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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.03.2018

Schriftsteller Ferdinand von Schirach"Das Leben wird eng, wenn Sie alles nur zynisch beurteilen"

Moderation: Marie Sagenschneider

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Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach  (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach (picture alliance / dpa / Georg Wendt)

Eigentlich ist er Strafverteidiger, bekannt geworden ist Ferdinand von Schirach als Bestsellerautor. Meist geht es in seinen Büchern um die Themen seines Berufs: Um Verbrechen, Schuld, Rache und tragische Verstrickungen.

Bekannt geworden ist der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach mit dem Kurzgeschichtenband "Verbrechen". Diesem folgte "Schuld" und mit "Strafe" erscheint nun der dritte Band der Trilogie. Die Auseinandersetzung mit Verbrechen und ihren Konsequenzen findet in diesen Geschichten näher an der Realität statt, als die Leser es bisher von Kriminalromanen oder Thrillern gewohnt waren.

Zum Schreiben brachten den inzwischen als Bestsellerautor weltweit gefragten von Schirach seine Schlafstörungen:

"Tatsächlich habe ich mit zwölf Jahren Theaterstücke geschrieben, die ganz albern waren und die Gott sei Dank nicht aufgeführt wurden. Und mit 16 wollte ich unbedingt Regisseur werden. Weil ich aber so ein ganz bürgerlicher Mensch bin, habe ich dann Jura studiert und erst mit 45 war ich dann so weit, dass ich ein bisschen das machen konnte, was ich gerne mache. Ich konnte oder kann nachts nicht so wahnsinnig gut schlafen und hab mich irgendwann hingesetzt und angefangen zu schreiben. Das ist alles sehr unspektakulär."

Mit der dunklen Seite der Menschen konfrontiert

Ein Grund für diese Schlafstörungen waren die Erlebnisse, die von Schirach als Anwalt hatte:

"Es ist natürlich so, dass man als Strafverteidiger oftmals in das Dunkle eines Menschen sieht, den man im Gefängnis antrifft, der kurz zuvor irgendwas Furchtbares gemacht hat. Und wenn man das viel gesehen hat und viel verstanden hat, wie solche Entwicklungen zustande kommen, dann passieren oft zwei Dinge bei vielen Menschen, die in der Justiz arbeiten - entweder man wird zynisch und beginnt zu trinken und verachtet das Leben ein bisschen, oder man sucht sich etwas anderes und bei mir ist das andere das Schreiben, weil ich Zynismus und Hass nicht mag. Das Leben wird sehr eng, wenn Sie alles nur noch zynisch beurteilen."

In diesem Sinne war das Schreiben für ihn auch eine Rettung - aber keine Therapie: "Das wäre auch furchtbar, ich kann die Leser ja nicht als Psychiater benutzen."

Sich selber sieht von Schirach als einen Menschen, der die Langsamkeit zu schätzen weiß, der Flaneur, der gemächlich durch die Gegend schreitet, sei eine gute Beschreibung seines Lebens. "Verhaltenes Mittun entspricht mir eigentlich", sagt er als ein Mensch, der Partys meidet und noch niemals von sich aus auf jemand anderen zugegangen sei, um sich vorzustellen.

"Terror" wird ein weltweiter Erfolg

Mit dem großen Erfolg, den vor allem sein Theaterstück "Terror" weltweit hat, habe er absolut nicht gerechnet. Die Zuschauer dieses Stückes über die Schuld der Figur des Piloten, der mit dem Opfer der Insassen seines Flugzeuges die Besucher eines ganzen Stadions rettet, entscheiden zu lassen, sei ihm auch deshalb wichtig gewesen, weil dies den Effekt habe "dass man besser zuhört. Man hört die Argumente besser." Auch wenn er den Piloten selber schuldig gesprochen hätte, sei diese Entscheidung nicht so wichtig: "Es ist nach wie vor ein Theaterstück." Aber das Abstimmenlassen erschien ihm als der beste Weg zur Diskussion.

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