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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.02.2019

Schriftsteller Édouard Louis in BerlinAnklage an die französische Politik

Étienne Roeder im Gespräch mit Britta Bürger

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Der französische Schriftsteller Édouard Louis (JOEL SAGET / AFP)
Der französische Schriftsteller Édouard Louis (JOEL SAGET / AFP)

Das Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" des französischen Schriftstellers Édouard Louis wirkt wie ein Manifest der "gilets jaunes". Am Sonntagabend stellte Louis es in Berlin vor.

Auf dem Podium der Berliner "Geistesblüten" Buchhandlung saß Édouard Louis zusammen mit Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier. Der hatte schon Louis' vorherigen Vaterroman "Im Herzen der Gewalt" auf die Bühne gebracht.

"Die beiden mögen sich wirklich sehr", sagt unser Kritiker Étienne Roeder, der die Veranstaltung besucht hat:

"Die haben sie da die Bälle zugespielt, obwohl es wirklich ein hartes Thema war. Das Buch von Louis, dem Ausnahmeschriftsteller aus Frankreich, diesem Superstar der Literatur, der da wirklich seine persönliche Geschichte im Buch beschrieben hat."

Das wiederkehrende Thema "Gewalt"

Während Louis in seinen ersten zwei Büchern die Gewalt gegen ihn als schwulen Jugendlichen in der französischen Provinz sowie Gewalt gegen Frauen und People of Colour thematisierte, geht es in seinem aktuellen Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" vor allem um die Gewalt, die sein Vater - der selbst gegen den Sohn gewalttätig war - erfährt. Dabei ist sein Buch zwischen Erzählung und Traktat eine einzige Anklage der französischen Politik, erklärt Étienne Roeder:

"Ausschlaggebend, das Buch zu schreiben, war für Louis ein Besuch beim Vater, wo er ihn im Krankenhaus besuchte und dessen geschundenen Körper einfach schockiert wahrnehmen musste. Ihm wurde dann in einem persönlichen und soziologischen Schock klar, dass dieser Körper nicht geschunden war, weil er eine schwere Krankheit hatte, sondern weil er das Resultat der Stellung seines Vaters in der Gesellschaft war."

Die Bewegung brauchte eine Sprache

Als die Gelbwesten in Frankreich zu demonstrieren begannen, war Édouard Louis in den USA.

"Da hat er in den Nachrichten die Leute gesehen, die auf der Straße demonstrieren und auf einmal war es für ihn wieder wie ein Schock, er sagte: Die Leute sahen aus wie bei mir im Dorf", erzählt Roeder. Für Louis war klar, dass er sich als Intellektueller solidarisieren muss.

"Édouard Louis sagt, es war sehr wichtig für ihn, Teil dieser Bewegung zu sein. Denn die Leute machten ihrem Leiden Luft, in einer Sprache, die eben noch nicht definiert war und sich mit den Protesten erst herausbilden kann", sagt Roeder. Louis demonstrierte auch mit und positionierte sich.

"Louis sagt: Die ganzen Labels, mit denen man diese Bewegung versucht hat zu diskreditieren wie 'Homophobie' und 'Rassismus', das sind Versuche der herrschenden Klasse, die Armen, die sich da auf der Straße versammeln, mundtot zu machen", erklärt Étienne Roeder.

Der geschundene Körper des Vaters als Metapher

"Literatur muss kämpfen für all jene, die nicht selbst kämpfen können", das ist das Credo von Louis. Das Text "Wer hat meinen Vater umgebracht" hätte zu kaum einem besseren Zeitpunkt geschrieben werden können, so Roeder:

"Das Buch wird ja oft als Manifest für die 'gilets jaunes' angesehen. Édouard Louis gelingt, glaub ich, ein Kunstgriff, in dem er es schafft, den subjektiven Körper seines Vaters als eine Metapher für den sozialen Körper einer Klasse zu beschreiben, zu definieren und empathisch zu begegnen."

(nh)

Édouard Louis: "Wer hat meinen Vater umgebracht"
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
77 Seiten, 16 Euro

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