Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 14.10.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit | Beitrag vom 22.09.2019

Schriftsteller Friedrich Christian Delius über Günter Kunert"Ich habe immer seinen Witz bewundert"

Moderation: Johannes Nichelmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
11.02.2019, Schleswig-Holstein, Kaisborstel: Günter Kunert, Schriftsteller, sitzt während eines Interviews anlässlich seines neunzigsten Geburtstages in seinem Haus. (dpa / Georg Wendt)
Trotz der Schikanen, die Günter Kunert in der DDR erlebte, behielt er seinen Witz, erinnert sich Friedrich Christian Delius. (dpa / Georg Wendt)

Günter Kunert gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Nun ist er mit 90 Jahren gestorben. Kunerts Freund und Schriftsteller-Kollege Friedrich Christian Delius erinnert sich daran, wie er den Dichter kennenlernte.

Weil er ein Gedicht für eine Zeitschrift von ihm haben wollte, ist Friedrich Christian Delius 1963 von West-Berlin nach Ost-Berlin gereist, um Günter Kunert zu treffen. Aus dieser Begegnung habe sich ihre lebenslange Freundschaft entwickelt, erklärt Delius, der damals Student in West-Berlin war. 

Über all die Jahrzehnte der Freundschaft habe Delius auch die Schikanen miterlebt, denen sein Freund in der DDR ausgesetzt gewesen war. "Und ich habe immer seinen Witz dabei bewundert und seine Frechheit, die er im Detail noch hatte."

Viele vergnügliche Stunden zusammen

Als Künstler habe Delius an Kunert, der "von dem lakonischen Brecht" gelernt hatte, "diese Kürze der Gedichte, diesen gebündelten Witz und diese Schärfe" geschätzt. "Und ich fand aber vor allen Dingen ihn als Mensch so angenehm und wir haben sehr viel gelacht zusammen." Delius sei immer wieder zu ihm hin gefahren - "durch die Mauer mit den üblichen Ritualen" - und gemeinsam hätten sie "immer vergnügliche Stunden" gehabt. 

Das Leben sei für Kunert in der DDR nicht einfach gewesen, so Delius. "Er war ja immer ein widerborstiger Mensch gegenüber jeder Autorität und natürlich gab es da viele Reibungen. Er hat ja Drehbücher geschrieben, die dann fast immer verboten wurden. Er hat auch Grafik gemacht und gemalt. Bilder, die nie öffentlich ausgestellt wurden. Er hat Bücher geschrieben, die oft dann mit Verzögerung in der DDR erschienen sind." Und obwohl Kunert ihn gelehrt habe, keine Illusionen gegenüber der DDR zu haben, sei diese Haltung bei Kunert immer mit Lebensfreude gepaart gewesen. 

Gnadenloser Pessimist mit Lebensfreude

Der allgemeinen Entwicklung der Welt gegenüber sei Kunert ein "gnadenloser Pessimist" gewesen. Eine Einstellung, die Delius zu negativ fand: "Also, wir haben auch über seinen Pessimismus viel gespottet, weil ich diese Haltung so nie geteilt habe, aber das stört ja unter guten Freunden nicht." 

(kpa)


Ein heiterer Melancholiker
Liane von Billerbeck im Gespräch mit Michael Krüger über Günter Kunert

Günter Kunert gilt als einer der wichtigsten, vielseitigsten und produktivsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Erst im März hatte er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Kunert wurde daraufhin 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR. Mit seiner Frau Marianne ließ sich Kunert in Kaisborstel bei Itzehoe nieder.
Kunert war seit 1981 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit 1988 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg, 2005 bis 2018 Vorstandspräsident des P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland und seit 2008 Ehrenmitglied des Fördervereins Gefangenenbüchereien. Erst im Februar 2019 erschien sein Roman "Die zweite Frau".

Mehr zum Thema

Günter Kunert und die Kunst des Sinnierens - "Es braucht eine ganze Weile, ehe man zum Indianer wird"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 01.03.2019)

Günter Kunert: "Die zweite Frau" - Rutschpartie in die enge ostdeutsche Welt
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 14.02.2019)

Ein Himalaja aus Papier
(Deutschlandfunk Kultur, Literatur, 11.06.2013)

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur