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Interview | Beitrag vom 11.08.2018

Schriftsteller Michael Lentz Boxen – ein Sport für Großmäuler

Michael Lentz im Gespräch mit Shanli Anwar

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Der Weltmeister Muhammad Ali posiert stolz am 4. Juni 1979 in der Berliner Deutschlandhalle. (picture-alliance/ dpa)
Große Klappe, Schlagfertigkeit, Reaktionsfähigkeit: Muhammed Ali im Juni 1979 vor einem Kampf in der Berliner Deutschlandhalle. (picture-alliance/ dpa)

Bert Brecht, Kurt Tucholsky, Ernest Hemingway. Die Begeisterung berühmter Autoren fürs Boxen ist legendär. Ein Kampfsport-Fan ist auch Michael Lentz. Der Schriftsteller erkennt im Boxer einen Wahlverwandten des Einzelkämpfers am Schreibtisch.

"Die Vorbereitung ist abgeschlossen. Jeder sieht, was man drauf hat, was man nicht drauf hat." Dem Boxer im Ring gehe es nicht anders als dem Schriftsteller, der sein Werk dem Verlag und dem Markt überlässt. Das sagt Michael Lentz, Autor und Leiter des Leipziger Literaturinstituts, der in seinem Essayband "Textleben - Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt" (S.Fischer, Frankfurt / Main 2011, 576 Seiten) auch der Verbindung von Kampfsport und Schreiben nachgeht.

Vor allem der "Einzelkampf" sei das Verbindende, meint Lentz, - mit all dem, was dazu gehört: "Eigenverantwortung", "Disziplinierung", "Ehrlichkeit". Zwar sei der Kampfsport in Misskredit geraten, weil er zu sehr auf Publicity setze, doch nach wie vor gehe es auch beim Boxen "um die philosophische Wahrheit, des Anspruchs und des Seins", so Lentz. Im Vordergrund stünden aber oft Dinge Äußerlichkeiten: "Wie gut ist der Anzug? Wie sitzen die Tätowierungen? Welche Unterhosenmarke wird gefeatured?"

"Man muss auf jeden Fall eine gute Einstellung mitbringen"

Eine Verbindung zwischen Schriftstellern und Boxern bestehe auch in ihrer "Großmäuligkeit", meint Lentz, die aber sowohl Kampfsportlern als auch Autoren zum Verhängnis werden könne:

"Man muss auf jeden Fall eine gute Einstellung mitbringen, und die richtige Einstellung auch im Vergleich zum Gegner. Wenn man da seine Großmäuligkeit in gewissem Maße nicht ablegt und mit einer gewissen Demut gegenüber der Sache, die man zu zweit auszufechten hat, rangeht, dann ist man möglicherweise schon sehr schnell auf der Verliererseite."

Auch Schriftsteller seien oft "selbstvermessen", wenngleich sie sich als "Bescheid-linge und Bescheidene" ausgeben. Der Boxsport sei da sozusagen der Gegenpol zur eigenen Wirklichkeit - "aus der ruhenden Haltung heraus in die totale Bewegung".

Andererseits sei etwa Muhammed Ali nicht nur ein großer Boxer, sondern auch ein "großartiger Rhetoriker" gewesen, so Lentz: "Bei Muhammed Ali kam halt alles sehr positiv und sehr stark zusammen: große Klappe, Schlagfertigkeit, Reaktionsfähigkeit, und er war ein begnadeter Rhythmiker, nicht nur im Sprechen, sondern auch im Ring."

(huc)

In den Dortmunder Messehallen kommt am Wochenende (11./12.8.) die Kampfsportszene zusammen. Die "Marcial Arts Supershow" versteht sich selbst als Netzwerkveranstaltung für Kampfschulen.

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