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Lesart | Beitrag vom 23.05.2019

Schriftsteller Jochen Schmidt "Es ist sehr aufwendig, nicht das Falsche zu tun"

Jochen Schmidt im Gespräch mit Frank Meyer

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Der Schriftsteller Jochen Schmidt steht unter einer Brücke in der Nacht und blickt verschmitzt in die Kamera. (Imago / Rolf Zöllner)
Dem Schriftsteller Jochen Schmidt hat die Arbeit an seinem jüngsten Roman große Freude bereitet. (Imago / Rolf Zöllner)

Der moderne Mensch ist ein Gefangener der Verhältnisse. Kein Wunder, dass die Hauptfigur in Jochen Schmidts Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant" sich lieber zurücknimmt. Doch dann wird der Protagonist auf eine groteske Reise geschickt.

Frank Meyer: Der Schriftsteller Jochen Schmidt, der kann schon mal tolle Buchtitel erfinden: "Triumphgemüse" zum Beispiel oder "Müller hat uns raus" oder "Meine wichtigsten Körperfunktionen" oder "Zuckersand". Die Zeiten um 1989 und seine Kindheit und Jugend in der DDR, die waren öfter Thema in seinen Büchern, für die er viel gelobt wurde, für seine Erzähllust, seinen anekdotischen Stil, seinen Humor und all diese Zitaten findet man auch in seinem neuen Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant".

Otto Kwant, der Mann im Zentrum Ihres Romans, ist ein Architekturstudent, der nicht so viel auf die Reihe kriegt. Man lernt ihn am Anfang des Buches kennen, als er tagelang einen Auftrag zum Geldverdienen vor sich herschiebt, nichts tut, aber das auch mit großem Aufwand. Warum haben Sie sich eine so antriebsarme Gestalt ausgesucht für den Roman?

Jochen Schmidt: Es wurde geschrieben, dass das Buch ein bisschen an "Oblomow" erinnert, den russischen Romanklassiker. Wenn man den richtig versteht, dann stimmt es auch. Oblomow ist ein sehr sensibler, kluger Mensch, der aber so an seiner Umwelt und der Gesellschaft damals in Russland des 19. Jahrhunderts leidet, dass er die Handlung verweigert.

Letztlich wirkt er wie ein Faulenzer, was er gar nicht ist. Es ist sehr aufwendig, nicht das Falsche zu tun. So wie wenn Otto Kwant im Regal bei dm steht und überlegt, ob er jetzt einen Euro mehr ausgibt für Insektenfallen, wo man gleichzeitig Geld dafür spendet, das an anderer Stelle Insekten wieder Lebensraum geschaffen wird. Vor solchen Entscheidungen steht man ständig als moderner Mensch.

Spross aus einer Architektendynastie

Meyer: Was auch auf Otto Kwant lastet, er studiert Architektur, wird da ewig nicht mit fertig, kommt aber aus einer Architektendynastie. Sein Vater Nepomuk hat in der Nachkriegszeit einige der schönsten brutalistischen Kirchen in Deutschland entworfen und gebaut. Wie schwer lastet diese Familientradition auf ihm?

Schmidt: Das ist immer schwer. Er ist sogar der Enkel von einem Architekten, da kommt man natürlich kaum von weg, wenn man den Anspruch hat, sich selbst auch beruflich seinen Platz zu suchen. Das ist ein ziemlicher Ballast für ihn. Die Eltern rufen ihn immer an und drängen, sein Studium zu beenden. Er arbeitet an einem Spielplatzentwurf. Er will als Abschlussarbeit einen idealen Spielplatz entwerfen, der die Wunden wieder heilt, die die Gesellschaft den Kindern zufügt. Es ist ein Ort, den letztlich auch Erwachsene bevölkern, weil sie sich dort so geborgen fühlen – das ist natürlich ein unmögliches Projekt.

Meyer: Und das auch unglaublich viel Vorbereitung erfordert.

Schmidt: Genau!

Meyer: Über diesen Architekturstudenten und über die Handlung geht es ganz viel um Architektur. Das ist hochinformativ. Da geht es um moderne Architektur von Walter Gropius bis Zaha Hadid. Warum haben Sie sich dieses Feld, die Architektur, als Thema gesucht?

Schmidt: Es ging mir schon lange so, dass, wenn ich viel durch Städte laufe, ich versuche, die Welt zu verstehen. Ich versuche, Städte Städtebau, Gebäude zu lesen. Ich merke, dass man da immer so ein bisschen inkompetent ist. Dann liest man sich ein und will einfach mehr sehen. Es ist wie mit der Botanik: Je mehr man kennt, umso mehr sieht man auch.

Architektur ist einfach ein faszinierendes Feld. Das betrifft uns alle. Kunstwerke, die im Museum hängen, die muss man sich nicht unbedingt angucken, aber Gebäude muss man sich unter Umständen sein Leben lang angucken, wenn die in die Nachbarschaft gesetzt werden. Die betreffen also alle.

In die postsowjetische Wüste geschickt

Meyer: Otto Kwant gerät in eine ganz eigene architektonische Szenerie; sein Leben wird da mächtig durcheinandergewirbelt, als ihn ein berühmter Architekt mitnimmt nach Urfustan, das ist in Ihrem Roman eine fiktive postsowjetische Republik in Zentralasien. Dort wurde gerade eine neue Hauptstadt gebaut, Mangana, so richtig in die Wüste gestellt mit bizarren Hochhäusern, die mit postmodernem Architekturkitsch vollgehängt sind. Man kann zum Beispiel gut an die kasachische Hauptstadt denken. Nursultan heißt die seit einiger Zeit. Kennen Sie die, waren Sie selbst in dieser Region unterwegs?

Schmidt: Da war ich tatsächlich. Ich habe mir sogar die Expo angeguckt. Das lohnt sich auf jeden Fall. Also es war eine Inspiration, aber der Plan für das Buch stand schon vorher. Nur habe ich mir schon dort auch noch Sachen angeguckt. Das ist doch wieder überraschend, wenn man sich in der Realität das ansieht, alleine wie viele westliche Architekten dort bauen.

Ich komme aus der DDR, bin da zumindest aufgewachsen und kenne so eine Art Diktatur, die aber immer unter Geldmangel litt. Es gibt auch Länder auf der Welt, die nach unseren Maßstäben nicht unbedingt demokratisch sind, aber wo Geld keine große Rolle spielt. Das ist noch mal was ganz anderes.

Meyer: Der Student Otto Kwant kommt in Urfustan – und das ist so vielleicht ein Kernplot des Ganzen –  zur großen Chance seines Lebens. Können Sie uns das kurz umreißen, zu was für eine Chance er da kommt?

Schmidt: Zunächst soll das Architekturbüro die neue deutsche Botschaft bauen. Der Entwurf soll eine Betonjurte sein, an der man Bröckchen abklopfen kann.

Ein Palast der Demokratie, in einem Land ohne Demokratie

Meyer: In Erinnerung an die Mauer.

Schmidt: Genau. Das soll Reenactment Architecture sein. Aber der Architekt, der ihn dorthin mitnimmt, sein Chef Holm Löb, der verschwindet mit Magenproblemen und taucht auch nicht so richtig wieder auf. Plötzlich wird Otto Kwant für den wahren Chef der Firma gehalten, der sich nur zurückgehalten hat. Er kriegt den Auftrag, den "Palast der Demokratie" zu bauen, den der sogenannte Architekt des Vaterlands, so heißt der Präsident, seinem Volk schenken will. Da er irgendwann sterben wird, will er das Vermächtnis weiterreichen.

Wie sieht ein Palast aus, der einen zum Demokraten macht, allein dadurch, dass man ihn betritt, das ist die große Frage. Kann Architektur diese Wirkung haben, kann sie überhaupt demokratisch sein, wenn sie so eine Wirkung hat. Das klingt auch nicht sehr freiwillig, und darüber denkt er ziemlich viel nach, obwohl er gar nicht glaubt, dass das ernst gemeint sein kann.

Er hat noch nicht mal sein Studium beendet, aber es kommen Leute auf ihn zu, eine inoffizielle Steuerbehörde möchte von ihm Geld eintreiben, der amerikanische Kulturattaché lässt ihn in die amerikanische Botschaft entführen, die sich aus Sicherheitsgründen unter der Erde befindet. Er merkt dann irgendwann, er muss eigentlich hier weg, denn es wird sonst nicht gut für ihn ausgehen.

Meyer: Da entspinnt sich eine sehr schöne, sehr spannende, sehr aberwitzige Handlung, die Sie an diesen Ausgangspunkt dranhängen. Palast und Demokratie, das ist interessant. Sie haben schon ein bisschen den Widerspruch umrissen, der dazwischen aufklafft. Ich muss sagen, dass ich auch an unsere eigenen Zustände denken musste, dass wir ins Herz der deutschen Hauptstadt, auf den Berliner Schlossplatz, so eine Replik eines Hohenzollernschlosses hinbauen – ins Herz unserer Demokratie. Ich dachte, dass das auch was Ähnliches hat. Hatten Sie das als Ostberliner auch im Hinterkopf?

Wie weit kann man überziehen?

Schmidt: Na sicher, man findet in Urfustan vieles, wofür man gar nicht so weit reisen muss. Also Architektur und Macht hängen immer miteinander zusammen, und leider haben die mächtigsten Männer immer die besten Arbeitsbedingungen für Architekten geschaffen. Man denke nur an Ludwig XIV.

Deshalb zieht dieser Beruf auch etwas egomanisch veranlagte Menschen an, und in Urfustan kann man noch bauen. Dort gibt es keine Wutbürger, das wird einfach gemacht. Das ist natürlich toll für Leute, die gerne groß bauen. Wichtig war mir bei dem Buch, dass es ein Abenteuerroman ist. Bei meinem letzter Roman "Zuckersand" beschränkte sich die Handlung darauf, dass der Vater mit seinem Sohn die Mutter vom Bus abholte. Das war die äußere Handlung. Der Rest waren Abschweifungen. Diesmal wollte ich es aber umgekehrt machen, da sollte so viel wie möglich Handlung sein. Trotzdem ist es ein Jochen-Schmidt-Roman. Was kann man Besseres tun, als den Held auf eine Reise zu schicken, die er gar nicht antreten will, wo er dann am Ende versucht, aus dem Land zu Fuß zu entkommen.

Meyer: Da treibt Ihr Roman hin. Sie haben schon selbst ein paar Sachen erwähnt: Die Amerikaner entführen ihn, er hat auch mit der Untergrundgegenregierung des Landes zu tun, landet in einem Umerziehungslager bei einer Kolonie von Russlanddeutschen, dann in einem Bus mit deutschen Rentnern, die als Touristen unterwegs sind. Wenn man wie Sie als Autor offensichtlich überfallen wird von solchen grotesken Ideen, wann weiß man, dass es jetzt gut ist, dass man dann auch mal Schluss machen muss?

Schmidt: Das ist der Kern, das entscheiden zu können. Das ist wie immer im Leben, auch wenn man Häuser baut – was ist jetzt schön und was nicht, wo überzieht man es. Klar, da muss man auf sein Bauchgefühl vertrauen. Das kann ich auch nicht wissen.

Also ich hoffe, dass es funktioniert. Wenn man es dann vorliest, merkt man es. Es hat diesmal unheimlich Spaß gemacht, von Kapitel zu Kapitel die Sache noch weiterzutreiben und den Leser wieder zu überraschen. Trotzdem soll es die Romanform bedienen. Es muss auch eine Logik haben. Das hat Spaß gemacht. Das war auch ein Ausgleich dafür, dass ich in den letzten Jahren durch die Familie wenig rauskomme. Wenigstens der Held kommt raus!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Jochen Schmidt: "Ein Auftrag für Otto Kwant"
C.H. Beck Verlag, München 2019
347 Seiten, 23 Euro

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