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Im Gespräch | Beitrag vom 11.03.2020

Schriftsteller Josef HaslingerMissbraucht vom väterlichen Freund

Moderation: Susanne Führer

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Josef Haslinger abgebildet vor übereinander gestapelten Büchern und einem vollen Bücherregal. Er trägt eine Brille. (S. Fischer Verlag / ORF III / Peter Meierhofer)
Als der Pater, der ihn missbraucht hatte, starb, konnte Josef Haslinger endlich über die als Kind erlittene sexuelle Gewalt sprechen. (S. Fischer Verlag / ORF III / Peter Meierhofer)

Der Schriftsteller Josef Haslinger wurde als Kind im Kloster von katholischen Priestern sexuell missbraucht. Darüber hat er nun, Jahrzehnte später, ein Buch geschrieben. 50 Jahre lang habe er den eigenen Missbrauch verharmlost, sagt er.

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger ist ein Bauernkind; als er mit zehn Jahren auf die Klosterschule von Stift Zwettl kommt, ist das eine Auszeichnung. Doch es beginnen schwere Zeiten: Das Internat sei "eine ausgesprochen gewalttätige Gesellschaft" gewesen, erinnert der Autor sich.

Man stelle sich nun einen freundlichen Priester vor, sagt Haslinger - und zwar "innerhalb einer Atmosphäre, wo wir mit dem Stock geschlagen wurden, wo Ohrfeigen ausgeteilt wurden, dass das Trommelfell platzte, wo es Sport gab bis zum Zusammenbrechen".

Der Freund wird zum Täter

Dieser Pater Gottfried suchte die Nähe der Sängerknaben, er begleitete sie auf Ausgängen, gestaltete mit ihnen die Abendfreizeit. Einiger der Jungen nahm er sich besonders an – zu ihnen gehörte auch Josef. Der Pater tröstete, wenn es Not tat, er interessierte sich für Probleme, war ein väterlicher Freund.

"Und dann bekam das Ganze bald eine seltsame sexuelle Komponente. Dieses Halten und Drücken, was zunächst wirkte, als wäre es eine Art von Schutz, eine Nähe einfach, ging über in sexuelle Handlungen. Was mich völlig verstört hat. Aber es gab niemanden, mit dem ich darüber hätte sprechen können. Denn der Einzige, der mich dazu gebracht hatte, ihm ganz mein Herz zu öffnen, war ausgerechnet der Täter, über den ich hätte sprechen müssen."

Gestalt mit zwei Gesichtern

Ist es eben jene "Freundlichkeit" des Paters, die es Haslinger bis heute so schwer macht, sich ganz von ihm loszusagen? Der Schriftsteller antwortet:

"Das ist richtig, das hat damit zu tun. Für mich war er eine Gestalt mit zwei Gesichtern; auf der einen Seite hatte er wirklich diese Freundlichkeit, diese Zuwendung. Er gab mir auch immer wieder Geschenke. Er war so etwas wie ein Verbündeter. Fast. Zum Beispiel schenkte er mir Kaugummi, obwohl wir im Konvikt nicht Kaugummi kauen durften. Da sagte er, ich solle heimlich kauen."

Irgendwann wurde Pater Gottfried versetzt. Doch der Missbrauch hörte nicht auf - es kamen "andere, die zum Nachfolger wurden".

Der umgelegte Schalter

Jahrzehntelang hat Josef Haslinger den sexuellen Missbrauch, den er als Kind erlitt, heruntergespielt. "Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen. Bei mir waren’s eben die Zisterzienser", sagte er sich. Er wollte "die Sache abschütteln", sich als erwachsenen Menschen sehen, der für alles, was er tut, selbst verantwortlich ist.

Die Täter wollte er nicht an den Pranger stellen - doch dann änderte sich etwas grundlegend: "Nachdem ich erfuhr, dass Pater Gottfried gestorben ist, war es so, als hätte jemand einen Schalter in mir umgelegt. Es war fast wie ein Befreiungsschlag. Ich dachte: So, dann kann ich darüber sprechen. Und das habe ich."

Inzwischen hat Josef Haslinger vor der "Unabhängigen Opferschutzkommission" in Österreich ausgesagt; deren zunächst "unprofessionelles Verhalten" habe ihn dazu gebracht, seine Geschichte in dem Buch "Mein Fall" (S. Fischer Verlag) zu erzählen, berichtet er.

Eine Kommission als "Reinwaschanstalt"

Den Umgang der katholischen Kirche mit dem vielfachen sexuellen Missbrauch durch ihre Priester hält Haslinger für "überhaupt nicht" angemessen. Es sei gut, dass es die Opferschutzkommission gebe, aber diese Kommission sei eben nur für die Opfer zuständig:

"Sie hat keinerlei Einfluss darauf, welche Konsequenzen die Kirche daraus zieht, wie die Kirche mit den Tätern umgeht. Und das heißt: Eigentlich ist sie eine Art moralischer Reinwaschanstalt."

Haslingers Heimatgemeinde Zwettl liegt im Waldviertel, wo viele Pfarrer vom Stift Zwettl betreut werden. Da herrsche seit der Veröffentlichung des Buches eine "merkwürdige Funkstille". Viele Leute seien "nicht so glücklich darüber, dass ich dieses Kloster 'beschmutze' – wie man das sieht".

Der heutige Abt von Stift Zwettl habe ihn wissen lassen: "Über Tote soll man nur Gutes sagen oder schweigen."

(sf)

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