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Im Gespräch | Beitrag vom 09.02.2021

Schriftsteller Feridun ZaimogluMigrationshintergrund? "Das ist ein Affen-Wort!"

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Ulrike Timm

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Feridun Zaimoglu Feridun Zaimoglu, deutscher Schriftsteller und bildender Künstler türkischer Herkunft, am 22.02.19 bei einer Veranstaltung im Vorfeld der Leipziger Buchmesse. Er ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. (imago / Sebastian Willnow)
Wenig Lust auf grelle Effekte - der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (imago / Sebastian Willnow)

Als Kind türkischer Gastarbeiter las er in der Luther-Bibel, das Schimpfwort "Kanake" machte er zum Markenzeichen. Längst ist Feridun Zaimoglu ein etablierter deutscher Schriftsteller. Er liebt den Norden, auffällige Silberringe – und Gartenzwerge.

Ein Schriftsteller im 21. Jahrhundert ohne Computer? Feridun Zaimoglu macht es vor: Er ist stolzer Besitzer von sechs historischen "Olympia"-Schreibmaschinen. Zu einem Smartphone musste ihn seine Mutter überreden. "Sie hat gesagt: Mein Sohn, sei nicht so reaktionär. Ich will mit dir sprechen."

Aber er sei nun mal in manchen Dingen altmodisch, so der Schriftsteller: "Ich kann analog am besten arbeiten, konzentriert arbeiten. Ich recherchiere, ohne zu googeln. Ich muss dann an die Originalschauplätze. Ich bin viel mehr an der Sache."

Fasten und frieren für den Luther-Roman

Für "Evangelio", seinen Roman über Martin Luther, habe er sich geradezu kasteit, gefastet, in kalten Burgen gefroren."Ich habe auch gebetet auf Erbsen. Der Mann hat nämlich auf rohen Erbsen gekniet und gebetet. Und man bekommt viele Dinge mit oder man kommt zu anderen Erkenntnissen, als nur trocken in der Stube zu hocken."

Er müsse sich seinen Figuren "anverwandeln", so Feridun Zaimoglu. Das sei mitunter auch qualvoll. "Es ist jedes Mal ein Versuch in Selbstzerstörung. Wenn ich den letzten Satz geschrieben habe, wenn das Buch fertig geschrieben ist, falle ich in ein tiefes Loch."

Die "preußisch-osmanische Erziehung"

Feridun Zaimoglu ist 1964 in der Türkei geboren, wenige Monate später gehen seine Eltern zum Arbeiten nach Deutschland. Er genießt eine "preußisch-osmanische" Erziehung. "Immer noch sieze ich meine Eltern. Ich bleibe nicht sitzen, wenn meine Mutter in den Raum kommt, sondern stehe auf und warte, bis sie sich hingesetzt hat. Es würde mir nie einfallen, in Gegenwart meiner Eltern die Beine übereinander zu schlagen." Seine Eltern verbieten ihm und seiner Schwester auch, türkische Freunde zu haben.

"Man hat uns gesagt: Es zählt die Sprache. Die Sprache ist der Büchsenöffner. Ihr seid die kommenden Deutschen, die ihre Muttersprache erstmal erlernen müssen." Sein Türkisch komme deshalb auch nicht über das eines Zehnjährigen hinaus, das merke er, wenn er seine Familie in der Türkei besucht. "Man hält mich dann für einen Touristen, der sich im Türkischen versucht. Es ist natürlich etwas peinlich."

Bei allem Gehorsam erfüllt er den Wunsch der Eltern, Arzt zu werden, nicht. Zaimoglu studiert zwar ein paar Semester Medizin, bricht aber ab. "Ich habe wirklich gekämpft, gekämpft, gekämpft, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. Aber es ist nichts geworden." Er wird jedoch ein wortgewaltiger Schriftsteller und erfüllt so die Hoffnung seiner Eltern, dass es die Kinder einmal besser haben sollen.

Migrationshintergrund? - "Das ist ein Affen-Wort!"

Feridun Zaimoglus erster literarischer Erfolg "Kanak-Sprak" setzt ihm zunächst den Stempel eines "Untergrund-Literaten" auf. Er braucht eine Weile, um sich davon zu befreien. "Ich hatte immer weniger Lust auf grelle Effekte und Affekte."

Er mischt sich auch politisch ein; dabei stört ihn ein Begriff besonders: Migrationshintergrund. "Das ist ein Affen-Wort. Ich verstehe schon, dass dieses Wort aus einer gewissen Verlegenheit heraus entstanden ist." Aber er verlange mehr Mut: "Man müsste doch bitte so mutig sein und nicht so feige und sagen: Ich bin deutsch."

Von Gartenzwergen und Silberringen

Feridun Zaimoglu teilt auch eine typisch deutsche Liebe: die zu Gartenzwergen. Sie stehen zigfach in seiner Wohnung: "Die Zwerge sind schön bunt. Sie glänzen, sie machen Laune."

Er hat einen Hang für auffällige Silberringe. "Einige werden mich für bekloppt halten, aber dann gucke ich, was in der Schatulle an Silberschmuck ist und lege das Geschmeide an." Auch das Klappern der Ringe beim Schreiben gehöre dazu. Der Wahl-Kieler mag den Norden, den endlosen Himmel:

"Diese Riesenkuppel! Es ist das Meer. Es ist das Wasser. Es riecht, die Luft riecht, und es sind die Möwen. Es ist der Wind, der einem ins Gesicht weht und der auch da mal Eisregen einem ins Gesicht weht."

Und er schätzt den dortigen Menschenschlag. Kurzum: "Ich liebe den Norden heiß und innig."

(sus)

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