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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.06.2008

Schriftsteller und Musiker

Tilman Rammstedt im Porträt

Von Georg Gruber

In Klagenfurt lesen Autoren ihre Bücher auch selbst (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
In Klagenfurt lesen Autoren ihre Bücher auch selbst (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In diesen Tagen wird in Klagenfurt wieder ein Wettkampf ausgetragen, nicht mehr Fußball, sondern Literatur. Die Autoren, die dort vertreten sind, lesen ihre Texte selbst, es geht also auch darum gut zu performen. Darin hat Tilman Rammstedt Erfahrung – als Gründer einer Lesebühne und als Musiker.

Rammstedt: "Wir nennen es von Anfang an Texte an Musik, was auch nicht viel erklärt.

Man kann auch sagen, es ist eine Band, die in dem Sinne ungewöhnlich ist, weil nur ein Musiker dabei ist und drei Schriftsteller, die mehr oder weniger Instrumente spielen können."

Tilman Rammstedt, 33, ist einer der drei Literaten bei "Fön", er spielt Trompete, trommelt ein bisschen und er singt oder spricht im Wechsel mit den anderen, Gedichte, Prosatexte, Minidramen:

Auf der Bühne: Tilman Rammstedt hat die Augen geschlossen, träumerisch, hält sich mit beiden Händen am Mikrofonständer fest.

Er und Anne Will – sie gäben ein etwas ungleiches Paar ab. Sie kontrolliert, jede Geste kalkuliert, jedes Wort wie aus einem Steinbruch rausgemeißelt – er locker, smart, mit Fünftagebart und aufgeknöpftem Hemd. Seine Texte fließen, auch seine literarischen, seine Erzählungen und sein Roman "Wir bleiben in der Nähe", mit großer Leichtigkeit dahin.

Rammstedt: "Es ist, glaube ich, mehr harte Arbeit, als dass es leicht von der Hand geht, aber es gibt glücklicherweise immer wieder auch Phasen, wo die Leichtheit, die der Text auch widerspiegeln soll, vorgeherrscht hat. Bei diesem Buch "Wir bleiben in der Nähe", erinnere ich mich, es musste sehr schnell geschrieben werden, gegen Ende, man hat sich dann in ganz natürlich Rauschzustände rein versetzen müssen um zu sehen, jetzt hab ich an einem Tag neun Seiten geschrieben, da fallen dann zwar drei wieder raus, aber es hat großen Spaß gemacht bei all dem Fluchen und Verzweifeln, das natürlich auch dazu gehörte."

In dem Roman, der 2005 erschien und mit viel Lob bedacht wurde, entwirft er eine Dreiecksgeschichte: Felix, Konrad und Katharina waren einmal eng befreundet, sogar mehr als das – bis sich die Wege trennten. Als Katharina Jahre später heiraten will, wird sie von Felix und Konrad in einer Spontanaktion entführt – in die Bretagne. Dort schrieb Tilman Rammstedt auch einen großen Teil der Geschichte, der erste Satz entstand während eines Stipendiums in New York und den Schluss schrieb er in Berlin, in einem Café in Prenzlauer Berg.

Tilman Rammstedt, geboren 1975 in Bielefeld, hat schon früh gespürt, dass das Schreiben ihm liegt. Der Vater Soziologieprofessor, fängt auch er erst einmal zu studieren an, Philosophie und Literaturwissenschaften in Schottland, Tübingen und, seit 1998, in Berlin. Dort spielt er Theater, geht mit Fön auf Tourneen im In- und Ausland, für das Goetheinstitut in Rumänien, Ungarn, Polen und Russland und er gründet eine Lesebühne "Visch und Ferse", wie man das so macht in Berlin.

Rammstedt: "Wenn man nicht sehr strukturiert ist, wie ich, dann sind diese Lesungen sehr wichtig, weil man ja tatsächlich etwas Neues lesen muss und dann muss man sich auch verdammt noch mal hingesetzt haben und für diesen Abend etwas geschrieben haben."

In seinem ersten Roman geht es um mehr als eine Dreiecks-Beziehungsgeschichte.

Rammstedt: "Wir könnten spielsüchtig werden. Wir könnten halbtags arbeiten. Wir könnten nach innerem Frieden suchen. Wir könnten nach äußerem Frieden suchen. Wir könnten die sieben Weltmeere einzeln abfahren. Wir könnten eine Baumschule eröffnen."

Es geht auch um die Fülle von Möglichkeiten, um die Frage, was man aus seinem Leben macht, was für Ziele man eigentlich gehabt hat, Bilanz der Mitte 30-Jährigen.

Rammstedt: "Vor allem der Erzähler überlegt, was war mir damals wichtig und wenn es mir immer noch wichtig ist, warum lebe ich nicht danach."

Zitat:
"Wir könnten einen großen Coup landen. Wir könnten uns rehabilitieren. Wir könnten nach Gleichgesinnten suchen. Wir könnten etwas wagen. Wir könnten etwas gründlich recherchieren. Wir könnten uns einen Namen machen. Wir könnten die Sprache der Delphine lernen."

Rammstedt: "Ich glaub, dass meine Möglichkeiten gar nicht so viele sind, ich hab mir ja wohlweißlich ein paar verbaut, dadurch dass ich mein Studium abgebrochen habe, und in meinem leben noch kein Praktikum gemacht habe und all diese Dinge, aber dieser Gedanke, plötzlich einen Beruf zu haben, und: ach ist das das jetzt?

In den auch ein bisschen reingerutscht zu sein, es ist ja ein sehr toller Beruf, Schriftsteller, aber trotzdem auch so ein typischer Beruf, auf den man nicht so richtig hinarbeiten kann, und dann sich zu überlegen, was man noch machen wollte, und dass da viele Dinge sind, die sich ausschließen , diesen Gedanken kenn ich sehr gut, ja."

Sein drittes Buch, das im Herbst herauskommt und aus dem er auch in Klagenfurt lesen wird, ist wieder eine Dreiecksgeschichte, diesmal zwischen Enkel, Großvater und einer Frau, die zuerst die Geliebte des Großvaters war und dann die Ehefrau des Enkels ist. Ein nicht unwesentlicher Teil der Geschichte spielt in China:

"Ich war allerdings noch nie in China, aber der Erzähler zum Glück auch nicht, er tut so , als ob er in China wäre, er hat genauso viel Wissen wie ich, nämlich einen Reiseführer und den Rest muss er sich ausdenken."

Und obwohl er schon so oft auf der Bühne stand, mit Fön und auf Lesereisen – seinem Auftritt in Klagenfurt, wo sich die Autoren ja auch direkt der Kritik stellen müssen, sieht er doch mit Spannung entgegen:

Rammstedt: "Natürlich rede ich mir schon ein , dass es eine Auszeichnung ist, eingeladen zu werden, es ist die Chance , etwas zu bekommen, aber gleichzeitig auch die Chance die Hucke voll zu bekommen, das möchte man ja nicht."

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