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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.07.2018

Schriftsteller Edouard Louis"Von den Politikern geht hysterische Gewalt aus"

Moderation: Joachim Scholl

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Der französische Schriftsteller Édouard Louis (JOEL SAGET / AFP)
"Morgens, wenn ich aufwache, denke ich nicht als Erstes, ich bin Franzose, sondern meine Identität ist, Künstler zu sein, schwul zu sein", sagt Edouard Louis. (JOEL SAGET / AFP)

Jung, radikal, provokant - Edouard Louis gilt als der neue "Wilde" der französischen Literatur. Er sagt: "Ich möchte eine Literatur der Konfrontation, die es dem Leser verbietet, sich abzuwenden von der Wirklichkeit, in der er lebt."

Joachim Scholl: Er ist gerade einmal 25 Jahre und gilt in seiner Heimat als einer der aufstrebenden intellektuellen Schriftsteller: Edouard Louis. In bislang zwei Romanen und etlichen Essays übt er scharfe Kritik an den Zuständen in Frankreich, an den sozialen und politischen, und jetzt kann man auch in Deutschland diesen Stil live verfolgen. Edouard Louis ist derzeit Gastprofessor in Berlin, hält Vorlesungen über die Rolle der Literatur in der Gesellschaft. Wir freuen uns, ihn in der "Lesart" begrüßen zu können. Willkommen im Deutschlandfunk Kultur, bienvenu Monsieur Louis!

Edouard Louis: Merci beaucoup et bonjour!

Das Gespräch mit Edouard Louis können Sie hier in der französischen Originalversion nachhören:

Scholl: Ihr Eröffnungsvortrag neulich trug die Überschrift "Was Literatur ausrichten kann. Über Scham, Kunst und Politik". Die Literatur müsse sich schämen. Was meinen Sie denn damit, Monsieur, und warum muss sie das, sich schämen?

Louis: Mein Leben als Autor ist ein Leben in der Scham, wenn ich jeden Tag vor dem Computer sitze und schreibe, Bücher schreibe. Ich könnte etwas anderes tun, etwas, was eine direkte Wirkung auf die Wirklichkeit hat. Stattdessen schreibe ich. Womit ich nicht sagen will, dass Bücher nichts bewirken. Die Bücher von Simon de Beauvoir haben das Leben der Frauen verändert, die Bücher von James Baldwin haben das Leben der Schwarzen verändert.

Der französische Philosoph Jean Paul Sartre (1905-1980) auf einer Pressekonferenz bei "La Cause due Peuple" in Paris im Jahr 1970 (imago/UIG)Sartre wollte eine Literatur schaffen, die die Freiheit gibt, sich zuzuwenden. Louis dagegen fordert eine Literatur, die verbietet, abzuwenden. (imago/UIG)

Ich will damit nicht sagen, dass Schreiben überflüssig ist, ganz im Gegenteil, aber ich denke, man sollte sich immer diese Frage stellen: Ich sitze da und schreibe, statt mich in einem Verein zu engagieren, statt mich für Arbeitslose einzusetzen. Dieser Frage sollte man sich täglich aussetzen, um anders zu schreiben, um eine andere Art von Literatur hervorzubringen.

"Jegliche Literatur ist politisch"

Scholl: Sie haben den Namen Simone de Beauvoir schon fallen lassen. Wenn Ihr Name fällt, Monsieur Louis, kommt meist gleich der Begriff von der engagierten Literatur. Da denkt man so an die 1960er-Jahre, eben an Beauvoir, an Albert Camus, an Jean-Paul Sartre. Gefällt Ihnen diese Ahnenreihe, oder ist die Ihnen eigentlich zu weit weg?

Louis: Ja und nein. Ich glaube, dass man heute anders schreiben muss. Man sollte nicht etwas wiederholen, was Sartre und Beauvoir bereits gemacht haben. Jegliche Literatur ist politisch. Es gibt auf der einen Seite Literaten, und auf der anderen Seite Lügner, die nicht zugeben wollen, dass Literatur immer auch politisch ist. Was mich interessiert, ist weiterzugehen, als die engagierte Literatur es getan hat.

Mein Ziel ist eine Literatur der Konfrontation, die es dem Leser verbietet, sich abzuwenden von der Wirklichkeit. Sartre hat gesagt, engagierte Literatur, das ist die Freiheit, sich zuzuwenden. Ich möchte etwas anderes. Ich möchte eine Literatur der Konfrontation, die es dem Leser verbietet, sich abzuwenden von der Wirklichkeit, in der er lebt.

Frankreichs Präsident Macron spricht im Parlament. (dpa/Picture Alliance/ Charles Platiau)Ein Mann der Reichen und Weißen - Louis kritisiert den französischen Präsidenten Emmanuel Macron scharf. (dpa/Picture Alliance/ Charles Platiau)

Scholl: Sie sparen in Ihren Romanen, Edouard Louis, wie in Ihren Essays nicht an scharfer Kritik an der französischen Gesellschaft. Entschuldigen Sie bitte die etwas gewaltige Frage, aber was läuft schief in Frankreich? Können Sie es kurz skizzieren, was Sie so enorm stört?

Louis: Ich denke, in der französischen Gesellschaft spielt sich etwas ab, was auch anderswo passiert. Deshalb ist das Echo auf meine Bücher auch so stark in Deutschland, in Japan, in den USA.

Das, was weltweit geschieht, ist ein Wiederaufkommen einer extremen Gewalt. Was Leute wie Trump, Orbán oder Macron in die Welt bringen, ist die Gewalt von Politikern, die keine Angst haben, etwas auszudrücken, was man früher nicht gesagt hätte: Die Unterschichten seien faul, bei Trump: die Mexikaner wollen nicht arbeiten. Frankreich lässt die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken.

Was kann eine Literatur in einer solchen Zeit tun und bewirken? Das ist die Frage.

"Macron möchte ein weißes Europa"

Scholl: Ihr Präsident Emmanuel Macron hat in Deutschland aber einen sehr guten, sogar glamourösen Ruf als junger energischer Staatsmann, und Angela Merkel und er treten beide zusammen auf als starke, große Figuren der europäischen Idee. Sie lassen an Ihrem Präsidenten kein gutes Haar, Edouard Louis. Was werfen Sie ihm konkret vor, was meinen Sie, wenn Sie von der Politik der Gewalt auch von seiner Seite aus sprechen?

Louis: Der Unterschied zwischen Angela Merkel und Macron ist, dass Angela Merkel zu einem bestimmten Zeitpunkt bereit war, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen, während Macron gerade bereit war, ein paar Hundert ins Land zu lassen.

Macron möchte ein weißes Europa. In den ersten Monaten seiner Präsidentschaft konnte man bereits erleben, die Flüchtlinge sollen ins Meer zurückgestoßen werden, sie erfrieren im Schnee in den Alpen, weil sie nicht hereingelassen werden sollen. Das Europa Macrons ist ein weißes Europa. Die erste Maßnahme, die er ergriffen hat, war, die Sozialhilfe zu kürzen auf der einen Seite, und die Steuern für die Reichen ebenfalls zu kürzen.

Scholl: Sie haben neulich als Gastredakteur einer linksliberalen Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht, "Legt Feuer!" hieß der in deutscher Übersetzung. Ist das aber nicht auch schon ein Aufruf zu Gewalt, und wie radikal darf, soll ein Schriftsteller Ihrer Meinung nach sein?

Louis: Nein, das ist kein Akt der Gewalt, den ich dort ausspreche, sondern ein Aufruf, die Gewalt der anderen zu beenden. Ich bin kein Freund der Politik, ich mag Politik nicht. Wenn ich mich zum Politischen äußere, dann erhalte ich Drohungen, Verhöhnungen in den sozialen Medien. Ich würde mich auch lieber amüsieren und tanzen.

Die Gewalt, die hysterische Gewalt, die von den Politikern ausgeht, die richtet sich gegen die Armen, gegen Arme wie meine Mutter. Es ist eine politische Gewalt gegen die, die als "Faulpelze" bezeichnet werden durch Theresa May und Donald Trump. Mein Traum wäre ein Traum vom Ende der Politik. Wie alle Linken, die Politik machen, ist mein Traum eigentlich das Ende der Politik – selbst wenn ich weiß, dass das nicht möglich ist.

"Wir leben in Zeiten politischer Gewalt"

Scholl: Sie haben zwei mittlerweile auch bei uns berühmte geistige Weggefährten, die Soziologen Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon. Zu dritt haben Sie sich öffentlich gegen den Rechtspopulismus ausgesprochen.

Wir in Deutschland haben ja jetzt auch eine rechtskonservative Partei in Deutschland, und überall ist der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch, eben auch in Frankreich, wo er besonders stark ist durch den Front National. Wie sehen Sie da in die Zukunft? Sind Sie da nicht auch pessimistisch, was die Zukunft Europas und der Demokratie angeht?

Louis: Ich weiß nicht, wie ich das beantworten soll. Ich bin sehr beunruhigt. Wir leben in Zeiten derartiger politischer Gewalt, dass sogar eine Angela Merkel, mit der mich politisch eigentlich kaum etwas verbindet, fast wie ein Hort des Fortschritts wirkt.

Ich bin verbunden mit Autoren wie Geoffroy de Lagasnerie, Didier Eribon, wie Annie Ernaux und Zadie Smith, die kämpfen, um etwas zu bewegen, um eine andere Welt möglich zu machen. Die Hoffnung ist, dass für unsere Seite vielleicht so etwas wie ein Sieg doch noch möglich ist.

Edouard LOUIS, Autor, waehrend der TV-Sendung Das blaue Sofa am 12.10.2017, Frankfurter Buchmesse 2017 vom 11.10. - 15.10.2017 in Frankfurt am Main / Deutschland. (imago stock&people)Edouard Louis' Heimat ist Freundschaft: "Deutschland und Frankreich sind mir eigentlich egal" (imago stock&people)

Scholl: Sie sind jetzt einen ganzen Sommer hier in Berlin. Wie gefällt Ihnen Deutschland?

Louis: Es gefällt mir hier sehr. Mir scheint, hier gibt es die Möglichkeit eines intellektuellen Diskurses, einer Auseinandersetzung, ganz anders als in Frankreich. Es gibt mehr Zeitungen, mehr Seiten in den Zeitungen, mehr Vielfalt. Aber ich spreche hier natürlich als Amateur. Das Klima der Auseinandersetzung gefällt mir in Deutschland sehr, und man ist außerdem ja immer glücklicher woanders als zu Hause.

"Heimat ist die Freundschaft"

Scholl: Auf jeden Fall haben Sie schon viel Zuspruch hier bekommen. Ihre Freunde Geoffroy de Lagasnerie und Didier Eribon, beide waren auch schon hier bei uns im Deutschlandfunk Kultur, und wir haben, wie mit Ihnen, zwei flammende Patrioten kennengelernt, Patrioten der Demokratie, der Freiheit, des Rechtes, politische Schriftsteller. Wir auf jeden Fall haben den Eindruck jetzt auch mit Ihnen, Edouard Louis, dass die engagierte Literatur, die Littérature engagée aus Frankreich jetzt wieder in vollem Saft steht. Täuscht unser Eindruck?

Louis: Ich glaube, Geoffroy und Didier sehen sich ganz bestimmt nicht als Patrioten, sondern eher als Internationalisten. Deshalb war auch Ihre vorige Frage für mich etwas schwierig, weil ich mich nicht als Franzose sehe – morgens, wenn ich aufwache, denke ich nicht als Erstes, ich bin Franzose, sondern meine Identität ist, Künstler zu sein, schwul zu sein.

Meine Identität sind meine Hoffnungen, meine Sicht der Welt, das, was ich erwarte: Gleichheit. Meine Identität, das sind auch die Menschen, mit denen ich mich umgebe. Geoffroy und Didier verbindet mit mir, dass unsere Heimat die Freundschaft ist. Nun würde ich natürlich kein Buch über meine Freundschaft mit Didier oder Geoffroy schreiben, aber Heimat ist die Freundschaft – viel mehr als Frankreich oder Deutschland. Deutschland oder Frankreich sind mir eigentlich egal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Von Edouard Louis sind auf Deutsch erschienen:
- Das Ende von Eddy (2015)
- Im Herzen der Gewalt (2017)
beide im Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main.

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