Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Mittwoch, 26.06.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Lesart | Beitrag vom 21.05.2019

Schriftsteller Jonathan Franzen"Ich habe den Klimawandel nicht in Abrede gestellt"

Von Thilo Kößler

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Schriftsteller Jonathan Franzen blickt durch ein Fernglas im New Yorker Central Park. (Getty Images for HBO / Michael Loccisano)
Auf der Suche nach Vögeln im New Yorker Central Park: Der Schriftsteller Jonathan Franzen sagt, er habe sich vor 20 Jahren in Vögel verliebt. (Getty Images for HBO / Michael Loccisano)

Er habe sich vor 20 Jahren in Vögel verliebt, erzählt Jonathan Franzen im Interview zu seinem neuen Buch "Das Ende vom Ende der Welt". Zugleich wehrt er sich gegen Unterstellungen von Naturschützern - und einen Shitstorm in den sozialen Medien.

Man kommt viel herum mit Jonathan Franzen, bei der Reise zum Ende des Endes der Welt: nach Ägypten und nach Ghana, nach Albanien und Costa Rica. Und immer gibt es dabei – neben ihm selbst – eine ganz spezielle Spezies in der Rolle als Hauptdarsteller.

Jonathan Franzen schreibt in dem Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" bevorzugt über Vögel – frei lebende, nicht eingesperrte Vögel, denen er hinterherreist wie ein Sammler, der nicht genug bekommen kann: Franzen outet sich als "Lister", als jemand, der über jede Vogelart, die er beobachtet und mit eigenen Augen gesehen hat, Buch führt. 

Er habe sich vor 20 Jahren in Vögel verliebt – und sie seien zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens geworden, sagt er. Er fühle sich veranlasst, über das zu schreiben, was er liebe.

Kontakt mit der Natur aufnehmen

Man muss sich Jonathan Franzen vermutlich als äußerst disziplinierten Menschen vorstellen. So wie er akribisch Buch führt über seine ornithologischen Erfahrungen, so schreibt er auch: jeden Tag, von morgens bis zum frühen Nachmittag. Jonathan Franzen sitzt an seinem nächsten Roman und empfängt keinen Besuch bei sich zuhause in Kalifornien. Nur ausnahmsweise gibt er telefonisch ein Interview. Es ist 14 Uhr Pacific Time, und Franzen redet über Vögel.

"Sie sind deshalb so wichtig, weil die Leute mehr und mehr Zeit in der virtuellen Welt verbringen und es immer schwieriger wird, Kontakt mit der Natur aufzunehmen. Das Tolle an Vögeln ist, dass sie – mehr als jede andere charismatische Tierart – in unserem Leben präsent sind. Wenn wir etwas für den Naturschutz tun, dann deshalb, weil wir die Natur lieben."

Jonathan Franzen ist überzeugter Naturschützer – er ist indes kein Apokalyptiker des Klimawandels. Franzen schreckte die Gemeinde der Klimaschützer auf, als er erklärte, dass kein einziger Vogeltod unmittelbar auf menschlichen CO2-Ausstoß zurückgeführt werden könne.

"Wir riskieren es, viele Vogelarten auf eine Art und Weise auszurotten, die nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Die hauptsächlichen Bedrohungen sind der Verlust oder die Fragmentierung des Lebensraumes. Und eine große Gefahr sind Katzen. Sie töten über eine Milliarde Vögel im Jahr."

Hassobjekt im Internet

Jonathan Franzen ist der Meinung - so wörtlich -, dass die Beschäftigung mit den Katastrophen der Zukunft uns hindert, lösbare Umweltprobleme im Hier und Jetzt anzugehen.

Damit eckte er nicht nur bei dem größten Ornithologen-Verband der USA an, der National Audubon Society, sondern auch bei den Klimaschützern, die ihm unterstellten, die Seiten gewechselt zu haben und ins Lager der Leugner des Klimawandels abgedriftet zu sein. Franzen wurde zum Hassobjekt im Internet und zur Zielscheibe von Shitstorms in den sozialen Medien.

"Es war schon fast ein komisches Missverständnis, das auf Zitaten beruhte, die aus dem Zusammenhang gerissen waren. Die Leute haben einfach nicht den Rest gelesen. Ich habe den Klimawandel nicht in Abrede gestellt – ich habe gesagt, ja, er findet statt und wir werden nicht in der Lage sein, ihn zu stoppen. Das ist eine etwas andere Art der Verleugnung, denke ich."

Franzen gesteht, dass er absolut kein Fan der sozialen Medien ist. Und das nicht nur, weil es ziemlich schwierig sei, in 280 Buchstaben pro Tweet eine differenzierte Unterhaltung zu führen.

Goldenes Zeitalter der Essayistik

Die Grundannahme führe in die Irre, meint er: Dass noch das winzigste subjektive Mikronarrativ es wert sei, nicht nur privat notiert, sondern auch mit anderen geteilt zu werden. Weil Tweets denkbar subjektiv sind, mitunter persönlich werden und zu gewagten Schlüssen kommen, genehmigt sich Franzen die witzige Analogie, dass es ganz so aussehe, als lebten wir in einem goldenen Zeitalter der Essayistik. Denn auch ein Essay sei ein Versuch, etwas Gewagtes, etwas Persönliches und Subjektives zu Papier zu bringen.

"Ich fühle mich ganz offensichtlich von gefährdeten Arten angezogen. Das gilt für die Natur. Das gilt aber auch für die Literatur, die wahrscheinlich weit weniger gefährdet ist als viele Vogelarten, weil sie niemals so furchtbar populär war.   

So zelebriert der Romancier Jonathan Franzen, der in seinen wuchtigen Romanen brüchige Gesellschaftsbilder und wankende Familienbeziehungen in den USA seziert, ebenso lustvoll die literarische Kunstform des Essays.

"Ich glaube, ein guter Essay beginnt mit dem Versprechen, dass es sich um etwas Persönliches handelt. Deshalb gibt es auf Seiten des Autors auch eine gewisse Verletzlichkeit. Sie hat mit der Tatsache zu tun, dass ein Essay nicht nur eine politische Angelegenheit ist, sondern für den Autor persönlich äußert bedeutsam ist."

Donald Trump - einfach nur furchtbar

So spricht denn der Essayist Jonathan Franzen bevorzugt über, wir sagten es bereits: Vögel. Was ihn selbst in einem Essay zu der Frage bringt, ob es nicht "obszön" sei, über Vögel zu reden, wenn in Bangladesch Kinder Not leiden. Oder anders gefragt: Welche Relevanz haben Essays über Vögel in Zeiten historischer Umbrüche und himmelschreiender Normverstöße unter US-Präsident Donald Trump?

Er hasse Donald Trump, gesteht Jonathan Franzen ohne Umschweife, und alles, wofür dieser Präsident stehe. Nur gebe es bei Trump keinerlei Zweideutigkeiten. Er sei einfach nur furchtbar.

Ein guter Essay über Trump müsste eigentlich zu dem Ergebnis kommen, dass er ein ziemlich interessanter und guter Präsident sei – aber das könne er, Franzen, beim besten Willen so nicht zu Papier bringen.

So gesteht Jonathan Franzen, dass er sich als Essayist an Donald Trump schlichtweg verhoben hat.

"Ich fühle mich dazu verpflichtet, mich selbst herauszufordern. Und das habe ich versucht, indem ich über Trump schrieb. Ich fand das Ergebnis völlig uninteressant. Zum Schluss war ich immer davon überzeugt, dass ich eben doch Recht behalte: Trump ist schrecklich."

Und wahrscheinlich hat Jonathan Franzen dann auch in punkto seines Lieblingssujets Recht. Es ist bestimmt viel angenehmer, über Vögel zu schreiben.   

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur