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Zeitfragen | Beitrag vom 25.01.2019

Schriftsteller Peter Handke und die 68er-BewegungDer Provokateur

Von Helmut Böttiger

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Der österreichische Schriftsteller Peter Handke 1973 bei einer Veranstaltung  (picture alliance/dpa/Foto: Manfred Rehm)
An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nie: der österreichische Schriftsteller Peter Handke (1973). (picture alliance/dpa/Foto: Manfred Rehm)

Peter Handke genügten drei Minuten einer Wutrede in Princeton, um berühmt zu werden. Wie kein anderer nutzte der Schriftsteller 1966 die Reflexe der Öffentlichkeit. Mit seiner "Publikumsbeschimpfung" begründete er die deutsche Popkultur.

Peter Handke: "Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja. / Ich weiß von der Freude nur, dass sie mich immer nur streift. / Man ist immer dabei, das, was man erlebt hat, zu verraten, indem man es beschreibt. Das ist das Problem des Schreibens überhaupt: dass man das verrät, was man erlebt hat."

Der junge Peter Handke studiert Anfang der 60er-Jahre einsam Jura in Graz. Eines Tages hat er dort ein Schlüsselerlebnis. Erst viele Jahre später schreibt er es auf.

"An einem Spätwinterabend saß er in einem seiner bewährten Jukebox-Cafés. Auf einmal, nach der Plattenwechselpause, die, mitsamt ihren Geräuschen – dem Klicken, dem Suchsurren, hinwärts und herwärts durch den Gerätbauch, dem Schnappen, dem Einrasten, dem Knistern vor dem ersten Takt –, gleichsam zum Wesen der Jukebox gehörte, scholl von dort aus der Tiefe eine Musik, bei der er zum ersten Mal im Leben, und später nur noch in den Augenblicken der Liebe, das erfuhr, was in der Fachsprache Levitation heißt, und das er selber mehr als ein Vierteljahrhundert später wie nennen sollte: Auffahrt? Entgrenzung? Weltwerdung?"

"Als er dann aber bei seinem selten gewordenen Radiohören einmal erfuhr, wie der Chor der frechen Engelszungen hieß, die mit ihrem mir nichts, dir nichts hinausgeschmetterten 'I want to hold your hand', 'Love me do', 'Roll over Beethoven' alles Gewicht der Welt von ihm nahmen, wurden das die ersten sozusagen 'unernsten' Platten, die er sich kaufte. (Er kaufte in der Folge fast nur noch solche.) Und heute noch dachte er, das Anfänger-Schallen der Beatles im Ohr, aus jener von Parkbäumen umstandenen Wurlitzer: Wann würde je wieder solch eine Anmut in die Welt treten?"

Vom Gefühl, ein berühmter Dichter werden zu können

Die Sehnsucht nach "Anmut" ist aber nur eine Seite des jungen Peter Handke. Die andere ist sein Gefühl, ein berühmter Dichter werden zu können, oder vielmehr: bereits einer zu sein. Alfred Kolleritsch, der führende Kopf im literarischen Zentrum "Forum Stadtpark" in Graz, erinnert sich in der Handke-Biografie von Malte Herwig an einen Abend im Sommer 1963. Da liest der recht konservative Schriftsteller Herbert Eisenreich und beklagt sich, dass es mit der österreichischen Literatur eh zu Ende gehe.

"Und er stellt die rhetorische Frage, wer denn überhaupt heute noch den österreichischen Roman schreiben könne. Da meldet sich der ganz hinten im Saal an der Wand lehnende Handke zu Wort: 'Ich.' Die Verblüffung sei groß gewesen."

Handke hat zu diesem Zeitpunkt noch nichts veröffentlicht und schreibt an seinem Debütroman "Die Hornissen". Das Buch erscheint im Frühjahr 1966 im Suhrkamp-Verlag, löst aber eher Achselzucken aus. Es ist offenkundig von dem gerade sehr angesagten "Nouveau Roman" aus Frankreich beeinflusst. Aber immerhin scheint es so sehr auf der Höhe der Zeit zu sein, dass Handke eine Einladung zum Treffen der tonangebenden "Gruppe 47" bekommt. Es findet im April 1966 in der US-amerikanischen Universitätsstadt Princeton statt, eine äußerst repräsentative Auslandstagung also. Sämtliche Häuptlinge des westdeutschen Literaturbetriebs sind anwesend. Handke liest dort aus seinem im Entstehen begriffenen zweiten Roman "Der Hausierer". 

"Der Hausierer ist noch unterwegs. Das Wurstblatt hängt aus der Semmel. Heute wird ein heißer Tag werden. Das Ende eines Besenstiels schaut aus dem Türspalt. Der Koffer ist zu auffällig. Ich kann durch das Schlüsselloch nur einen umgekippten Schuh erkennen. Seine Hände übertragen ihre Ungeduld auf ihn, sie fliehen vor ihm her so schnell, dass er nicht mitkommen kann. Es ist wieder dieser Kreiseltraum. Ein Glas klirrt, vielleicht eine Fensterscheibe."

Reich-Ranicki ist nicht begeistert

So richtig gut kommt Handke damit nicht weg. Reich-Ranicki findet das Ganze langweilig. Grass findet vor allem Reich-Ranicki langweilig, Handke aber auch. Walter Jens bekennt:

"Das Prinzip als solches, Mutmaßungen mit Hilfe von Hauptsätzen zu erzielen, würde ich verteidigen, wohl bemerkend, dass es am Ende nicht mehr als eine interessante Fingerübung ergeben kann, aber diese könnte vielleicht den Autor doch für zukünftige Unternehmungen stärken. Für sinnlos… für sinnlos halte ich solche Unternehmungen nicht."

Auch Reinhard Baumgart fühlt sich ziemlich sicher:

"Ich habe eigentlich den Eindruck, dass das, was er erzählt, diesen Vorgang gar nicht herstellt in Worten, sondern einen schon hergestellten Vorgang nacherzählt, dass hier eine Art von erzählerischer Sekundärliteratur vorliegt."

Am nächsten Tag liest Hermann-Peter Piwitt, ein Generationskollege Handkes. In Handke, der bestimmt schlecht geschlafen hat, brodelt es. Er kümmert sich nicht um das strenge Reglement, nach dem die Treffen gewöhnlich ablaufen, steht nach der Lesung Piwitts plötzlich auf, ergreift das Wort und lässt es, obwohl ihm fast die Stimme bricht, nicht mehr los.

"Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt erst Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben. (...) Das Übel dieser Prosa besteht darin, dass man sie ebenso gut aus einem Lexikon abschreiben könnte.

Man könnte den Sprachduden, diesen Bilderduden verwenden und nun diese Bilder aufschlagen und auf die einzelnen Teile hinweisen. Und dieses System wird hier angewendet und es wird vorgegeben, Literatur zu machen, was eine völlig läppische und idiotische Literatur ist. (Schallendes Gelächter.) Und die Kritik, und die Kritik, und die Kritik ist damit einverstanden, weil eben ihr überkommenes Instrumentarium noch für diese Literatur ausreicht, gerade noch hinreicht. (Schallendes Gelächter.) Weil die Kritik ebenso läppisch ist wie diese läppische Literatur."

Handkes Kritik an der deutschen Gegenwartsliteratur

Etwas unbeholfen und immer wieder stotternd attackiert Peter Handke die gesamte deutsche Gegenwartsliteratur. Die Gruppe 47 freut sich und lacht, ist dem jungen Mann dankbar für die nette Abwechslung, nimmt ihn aber nicht so ganz ernst. Schließlich fühlt man sich selbst als Avantgarde. Nur ein alter marxistischer Recke, der eine Rebellion junger Leute tendenziell immer gut findet, zeigt Verständnis. Hans Mayer versucht, Handke in Schutz zu nehmen.

"Was Handke meint, ist folgendes…" (Schallendes Gelächter.)

Man versteht nicht so recht, was Handke eigentlich genau umtreibt, aber man merkt, dass endlich mal wieder etwas geschieht. Die damaligen Teilnehmer Friedrich Christian Delius und Klaus Stiller, im selben Alter wie Peter Handke, erinnern sich später an diesen Moment, der auf unerwartete Weise in die Literaturgeschichte eingehen wird. 

Friedrich Christian Delius: "So viel ist jedenfalls sicher: Das war überhaupt nicht spontan. Das war gar nicht auf die Literatur bezogen, sondern der hat das von zuhause mitgebracht. Das war sozusagen von langer Hand inszeniert. Der wollte diesen Auftritt haben. Dann mit dem schönen Wort 'Beschreibungsimpotenz' hat er natürlich alle flach gelegt."

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (r) nimmt am 2. Dezember 1967 aus den Händen von Hermann Gressieker (l) den Gerhard-Hauptmann-Preis der Freien Volksbühne Berlin entgegen. (picture-alliance / dpa)Peter Handke (r) nimmt am 2. Dezember 1967 aus den Händen von Hermann Gressieker (l) den Gerhard-Hauptmann-Preis der Freien Volksbühne Berlin entgegen. (picture-alliance / dpa)
Klaus Stiller: "Ich erinnere mich, dass wir, also diese Gruppe, Piwitt und Chotjewitz war dabei und Buch, diese Leute, die sich schon kannten, der Handke kannte uns ja alle nicht, war uns nie begegnet, wir auch dem Handke nicht – wir waren da zusammen, und ich erinnere mich, dass wir da ne Flasche Whiskey gekauft hatten und da durch den Park liefen und jeder hat immer einen Schluck Whiskey getrunken. Und dann lief vielleicht so 50 Meter hinter uns dieser scheue Beatle, und der tat uns irgendwie leid, so dass wir auf ihn gewartet haben und ihn in die Gruppe mit hineinnahmen. Und er selbst war dann immer noch schüchtern und hat kaum was gesagt.

Da saßen wir alle zusammen auf so Bänken, und um zu zeigen, was er für ein Kerl ist, hat er dann ein Mädchen angesprochen, die vorn an uns vorbeiging, eine junge Amerikanerin. Und rief dann – also ich sag das, weil es einfach die Situation schildert, in der der Handke sich befand, er wollte auch zeigen, was für ein Kerl er ist, aber er war eigentlich ein ganz schüchterner Typ. Und um das zu beweisen, hat er gerufen: ´Hello, I want to fuck you!` Und da haben wir natürlich gelacht, und das Mädchen hat auch gelächelt und ist weitergegangen. Das war dann der Auftritt von Handke im Park außerhalb der Gruppensitzungen.

Jeder weiß sofort: Das ist Peter Handke

Handkes Auftritt in Princeton ist nichts anderes als die Geburt der deutschen Popkultur aus dem Geist der Gruppe 47. Innerhalb von zwei, drei Minuten wird Handke zum Markenzeichen. In Gazetten und Magazinen genügt in den nächsten Wochen und Monaten als Illustration bloß eine Art Schattenriss, die schwarze Silhouette eines Pilzkopfs mit Sonnenbrille und halblangem Haar, und jeder weiß sofort: Das ist Peter Handke. Er hat völlig unverblümt die Andy-Warhol-Ästhetik übernommen und gilt damit in Deutschland wie dieser in den USA als Trendsetter.

"Ihr Damen und Herren ihr, ihr Anwesenden ihr, ihr Genossen ihr, ihr werten Zuhörer ihr, ihr werdet zuhören ihr, ihr Mitmenschen ihr!"

8. Juni 1966. Kurz nach dem Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton inszeniert Claus Peymann im kleinen Frankfurter Theater am Turm Peter Handkes erstes Theaterstück. Es heißt "Publikumsbeschimpfung".

Demonstranten am 03.02.1968 auf dem Kurfürstendamm. Nach einer genehmigten, zunächst gewaltlosen Demonstration gegen die Militärdiktatur in Griechenland zogen mehrere hundert Demonstranten auf den Kurfürstendamm und errichteten Barrikaden. Die Polizei setzte mehrfach Wasserwerfer ein. Foto: Konrad Giehr +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa / Konrad Giehr)Studentendemonstration 1968 in Berlin (dpa / Konrad Giehr)
"Ihr Claqueure, ihr Cliquenbildner, ihr Pöbel, ihr Schweinefraß, ihr Knicker, ihr Hungerleider, ihr Griesgrame, ihr Schleimscheißer, ihr geistiges Proletariat, ihr Protze, ihr Niemande, ihr Dingsda."

Peter Handke scheint ein Teil der Revolte zu sein, die 1968 kulminiert. Aber dieser Teil der Revolte ist komplizierter, als es scheint. Das Verhältnis zwischen Politik und Poesie wird in den Jahren unmittelbar nach 1968 zunehmend als prekär empfunden, und Handke geht es in allererster Linie um die Poesie. In seinem Filmdrehbuch "Falsche Bewegung" von 1975 kommt es zwischen den beiden Hauptfiguren zu einem melancholischen Wortwechsel:

"Wenn nur beide, das Politische und das Poetische, eins sein könnten!" 

"Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt."

Querkopf, aber kein Anteil an der Studentenbewegung

Peter Handke gehört zwar zum Aufbruch Ende der 60er-Jahre, er gilt als ein ungestümer Querkopf, aber an der politischen Studentenbewegung hat er niemals Anteil genommen.

"Ich wollte nie dazugehören. Ich hab mit den 68ern – erst einmal hat es gutgetan, dass es sowas gibt, aber dann, als es sich sprachlich und bildlich konkretisiert hat, dann hab ich gedacht: nein. Also ich war nicht dagegen, aber… Fritz Teufel und dann dieser Quatschkopf, wie hieß der – Rainer Langhans, eine jämmerliche Gestalt! Schon damals war mir das klar! Das einzige Mal, dass ich mich mit Enzensberger irgendwie verstanden hab, als wir einen Nachmittag den Langhans über uns ergehen haben lassen müssen, ohne Pause, ohne Akzent vor allem, ohne Blick. Aber man hat das damals akzeptiert, man hat gedacht, das gehört dazu."

Handkes Gedichtband "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" aus dem Jahr 1969 hat mit einer Poesie der Innerlichkeit überhaupt nichts zu tun.

"Es gibt auch ein Beatles-Lied, John Lennon singt da: 'Your inside is out and your outside is in'."

Rainer Langhans und Fritz Teufel im Jahr 1968 (AP Archiv)Rainer Langhans und Fritz Teufel im Jahr 1968 (AP Archiv)
Es sind Sprachprogramme, die Handke in "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" startet, in Anlehnung an die "konkrete poesie" österreichischer Provenienz. Alltagsgegenstände und viele Erscheinungsformen der Unterhaltungskultur fließen hier ein. Handkes juristisches Fachexamen sensibilisiert ihn auch für Fachsprachen jeglicher Art, vor allem politische und bürokratische. In noch spezielleren Fachkreisen ist ein Gedicht schnell kanonisch geworden, das in seiner archivarischen Stringenz seinerzeit systemsprengend wirkt.

"Die Aufstellung des 1.FC Nürnberg
vom 27.1.1968
Wabra Leupold Popp
Ludwig Müller Wenauer Blankenburg
Starek Strehl Brungs Heinz Müller Volkert
Spielbeginn: 15 Uhr"

"Dieser ganze Gedichtband sollte eine Art von Wochenschau sein oder eine Art Jahresschau, wo alles hineinkommt in einer verdichteten Form, was mich interessiert hat innerhalb einer gewissen Zeitspanne."

1970 überrascht Handke mit einer Erzählung

Der junge Peter Handke schreibt zunächst Theaterstücke und Gedichte. 1970 aber überrascht er mit einer Erzählung, die einen ganz neuen Ton anschlägt. Jetzt sieht die Revolte anders aus. Noch Jahrzehnte später versetzt sich Handke spontan in seinen damaligen Schreibimpuls.

"Als dann die Angst des Tormanns beim Elfmeter kam – dann plötzlich: Es wird wieder erzählt! Es war ja überhaupt nicht mehr vorhanden! Und mir kam das auch fast wie ein Sakrileg vor, eine Erzählung anzufangen: 'Dem Monteur Josef Bloch, der früher mal ein Tormann gewesen war, wurde am Morgen, als er zur Bauhütte kam, vom Polier mitgeteilt, dass er entlassen sei. Zumindest legte er die Bewegung des Poliers oder des Mannes, so aus, und verließ auf der Stelle die Baustelle.' Ich hab gedacht: Um Gottes willen! Was schreib ich denn da! Aber das hat mich dann plötzlich ungeheuer angepackt. Alles kam, mein ganzes Leben, was ich, wen ich getroffen hab, kam dann in diese Geschichte hinein."

Peter Handke kann sich noch heute fast wörtlich an den Anfang seiner berühmten Erzählung erinnern.

"Es kam natürlich durch mein Jurastudium. Das hat ja überhaupt nichts zu bedeuten, aber da gab’s eben ein paar Momente. Wo uns vorgeführt wurde, wie ein Mensch plötzlich zweigeteilt wird. Und ich hab mich da… Der Kriminologieprofessor hat erzählt, wie ein Mann eine Nacht mit einer Frau verbringt, und plötzlich erwürgt er die! Und irgendwie hab ich gedacht – das leuchtet mir ein! Nicht psychologisch! Es leuchtet mir einfach ein! Und so kam das. Und dann hab ich blöderweise auch klinische Bücher gelesen über die beginnende Schizophrenie, wie sich das äußert, und das ist ein bisschen zu viel auch in die Geschichte eingesickert oder – sintert oder wie man das nennen soll."

Schauspieler Arthur Brauss in dem Film "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (picture alliance/dpa/Foto: Courtesy Everett Collection)Schauspieler Arthur Brauss in dem Film "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" vom Wim Wenders 1972. Nach einer Erzählung von Peter Handke. (picture alliance/dpa/Foto: Courtesy Everett Collection)
"Und deswegen war’s so seltsam, auch 'Der kurze Brief zum langen Abschied' damals zu schreiben: 'Die Jefferson Street ist eine stille Straße in Providence. Als ich Ende April dort ankam ins Hotel soundso lag ein Brief' usw. Ich hab gedacht: Das geht ja nicht, das alles! Aber das war damals ein Ereignis, so was zu machen! Das sag ich Ihnen! Das war ein Handstreich!"

Handkes Helden sind Verlorene, Versprengte inmitten aller zeitpolitischen Reden um sie herum. Aber sie haben das Popgefühl. Man kann sich mit ihnen identifizieren und lebt dabei mitten in der Gegenwart. Sie suchen nach einer eigenen Sprache, bleiben jedoch meistens sprachlos. Und um diese spezifische Sprach- sowie Sinnlosigkeit geht es beim Helden Bloch in der 'Angst des Tormanns beim Elfmeter'. Das zieht unerwartet weite Kreise. Sogar Günter Netzer, der Kult- und Popfußballer der siebziger Jahre, will der 'Angst des Tormanns beim Elfmeter' beikommen. Er rezitiert fachmännisch den Schluss der Erzählung und versucht dadurch, einen Sinn herauszufiltern.

"Der Elfmeterschütze legte sich den Ball zurecht. Dann ging auch er rückwärts aus dem Strafraum heraus. 'Wenn der Schütze anläuft, deutet unwillkürlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Körper die Richtung an, in die er sich werfen wird, und der Schütze kann ruhig in die andere Richtung schießen', sagte Bloch. 'Ebensogut könnte der Tormann versuchen, mit einem Strohhalm eine Tür aufzusperren.' Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände."

Vollkommen auf der Höhe der Zeit

Ob Günter Netzer einen Sinn gefunden hat, wissen wir nicht. Aber Handke ist Anfang der 70er-Jahre vollkommen auf der Höhe der Zeit. "Die Sinnlosigkeit und das Glück" heißt eines seiner traumwandlerisch das Lebensgefühl erfassenden Langgedichte, ein anderes "Leben ohne Poesie".

"Manchmal denke ich: Was ist denn eigentlich los? Dieser Mensch geht dort so und so, der hat mir das und das erzählt. Dieser Baum rauscht so, der andere rauscht so. Das Sternbild sieht heute so aus – was ist eigentlich, ich kann das doch aufschreiben, und es gibt einen Raum, wo der, der das liest, vielleicht auch einen Raum findet."

Bezwingend ist die Unmittelbarkeit, die Glaubwürdigkeit, mit der Handke über jene Gefühle spricht, die in der heftigen Phase der Politisierung um und nach 1968 in den Hintergrund getreten waren. Handkes Suchbewegungen treffen einen Nerv. Das eindringliche Buch über seine Mutter, "Wunschloses Unglück" aus dem Jahr 1972, scheint der üblichen Sprachwelt dieses Autors auf den ersten Blick zwar nicht zu entsprechen, aber die Art und Weise der persönlichen Selbstvergewisserung verdichtet sie sogar noch.

"Unter der Rubik 'Vermischtes' stand in der Sonntagsausgabe der Kärtner 'Volkszeitung' folgendes: 'In der Nacht zum Samstag verübte eine 51-jährige Hausfrau aus A. (Gemeinde G.) Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis Schlaftabletten.'"

Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist, und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandet, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte.

"'Wunschloses Unglück' war ja im Grunde ein Skandal! Und Uwe Johnson hat sich beim Verleger, beim Siegfried Unseld beschwert oder zumindest harmlos Bedenken geäußert, dass ein Mensch über seine Mutter, die gerade sich das Leben genommen hat, eine Erzählung, ein Buch schreibt! Für mich war das, ich musste – man sagt immer "Es musste sein", aber das musste so sein, ja. Das hat danach geschrien! Mein ganzes Leben ist da beschrieben. Mein ganzes Leben … Der Tod meiner Mutter, der hat mich aufgeklärt über das, was vorher war."

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke am 14. Oktober 1973 auf der Frankfurter Buchmesse. (picture alliance/dpa/Foto: Roland Witschel)Peter Handke am 14. Oktober 1973 auf der Frankfurter Buchmesse. (picture alliance/dpa/Foto: Roland Witschel)
Das Gesellschaftliche, Politische, das seine Generationsgenossen in den 70er-Jahren immer noch umtreibt, bildet für Peter Handke in erster Linie ein Hintergrundrauschen. Seine Vorliebe gilt den Außenseitern, den Verkannten. Eine seiner Lieblingsgruppen ist Canned Heat, und das liegt vor allem an deren Sänger. Im "Kurzen Brief zum langen Abschied", einem von Handkes 70er-Jahre-Hits, beobachtet der in den USA gestrandete Held durch das Fenster des Cafés einen Studenten:

"Mit kurzen Haaren, pausbäckig, in Bermudahosen, mit dicken Schenkeln, in Turnschuhen, ich blickte ihn entsetzt an. / Ich schaute mich noch einmal nach dem dicken Studenten um: auf der Rückseite seines Hemds war Al Wilson abgebildet, der Sänger der Canned Heat. Wilson war ein kleiner und dicklicher Junge. Er hatte Pickel, die man auch im Fernsehen deutlich sah, und trug eine Brille. Vor einigen Monaten war er vor seinem Haus im Laurel Canyon bei Los Angeles in seinem Schlafsack tot aufgefunden worden. Mit zarter hoher Stimme hatte er ´On The Road Again`gesungen und 'Going Up The Country. / 'On the road again', das bekannteste Lied von Canned Heat, ist nicht nur das Leitmotiv für den 'Kurzen Brief zum langen Abschied'. Das Unterwegssein, beginnend mit den 70er-Jahren, ist für Handkes Gesamtwerk wesentlich, es ist für ihn gleichbedeutend mit dem Schreiben."

"Ich war noch nie zuhause. Nie. Man streift es. Das ist, glaub ich, das beste Wort. (…) Ich bin im Schreiben also immer weniger zuhause. Es gibt trotzdem ein, zwei Momente am Tag, wo ich (…) davon gestreift wurde. Von Richtigkeit. Ich sag jetzt statt 'zuhause zu sein': vom Gefühl des richtigen Lebens. Dass ich jetzt das Rechte tue einfach. Wäre das nicht, hätte ich das schon längst aufgegeben, das Schreiben. Aber es ist sozusagen nicht beständig, überhaupt nicht. (…) Es ist ein immerwährendes, vielleicht kurzes Streifen, Einrasten. Vielleicht ist das auch das richtige Wort: kurzes Einrasten – und dann wieder weitergeworfen von Klippe zu Klippe."

68er-Bewegung und die bürgerliche Literatur

Die 68er-Bewegung hat zwar die bürgerliche Literatur erstmal vollkommen abgelehnt. Aber sie hat in paradoxer Weise ihren Anteil daran, dass sich das deutschsprachige literarische Schreiben spürbar verändert und viel stärker rezipiert wird. Es kristallisiert sich eine Subjektivität heraus, die durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen hindurchgegangen ist. Sie hat danach nicht mehr viel mit dem alten hohen Ton eines sich als selbstverständlich voraussetzenden Ich zu tun. Peter Handke balanciert auf der Höhe der Zeit. Er wird zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation. Es ist bezeichnend, wie sich der Schriftsteller Karl-Heinz Ott, Jahrgang 1957, heute an sein literarisches Initiationserlebnis erinnert. Er war 17 Jahre alt.

"Es kam (…) vor allem ein spezielles Ereignis dazu, das für mich anders war als alles bis dahin, Schullektüren – Lieblingslektüren gab’s eigentlich so wenig, nämlich eines Samstagnachmittags, ich glaube 1973, ist der Roman erschienen oder so, und von dem mir bis dahin unbekannten Peter Handke, das 'Wunschlose Unglück'. Ich hatte den entdeckt, weil meine Mutter die Raiffeisenbank im Dorf gemacht, und aus dem Grund waren wir wahrscheinlich die einzigen, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatten. (…)

Und darin war ein Bild mit einem Menschen, der hatte so lange Haare wie ich, oder ich so lange wie er. Und da dachte ich: Hoppla! Es gibt Schriftsteller, die sehen so jung aus und haben lange Haare. Weil sonst hatten die das nicht. Und ich hab dann das Buch bestellt und hab’s gelesen, und vom ersten Satz an war ich wie nur von einer Musik, die man noch nie gehört hat, gebannt. (…) Und da wollte ich plötzlich mehr davon lesen. Und ich glaub‘ … im Nachhinein kann ich sagen, ab diesem Samstagnachmittag – ich weiß auch noch, dass es ein Samstagnachmittag war – ab diesem Samstagnachmittag hat sich fast alles verändert."

"Was ist die Schrift für einen Menschen? Was ist das? Was sind die Wörter? Was ist sie noch wert, die Literatur? Kann die überhaupt noch etwas sein? Kann die noch einen Ort geben? / Es ist nichts vergessen. Man sagt immer, es ist was vergessen, aber gute Prosa wird nie vergessen. / Was ist das alles für ein Gerede, denk ich."

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