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Zeitfragen | Beitrag vom 29.01.2021

Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf Ein begnadeter Anstifter

Von Tobias Lehmkuhl

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Porträt von Gerhard Wolf. (Tobias Lehmkuhl)
Über Freundschaften und unvergessliche Begegnungen hat Gerhard Wolf im vergangenen Jahr das Buch "Herzenssache" veröffentlicht. (Tobias Lehmkuhl)

Bücher, Ausstellungen, Freundschaften: Dinge und Menschen auf den Weg zu bringen, ist eines der großen Talente des 92-jährigen Gerhard Wolf. 60 Jahre lang lebte er mit Christa Wolf, deren Schriftstellerkarriere ohne ihn sicher anders verlaufen wäre.

"Ein Genie der Gemeinsamkeit" hat der Dichter Volker Braun ihn einmal genannt. Seiner Frau Christa war der inzwischen 92-jährige Gerhard Wolf Freund, Ehemann und kritischer Lektor, den Freunden und der Familie war er ein vielgepriesener Koch.

Schöne Bücher verlegen und Ausstellungen anstiften, das tat Gerhard Wolf außerdem. Heute lebt er in derselben Wohnung, die er 1988 mit Christa Wolf bezogen hat. Die Wände hängen voller Bilder und Grafiken. Im Wohnzimmer steht ein massives Nagelwerk von Günther Uecker, ein Nagel-Buch. Dabei ist immer so viel Raum zwischen den Werken gelassen, dass ein jedes atmen kann und auch der Betrachter nicht von der Kunst erschlagen wird.

Ein Leben zwischen Bildern und Büchern

Auf der linken Seite des Flurs, gegenüber dem Wohnzimmer, liegt das Arbeitszimmer von Christa Wolf. Und obwohl sich seit ihrem Tod 2011 hier nichts verändert hat, wirken weder ihr Zimmer noch der Rest der Wohnung museal: ein großer Schreibtisch, etwas unaufgeräumt, Bücherregale, aber auch die nicht überbordend voll. Von Christa Wolf selbst, so Gerhard Wolf, reiche die Suhrkamp-Gesamtausgabe, die ganzen Einzelausgaben, die Übersetzungen, die müssten nicht alle hier stehen.

Gerhard Wolf: graues Hemd, braune Lederweste, helles lichtes Haar. Trotz seiner 92 Jahre hört er noch gut und braucht lediglich einen Stock, um sich zu stützen, führt dabei aber flink durch die Wohnung und erzählt:

"Hier hängt sonst ein großes Bild von Nuria Quevedo, das wird gerade ausgestellt, das ist jetzt eine Gerda Lepke, hier ein Martin Hoffmann…"

Eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft

Über sechzig Jahre lang bildeten Gerhard Wolf und seine Frau Christa eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Ohne ihren Mann als ersten Leser und häuslichen Rückhalt wäre Christa Wolfs Karriere als Schriftstellerin gewiss anders verlaufen, so sie denn überhaupt begonnen hätte.

Angela Drescher war Lektorin von Christa Wolf beim Aufbau-Verlag und hat dort auch ein Buch von Gerhard Wolf betreut, den 2020 erschienenen Band mit Erinnerungen an befreundete Künstler und Schriftsteller: "Herzenssache". Gerhard Wolf war nicht nur der Lebens- und Arbeitsgefährte seiner Frau, er war außerdem Verleger, Herausgeber, Kurator, Initiator und nicht zuletzt eben auch Autor.

Kommunikator und Netzwerker

Er sei ein Kommunikator, erzählt sie. "Ein Netzwerker, der mit ganz vielen Künstlern, Schriftstellern und bildenden Künstlern sehr eng befreundet war, der die sehr gefördert hat, der sie zusammengebracht hat."

"Ihre intensive gegenseitige Freundschaft beginnt mit dem Briefwechsel 1968/69", schreibt Gerhard Wolf in seinem 2020 erschienen Buch "Herzensache" über die Beziehung zwischen Christa Wolf und Brigitte Reimann: "Und ich kann mich rühmen, ihn mit veranlasst zu haben, weil ich Christa von meinem Aufenthalt in Hoyerswerda ausführlich erzählte, wo ich im Kunstverein gelesen hatte und auch Brigitte in ihrer Wohnung besuchte."

Spaghetti mit Petersilie

"Er hat ja auch einige Freundschaften, die Christa Wolf dann gepflegt hat, angestiftet", sagt Angela Drescher. "Gerhard Wolf war ein Anstifter, ist ein Anstifter, der sich natürlich vor allen Dingen um die DDR-Lyrik sehr verdient gemacht hat, die ja in den 60er-Jahren eine ganz, ganz große Rolle gespielt hat. Also, Volker Braun und Mickel und andere sind damals bekannt und wichtig geworden."

Schwarz-weiß-Foto von Christa und Gerhard Wolf im Arbeitszimmer ihres Hauses.  (picture alliance / akg-images / Eckleben)Waren über 60 Jahre lang ein Paar: Christa Wolf und ihr Ehemann Gerhard, hier auf einer Aufnahme von 1963. (picture alliance / akg-images / Eckleben)
Es sind nur wenige Schritte von der Wohnung Gerhard Wolfs zu der seines Freundes Volker Braun, des ein Jahrzehnt jüngeren Büchner-Preisträgers. Sie lernten sich kennen, als Wolf Mitte der Sechzigerjahre für den Mitteldeutschen Verlag in Halle arbeitete. Braun erzählt:

"Wolf war Außenlektor und lud Sarah Kirsch und mich wegen einer Anthologie nach Kleinmachnow ein. Christa Wolf hatte gekocht, Spaghetti mit Petersilie und anderen Drauftaten. Das war ein Hinweis, den wir sofort übernahmen. Die Hinweise zu den Gedichten kaute ich zögernder."

Der erste Leser der Romane seiner Frau

Wolfs Lektorat, seine kompromisslose Art, sich mit Texten auseinanderzusetzen, musste man als Autor erst einmal verdauen.

Braun erzählt weiter: "Dienlich war seine Direktheit, er urteilte unumwunden, mitunter genügte ein Wort. Vor allem: Es gab kein Lavieren, wie es sich die Verlagsleitungen angewöhnen ließen. Er operierte aufseiten des Autors."

Mut und Geschick zeichneten Gerhard Wolf als Lektor und Verleger aus, ein untrügliches Gespür für Qualität und eine große Leidenschaft für die Dichtung. Die Romane seiner Frau las er als Erster.

Strenges Lektorat

Angela Drescher, die auch die Lektorin von Christa Wolf war, erzählt: "Sie war von ihrem Mann ein sehr hartes Lektorat gewöhnt. Der war ja immer der allererste Leser, sodass ich dann die Zweit- oder Drittfassung bekam. Da musste man zwar noch beraten und das eine oder andere mit ihr besprechen, aber er war eigentlich der kritische Lektor, der ganz kritische Lektor."

Von Christa Wolfs Roman "Nachdenken über Christa T." habe es gar zwanzig verschiedene Anfänge gegeben, berichtet Volker Braun.

Und Angela Drescher erzählt weiter: "Gerhard Wolf sorgte dafür, dass die Tür hinter uns offen blieb, und dann schlich er immer daran vorbei, um mitzukriegen, was wir besprachen. Und sie versuchte immer, die Tür wieder zuzumachen, und sagte: 'Gerhard, wir brauchen jetzt aber mal Ruhe'. Und er sagte: 'Na, ihr habt doch Ruhe.' Und: 'Ich mache ja gar nichts.'"

Freunde und Kochen

Zur Familie Wolf gehört gleichermaßen ein sehr großer Freundeskreis, zu dem vor allem Schriftsteller, Buchmenschen, Künstler zählen. Der große Kommunikator Gerhard Wolf hat eben auch – und vielleicht ist dies sein größtes Talent – jenes zur Freundschaft. Das gemeinsame Essen war zu Christa Wolfs Lebzeiten das soziale Ereignis schlechthin: Gerhard kochte nicht nur für die Familie, er kochte auch für die Freunde.

Wolf erzählt: "Ich entwickelte mich nach und nach zu einem Koch. Es gab von Christa einen Weiber-Kreis. Der traf sich hier. Dazu gehörten Daniela Dahn, Gerdi Tetzner, Brigitte Burmeister, Sigrid Damm. Die trafen sich abwechselnd jeden Monat in einer anderen Wohnung. Wenn die zu uns kamen, habe ich die immer bekocht. Da habe ich mir natürlich Mühe gegeben, dass das ein Drei-Gänge-Menü war."

"Er kochte gut, und er dachte gut"

"Es wurde ein lebenslanges enges, manchmal konspiratives, mithin geselliges Verhältnis", sagt Volker Braun über seine Freundschaft zu Gerhard Wolf: "Er kochte gut, und er dachte gut. In den kulturpolitischen Krisen blieb er gelassen und fest. Noch vor kurzem, wenn wir hier in Pankow dem Neunzigjährigen auf dem Markt mit dem Saibling in der Tasche begegneten, war ich regelrecht ermutigt."

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Das Essen ist ein Anlass, beisammen zu sein, miteinander zu reden, auf eine Weise Dinge anzusprechen, die sich ansonsten vielleicht nicht so leicht ansprechen lassen, leichthin oder auch ein wenig durch den Kartoffeldampf hindurch. Essen aber ist natürlich auch ein Genuss.

Roastbeef – seine  Spezialität

Eine seiner Spezialitäten sei das englische Roastbeef, sagt Wolf: "Mit geriebener Zwiebel, Senf, Pfeffer, Salz, Speckscheibe drunter und heißer Butter, das lässt man eine Nacht stehen, am nächsten Tag brät man so, wie man es haben will, ob es noch ein bisschen rosig ist oder ganz durch. Schmeckt gut, ist nicht billig, ein Filet auch, aber lohnt sich. Königsberger Klopse kann ich auch."

Angela Drescher sagt dazu: "Man weiß gar nicht, wie Gerhard Wolf bestimmte Dinge macht, sie entstehen – oder sie scheinen zu entstehen – quasi nebenbei. So ist es auch beim Kochen. Andere sind da sehr genau und halten sich an irgendwelche Kochbücher und so. Und er kocht mit so viel Lust und Hingabe, dass man gar nicht merkt, wie er das zusammenzaubert."

Ein treuer Freund

"Ich weiß nur, dass, wenn er Interesse an jemandem hat", erzählt Angela Drescher weiter über Gerhard Wolf, "und wenn jemand durch seine Art der – wie soll ich sagen – Qualitätskontrolle, menschlichen und literarischen, durch seinen Filter gegangen ist und er den akzeptiert hat, dann ist er ein sehr, sehr treuer Freund, sehr aufmerksam auf seine Art, ohne dass er sich aufdrängt. Aber einer, der dann da ist, der ganz genau verfolgt, was zum Beispiel ein Autor schreibt, der sehr viel zur Kenntnis nimmt, der auch rückhaltlos loben und bewundern kann und gleichzeitig aber einen ganz klaren Blick hat für bestimmte Schwächen und damit dann auch nicht hinterm Berg hält."

(DW)

Gerhard Wolf: "Herzenssache. Memorial - unvergessliche Begegnungen"
Aufbau-Verlag 2020, Berlin
288 Seiten, 22 Euro 

Mitwirkende
Es sprachen: Gabriele Blum, Eva Meckbach und Axel Wandtke
Regie: Giuseppe Maio
Ton: Ralf Perz
Redaktion: Dorothea Westphal

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