage gestellt: "Was können wir eigentlich für euch tun?" Und da war für sie das Wichtigste die Aussage: "Vergesst uns nicht. Stellt Öffentlichkeit her, zeigt Solidarität." Und wenn man sich versucht, einmal wirklich vorzustellen, was es bedeutet - morgens um vier Uhr klingelt die Polizei, die Tür wird aufgeschlagen und man wird abgeführt und ins Gefängnis gesteckt -, was das für einen Menschen bedeutet, kann man, glaube ich, kaum wirklich in seiner Schwere nachvollziehen."

Im August 2016 wurde Aslı Erdoğan unter genau solchen Bedingungen verhaftet. Wenige Tage nach ihrer Inhaftierung konnte sie aus der Isolationshaft einen Kassiber an die Tageszeitung Cumhuriyet schmuggeln.

"Ich wurde von 40 Polizisten der Anti-Terror Spezialeinheit festgenommen, maskiert, in schusssicheren Westen, mit Maschinengewehren. Der gesamte Häuserblock wurde abgeriegelt. Ich war entsetzt, als sie mein Apartment stürmten und ihre Gewehrläufe auf mich richteten. Fünf Stunden durchsuchten sie meine Wohnung. Ich bat sie, vorsichtig mit meinen Schriften zu sein. Ein Teil der Manuskripte wurde zerstört. Die Festplatten mit all meinen Arbeiten wurden beschlagnahmt."

Im November fand dann eine Mahnwache vor dem Gefängnis in Istanbul statt, erzählt Alexander Skipis:

"Und wir haben dann natürlich noch mit verschiedenen Erklärungen, mit Forderungen etc. versucht, öffentlich Druck zu machen. Das ist sehr stark durch die sozialen Medien in der Türkei gegangen und natürlich auch bei uns. Möglicherweise hat das alles mit dazu beigetragen, dass sie dann Ende '16 aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist und im Zuge dessen dann tatsächlich diese Ausreisemöglichkeit bekommen hat."

Ohne rechtlichen Schutz

In einem aus dem Gefängnis geschmuggelten Kassiber heißt es:

"Die ersten fünf Tage meiner Haft waren die absolute Hölle. Ich wurde in einer extrem dreckigen Zelle isoliert. Die Matratze war seit Wochen von Urin durchtränkt. Die Toilette war schmutzig, die Spülung funktionierte nicht. Ich hatte nichts zum Säubern, nicht einmal Toilettenpapier. 40 Stunden bekam ich kein Wasser, auch nicht, als ich in Ohnmacht fiel."

Die Bedingungen in den türkischen Gefängnissen haben sich rapide verschlechtert, erzählt Aslı Erdoğan: "Häftlinge genießen keinen rechtlichen Schutz. Es gibt Tote. Ich bin verpflichtet, auf die realen Gefahren in der Türkei hinzuweisen: den völligen Kollaps des Rechtsstaates."

Freiheitskaempfer mit Plakaten von Asli Erdogan, Deniz Yuezel, Ahmet Sik beim Solidaritätskonzert am Brandenburger Tor in Berlin am 03.05.2017. (picture alliance / app-photo / Ralf Mueller)2017 fand vor dem Brandenburger Tor eine Solidaritätsveranstaltung statt. (picture alliance / app-photo / Ralf Mueller)

Dass Aslı Erdoğan als Nicht-Kurdin für die Rechte der Kurden mit politischen und poetischen Schriften eingetreten ist, ohne Mitglied der PKK oder einer anderen Partei zu sein, macht sie in den Augen des türkischen Staates zur Terroristin.

"Ich schrieb über Gefangene in Diyarbakır und vergewaltigte Mädchen, über einen Getöteten und das Neujahrsfest Newroz. Das reichte, um mich unter Beschuss zu bringen. Ich erfuhr, dass die Kurden sehr einsam sind. Für einen kurzen Artikel über das Gefängnis in Diyarbakır erhielt ich einen Dankesbrief mit 99 Unterschriften. Offenbar schreibt sonst niemand über die Kurden. So wuchs mein Interesse. Gerade weil ich keine Kurdin bin, trage ich umso größere Verantwortung."

Physikerin und Autorin

Vor dem Schreiben machte Aslı Erdoğan Karriere als Physikerin. Sie war die erste türkische Expertin für das Higgs-Boson-Elementarteilchen und arbeitete Anfang der 90er Jahre am Kernforschungszentrum CERN in Genf. Zu der Zeit begann sie, ernsthaft zu schreiben:

"Ich hatte ein kleines Zimmer gemietet, kam mit dem letzten Bus um Mitternacht nach Hause und begann um ein Uhr zu schreiben. Ich schrieb bis fünf oder sechs, schlief dann zwei, drei Stunden und ging wieder zur Arbeit. So entstand "Der wundersame Mandarin", mein erster Roman.

Nach dem CERN arbeitete Aslı Erdoğan Mitte der 90er Jahre als Physikdozentin an der Universität in Rio de Janeiro und beendete in Brasilien ihre Doktorarbeit. Bis sie sich ganz dem Schreiben widmete.

Ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Rio de Janeiro bilden die Grundlage für Aslı Erdoğans dritten Roman, der sie 1998 international berühmt machte: "Die Stadt mit der roten Pelerine". Er handelt von einem Tag im Leben einer Schriftstellerin, die ein Buch über die Abgründe des Menschseins in Rio de Janeiro schreibt, zwischen Todessehnsucht und Lebensfreude, Faszination und Ekel. Das Buch im Buch erzählt eine Version der Orpheus-und-Eurydike-Geschichte. Allerdings mit einer weiblichen Orphea, der Protagonistin "Ö", die für ihre genauen Beobachtungen mit dem Tod bestraft wird. Dabei entfaltet sich ein für Aslı Erdoğans Sprache typischer Sog, vor allem durch deren Körperlichkeit.

Eindringliche Bilder im Kopf 

"Sie sagt immer, dass ihre Wunden sprechen," sagt Azade Seyhan, die deutsche und türkische Literatur am Bryn Mawr College in Pennsylvania lehrt.

"Die Sprache ist eigentlich so stark und so eindrucksvoll, dass, wenn ich sie lese, erfahre ich auch ihr Leid am eigenen Leib, also so stark ist das."

"Wir können diesen Situationen, die sie beschreibt, nicht ausweichen," meint Alexander Skipis. "Es entstehen Bilder im Kopf, die einen nicht mehr verlassen. Das ist so eindringlich, mit wenigen Worten eindringlich, dass das einen einfach bewegt. Diese Bücher fassen einen richtig an und das vergisst man auch nicht so schnell."

Das Haus aus Stein

Die Realität hinter den Gefängnismauern hat Aslı Erdoğan in ihrem wohl wichtigsten Roman "Das Haus aus Stein"  beschrieben, zehn Jahre vor ihrer eigenen traumatischen Haft. Er ist inspiriert von ihrer langjährigen Erfahrung als Autorin von Kolumnen über die türkischen Gefängnisse und von ihrem Austausch mit Gefangenen.

"Was in der Türkei geschieht, ist gravierend. Es gelingt mir aber nicht, das klarzumachen. Die europäischen Medien berichten nur von der Spitze des Eisberges. Kontinuität und Ausmaß der Repression in der Türkei sind der deutschen Öffentlichkeit nicht klar."

Die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei seien offensichtlich, aber kein Staat in Europa beziehe entschieden Position gegen den autoritären Herrscher Erdoğan. Deutschland sei schließlich der größte Handelspartner der Türkei, sagt Aslı Erdoğan. 

Ein unheimliches Schweigen

Am 14.  Februar 2020 wurde Aslı Erdoğan in der Türkei vom Vorwurf der Staatszersetzung durch ihre Schriften und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung freigesprochen. Die Entscheidung kann jedoch jederzeit widerrufen werden - wie bei ihrem Schriftstellerkollegen Ahmet Altan, der im November 2019 freigelassen und kurze Zeit später erneut lebenslänglich inhaftiert wurde. Oder die Staatsanwaltschaft kann ein neues Verfahren anstrengen. Deshalb kehrt Aslı Erdoğan vorerst nicht in die Türkei zurück. Und wie sind die Reaktionen in der Türkei auf das Urteil und ihr Exil?

"Es herrscht völliges Schweigen. Sie haben nicht einmal berichtet, dass ich den Prix Simone de Beauvoir und den Vaclav-Havel-Preis erhalten habe; das sind bedeutende Preise. Schießt ein türkischer Fußballer in Deutschland ein Tor, wird das zur Schlagzeile. Über mich: gar nichts, weder über meinen Prozess, noch über meine Literatur. Aber das Schlimmste ist, meine Bücher wurden aus den Bibliotheken entfernt - ein unheimliches Schweigen."

(DW)

SprecherInnen: Ursina Lardi, Annika Mauer und Niklas Korth
Regie: Stefanie Lazai
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal

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