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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.11.2016

Schriftsteller Moritz Rinke"Deutschland muss türkische Künstler unterstützen"

Moderation: Andrea Gerk

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Der Schriftsteller Moritz Rinke (dpa / picture-alliance / Ole Spata)
Der Schriftsteller Moritz Rinke (dpa / picture-alliance / Ole Spata)

Viele türkische Autoren und Intellektuelle verlassen derzeit die Türkei. "Das ist ein Exodus", sagt der Schriftsteller Moritz Rinke. Wichtig sei jetzt, dass man Patenschaften für die Künstler übernehme und eine Öffentlichkeit schaffe, die es in der Türkei nicht mehr gebe.

Andrea Gerk: Zehntausende vermeintliche Regierungsfeinde hat der türkische Präsident Erdogan seit dem Putschversuch verhaften lassen, auch mehr als 140 Autoren und Journalisten sitzen inzwischen im Gefängnis, darunter auch die bekannte Schriftstellerin Asli Erdogan, die sich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesser mit einem Hilferuf zu Wort gemeldet hatte. Heute haben in Istanbul deutsche Verleger und Autoren vor dem Frauengefängnis eine Mahnwache für die inhaftierte Kollegin abgehalten, viele sind wegen der Istanbuler Buchmesse in der Stadt, denn Deutschland ist Ehrengast dieser Messe.

Auch der Dramatiker und Schriftsteller Moritz Rinke ist erst heute Nachmittag aus der Türkei zurückgekommen und jetzt ist er bei mir im Studio, guten Abend, Moritz Rinke!

Moritz Rinke: Guten Abend!

Gerk: Das muss ja eine ziemlich bedrückte Stimmung da in der türkischen Literatur- und Verlagsszene sein, oder wie haben Sie das erlebt?

"Die Regierung ist nicht in der Lage zu lesen"

Rinke: Ja, offen gestanden habe ich es mir fast noch schlimmer vorgestellt. Ich war froh über doch den bunten Optimismus, sage ich mal, den ich dort in diesen Verlagshallen angetroffen habe. Ich hatte erwartet, dass eine vom Kulturministerium völlig reglementierte Messe dort stattfinden würde mit sortierten Titeln, und dem war nicht so. Der Leiter der Buchmesse Istanbul ist ein sehr progressiver Mensch, der auch kein Blatt vor den Mund genommen hat bei der Eröffnung der Buchmesse, der wirklich von schwierigen Zeiten, die von Ihnen erwähnten Inhaftierungen erwähnte und der offenbar immer noch selbst die Verlage dort bestimmen kann. Das hat mich überrascht. Und so gesehen waren viele auch kritische Bücher dort zu sehen, ich hatte gedacht, es wäre eine Flut von Erdogan-Biografien, dem war nicht so. Und auch die Verleger ... Gut, die Verleger haben natürlich ... Es gibt einen sehr interessanten Verleger, Can Öz vom Can-Verlag, ein sehr großer türkischer Verlag, der immer noch sagt: 'Die Regierung ist nicht in der Lage zu lesen.' Und das sei immer noch die große Chance, aber wie lange das noch währt, das fragt sich jeder.

Gerk: Sie sind ja relativ häufig in der Türkei, Sie sind mit einer Türkin verheiratet, aber Ihre Stücke werden auch in der Türkei gespielt. Wie erleben Sie das? Sie haben ja den Vergleich zu dem, wie es vor ein paar Jahren war und wie es jetzt ist, wie fühlt sich das an?

Schon 2013 war es vielen genug

Rinke: Also, der Prozess der Autokratisierung dieses Landes war ja sehr schleichend. Man hat ja schon vor drei Jahren sich aufgelehnt gegen diesen Präsidenten Erdogan, damals war er noch Ministerpräsident, es gab diese Gezi-Park-Proteste 2013, schon da war es vielen genug. Und diese Gezi-Park-Proteste, in dem eine junge Türkei, eine Türkei, die nach Europa eigentlich strebte, sich quasi diesen Diktaten des Erdogan widersetzte, da hatte man immer noch das Gefühl, man könnte diese Türkei bewegen und auch aus einer anderen Richtung her demokratisieren.

Türkische Bürger schreien Slogans am ersten Tag des Ramadan - die Gezi-Proteste gegen die türkische Regierung am 09 Juli 2013 in Istanbul (dpa / picture alliance / Georgi Licovski)Gezi-Park: Türkische Bürger protestieren 2013 gegen die Regierung (dpa / picture alliance / Georgi Licovski)

Und nachdem dann 2015 Erdogan die Parlamentswahlen verlor und den Friedensprozess mit den Kurden auflöste, zerbarst diese Hoffnung eigentlich relativ schnell und dann wurde es eigentlich immer schlimmer. Also, die drei Kapitel der letzten drei Jahre – und das ist ein rasantes Tempo, das war in Gezi die Hoffnung, dann war es der Krieg gegen die Kurden, gegen das eigene Volk, eigentlich ein Bürgerkrieg, und jetzt eigentlich der zweite Bürgerkrieg in einem Land gegen die Opposition, gegen die Zivilgesellschaft.

Gerk: Was gibt es denn da für Bestrebungen in der Türkei von Ihren Kolleginnen und Kollegen auch, die weggesperrt wurden, den Leuten zu helfen?

Versäumnis der deutschen Regierung

Rinke: Ja, ich habe gemerkt, dass die Schriftsteller, aber auch die Schauspieler, mit denen ich spreche, dass es denen sehr, sehr guttut, wenn sie diese Unterstützung aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland spüren. Die Enttäuschung über die doch relativ zögerliche Unterstützung der Bundesregierung, die natürlich diplomatisch zu erklären ist, ein hoch kompliziertes Gebilde, diese deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Flüchtlingsabkommen, das ist für uns vielleicht erklärbar, innenpolitisch aus Deutschland erklärbar, für die Türken, die natürlich immer sich diese westlichen Werte dann auch erwünschen und eingefordert sehen wollen, ist das sehr enttäuschend. Und dieses Korrigieren und diesen Zuspruch, den wir Autoren – wir waren ja 15 Autoren dort jetzt auf der Buchmesse –, das war eigentlich unsere Aufgabe, dem ein bisschen entgegenzuarbeiten gegen dieses Versäumnis der Regierung, der deutschen Regierung. Und das haben die sehr, sehr, sehr dankbar aufgenommen.

Gerk: Das heißt, da müsste schon einfach viel mehr passieren vonseiten Europas in Richtung, dass man da nicht nur Machtworte spricht, sondern eben noch deutlicher wird?

Rinke: Also, wenn Sie jetzt darauf ansprechen, ob es vonseiten der Regierung diplomatische Mittel gibt, dort klarer zu werden, da werden wir vielleicht morgen mehr wissen, wenn Außenminister Steinmeier in Ankara vorspricht. Und ob er da überhaupt sprechen wird können, das wissen wir ja auch noch nicht, ob überhaupt jemand mit ihm sprechen will. Die Töne sind ja sehr harsch, sein Amtskollege hat ihn ja schon zweimal abblitzen lassen. Die türkischen Politiker fühlen sich bevormundet von europäischen oder deutschen Politikern und ständig beleidigt. Das ist überhaupt ein türkischer Zug, trifft alle gesellschaftlichen Bereiche, man ist sehr schnell beleidigt, man findet immer Feinde. Das hat viele Gründe und so gesehen ist der diplomatische Weg ein sehr schwieriger. Aber was wir eben auf der zivilgesellschaftlichen Ebene tun können, ist, dass man eben nicht nur Briefe an die Kanzlerin hier – also Künstler oder Kulturinstitutionen, die sich an die Kanzlerin wenden und versuchen, den Druck gegenüber Ankara zu erhöhen –, das ist schön und gut, aber das bringt die Künstler dort auch nicht weiter, außer dem moralischen Zuspruch natürlich, von dem ich schon gesprochen habe. Wichtig ist natürlich, dass man jetzt – und das wurde auch schon angeregt – Patenschaften übernimmt. Viele der türkischen Künstler verlassen das Land, das ist ein ... Man kann sagen, das ist ein Exodus, es gab ...

Gerk: Geht das überhaupt nicht, dass sie einfach das Land verlassen? Das ist ja wahrscheinlich auch gar nicht mehr so einfach?

"Wir haben eine große kulturelle Beziehung zu diesem Land"

Rinke: Ja, eine Mauer steht Gott sei Dank noch nicht dort, aber es gibt natürlich die Sippenhaft mittlerweile, also, die Ehefrau von Can Dündar, einem sehr bekannten "Cumhuriyet"-Journalisten, dessen Redaktion mittlerweile fast zerschlagen worden ist, der in Deutschland lebt, im Exil lebt hier in Berlin, und dessen Frau ausreisen wollte und deren Pass eingezogen wurde, das sind auch Mittel mittlerweile der türkischen Behörden, um abzustrafen. Und das ist auch vielen Dozenten, die ich kenne, passiert, dass sie ausreisen wollten und dann war der Pass weg. Viele kommen aber auch noch raus und versuchen dann natürlich hier – die meisten kommen nach Berlin ... Seit Juli diesen Jahres gab es tausend Anträge auf Asyl von türkischen Bürgern und hier muss man natürlich dann versuchen, für die eine Plattform, quasi eine Öffentlichkeit zu schaffen, die es ja in der Türkei nicht mehr gibt. Das wäre eigentlich mein Traum, dass hier quasi die ... wir haben drei Millionen Türken in Deutschland, wir haben eine so große kulturelle und emotionale Beziehung zu diesem Land, dass wir eigentlich hier nun die liberale Medienopposition schaffen und vor allem auch diesen Menschen eine Hoffnung geben und wieder einen Wert geben und auch ganz banal ihnen Arbeit und Brot geben. Das wäre eine Hilfe.

Also, das wäre auch ein Aufruf an die deutsche Kultur ... , an die Berliner Kulturinstitutionen, nicht nur Briefe zu schreiben an die Kanzlerin, sondern wirklich sich zu überlegen, wie kann man denn diese hoch gebildeten ... Fast ähnlich ein bisschen wie mit den syrischen Flüchtlingen, da kommen ja auch sehr hoch gebildete Professoren, Mediziner, Akademiker her und jetzt kommen auch noch eben die türkischen Exilanten dazu.

Gerk: Der Dramatiker und Schriftsteller Moritz Rinke, vielen Dank für dieses Gespräch!

Rinke: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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