Seit 01:05 Uhr Tonart
Montag, 21.06.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.02.2019

Schriftsteller Dževad Karahasan„Bequemlichkeit ist nicht das Wichtigste im Leben“

Dzevad Karahasan im Gespräch mit Andrea Gerk

Dzevad Karahasan bei der Eröffnung vom Literaturfest in Salzburg. (imago stock&people / Manfred Siebinger)
Ein alter Mann kann Formen der Freiheit genießen, die den jüngeren Menschen völlig unbekannt sind, sagt Dževad Karahasan. (imago stock&people / Manfred Siebinger)

Unser Dasein ist gerade wegen seiner Unsicherheit wunderbar, findet der 65-jährige bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan. Die Helden in seinem neuen Geschichtenband "Ein Haus für die Müden" genießen die Freiheit der Alten.

Andrea Gerk: "Der Mensch ist die Summe all dessen, was er erlebt hat", davon ist der große bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan überzeugt. Bei ihm selbst, der gerade 65 geworden ist, kommt da einiges Erlebte zusammen. Das Scheitern des Vielvölkerstaats Jugoslawien hat Dževad Karahasan in Sarajewo miterlebt. Er musste Mitte der 90er-Jahre aus der Stadt fliehen. Seither hat er eine ganze Reihe Romane und Essays veröffentlicht, die vielfach ausgezeichnet wurden, unter anderem mit der Goethe-Medaille, dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung. Und ganz aktuell verleiht ihm die Stadt Bremerhaven den Jeanette Schocken Preis. Inzwischen lebt und arbeitet Dževad Karahasan in Graz und in Sarajewo. Dort spielen auch Teile seines neuen Buches. "Ein Haus für die Müden" heißt der Band mit fünf Geschichten. Und jetzt ist Dževad Karahasan bei mir im Studio. Herzlich willkommen, schön, dass Sie da sind, Herr Karahasan!

Dževad Karahasan: Danke für die Einladung! Ich freue mich auch.

"Freiheit im Alter genießen"

Gerk: Es heißt, Sie haben 25 Jahre an diesem Buch gearbeitet, an diesen fünf Geschichten. Was hat da so lange gedauert bis das ausgereift war?

Karahasan: Das Buch spielt sich im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Abtrünnigkeit ab. Meine Helden genießen die Freiheit der Alten, sich nicht anpassen zu wollen, sich um die Meinung der Mitmenschen nicht wirklich kümmern zu wollen, sich auf ihren Tod freuen zu können. Ein alter Mann kann Formen der Freiheit genießen, die den jüngeren Menschen völlig unbekannt sind. Sie können auch, was meine Helden tun, laut schreien, ich passe mich nicht an. Sie alle leben in einer Welt, die wirklich nicht mehr die ihre ist.

Gerk: Sie sehnen sich ja auch ganz stark immer nach etwas, was nicht mehr da ist.

Karahasan: Nach etwas, was nicht mehr da ist, oder nach etwas, was ehrlich gesagt niemals da war. Sie haben sich aber inzwischen eingebildet, dass es einst gewesen ist. Und meine Helden, die das Buch beginnen und beenden, also die den Rahmen des Buches bilden, sind junge Menschen, die überhaupt nicht dazugehören, die keine Gemeinschaft haben. Ihr Schicksal verhindert aber nicht, aus ihnen Opfer zu machen. Der Held meiner ersten Geschichte fällt als erstes Opfer von Sarajewo im Ersten Weltkrieg, obwohl er weder eine Familie hatte noch eine Gemeinschaft noch Freunde noch Nation, noch irgendetwas. Und der Held meiner letzten Geschichte, "Samtblumen an ihrer statt", gehörte nicht einmal zu seiner Familie. Auch in seiner Familie fühlte er sich fremd. Aber die Geschichte will aus ihm einen Zugehörigen machen, und es gelingt der Geschichte leider. Denn im Hintergrund des Buches wird immer das Gefühl erweckt, dass die Geschichte ein Monster ist, das sich von unserer Verzweiflung, von unserem Leben nährt, wächst.

"Zu viel Kontrolle ist ungesund"

Gerk: Die letzte Geschichte, die Sie gerade schon erwähnt haben, da geht ja ein Mann her und lässt seine Eltern, die eigentlich in Norwegen begraben sind, symbolisch beerdigen in ihrer Geburtsstadt, in der Sie selbst auch, in Duvno, zur Welt gekommen sind. Da liegen ja auch Tod und die Liebe, die nie erfüllt wurde, ganz eng beisammen. Das Buch heißt auch im Original "Gesänge über die Liebe im Tod" im Untertitel. Wie hängt das denn für Sie zusammen?

Karahasan: Ich glaube, das kann sehr gut zusammen gehen. Schon Empedokles hat behauptet, Liebe sei eine kosmische Kraft. Die Orphiker haben felsenfest daran geglaubt, dass Eros der älteste, der wichtigste Gott sei. Wir leben in einer Zivilisation leider, die Emotionen verpönt. In unserem Zeitalter ziemt es sich nicht, Gefühle zu zeigen. Man muss sich kontrollieren. Zu viel Kontrolle ist wirklich ungesund, ist extrem gefährlich. Zu viel Gesundheit auch. Liebe ist nun mal ein Gefühl. Nur Gefühle, Emotionen befreien in uns Energie. Im Leben keines Menschen hat sich etwas Wesentliches verändert, nachdem er erfahren hat, dass das Hypothenusenquadrat der Summe beider Kathetenquadrate gleich sei. Möglicherweise bei Pythagoras. Aber im Leben eines jeden Menschen hat sich etwas Wesentliches verändert, nachdem er erfahren hat, dass ihn ein Mädchen liebt. Gefühle sind extrem wichtig. Und Tod ist, so wie Liebe, ein Akt der Erkenntnis. Durch Liebe erkennen wir ein anderes menschliches Wesen, so wie es nur durch die Liebe möglich ist. Wir bekommen keine Informationen über dieses Wesen, sondern ein zuverlässiges Wissen, das nur auf diese Art und Weise möglich ist. So ist es auch mit dem Tod. Der Tod ist der Akt des Erkennens von etwas, das uns stets verborgen bleibt, solange wir leben. Aber Tod ist nun mal ein unzertrennlicher Teil unseres Wesens. Ich bin mit meinem Tod auf die Welt gekommen wie mit einer Niere. Der Tod wächst, ich wuchs auch. In einem Augenblick habe ich aufgehört zu wachsen – er wuchs weiter. Jetzt ist er wesentlich größer als ich. Aber er ist stets in mir, mit mir, und ich glaube wirklich, dass Liebe und Tod sehr gut zusammengehen. Die Romantiker haben das gewusst.

Plädoyer für mehr Romantik

Gerk: Ich wollte gerade sagen, Sie sind auch ein Romantiker, oder, mit dem, was Sie da sagen?

Karahasan: Ich bin auch Professor. Ich bin ein schlechter Charakter. Ich bin sowohl Aufklärer wie auch Romantiker. Ich mag sehr Diderot, aber auch Kleist. Auf jeden Fall, ich glaube wirklich, dass wenn heutzutage uns etwas absolut notwendig ist, wäre das ein wenig romantische Auflehnung, ein wenig Romantik, oh ja.

Gerk: Hilft die auch gegen die Müdigkeit, die durch Ihr Buch geistert? Denn das heißt ja "Haus der Müden", und es ist auch so eine seltsame Müdigkeit in diesen Figuren in den Szenen zu spüren. Was ist das für eine Müdigkeit?

Karahasan: Ich glaube, das ist eine Müdigkeit, die auf Vergessenheit des Seins vorbereitet. All meine Helden haben ihr Leben hinter sich. Und jetzt begreifen sie endgültig, was sie alles falsch gemacht haben. Was möglich war, und sie haben es nicht wahrgenommen. Mein Lieblingsheld Juso in der zweiten Geschichte, "Feuergeburt", wartet voller Sehnsucht auf die Rückkehr seines Sohnes, den er aus dem Haus vertrieben hat, weil er sich in Freudenhäusern aufgehalten hat. Wenn der Sohn zurück ist, kann er sterben, kann er weggehen, weil all seine Rechnungen beglichen sind. Erst am Ende begreift er, dass seine letzte Rechnung nicht mit seinem Sohn offensteht, sondern mit seiner Frau. Er hat immer wieder vergessen, ihr seine Liebe zu erklären, sein Bedürfnis nach ihr offen zu gestehen. Er hat sich in der großen Mühe, sich anzupassen, sich ziemlich, wie es sich ziemt, zu benehmen, einfach vergessen, seine Freude zu zeigen. Und jetzt eben, in seinen alten letzten Tagen, gönnt er sich den Luxus, sich nicht anzupassen, die ganze Welt abzulehnen.

"Melancholie ist eine meiner Obsessionen"

Gerk: Herr Karahasan, in einem Interview haben Sie mal erzählt, Sie stellen sich das Paradies so vor, dass es da eine Ecke gibt, in der die Melancholiker sitzen dürfen und sich freuen, dass sie melancholisch sein dürfen. Was gefällt Ihnen denn so gut daran, melancholisch zu sein?

Karahasan: Ja, das stimmt. Das Buch ist, glaube ich, sehr melancholisch. Melancholie ist eine meiner Obsessionen. Ich habe auch Georg Büchner ins Bosnische übersetzt, und mein Vorwort trägt den Titel "Melancholie des Anfangs". Büchner hat alles Mögliche angefangen, das 20. Jahrhundert im Voraus geschrieben, und blieb stets extrem melancholisch. Ich hab auch einen Essay über Melancholie geschrieben als Zustand des Geistes. Ich glaube, Melancholie ist unter anderem auch Freude daran, traurig zu sein. Ich glaube, dass wir Menschen im Geiste, innerlich viel komplexer, viel komplizierter als man es mit Worten formulieren kann. Die Grenzen im Geiste, im Inneren sind nicht so scharf, wie wir es gern hätten. Traurigkeit ist schon ein Genuss, so wie auch verschiedene Genüsse, Quellen der Freude schmerzhaft sein können. Die innere Welt ist viel komplexer, viel komplizierter, als wir es formulieren können. Ja, ich bin ein Melancholiker, stimmt.

Gerk: Schauen Sie denn auch melancholisch auf Ihr Leben? Denn Sie haben ja auch den Krieg erlebt, Sie haben Ihre Stadt verlassen müssen. Sie waren auf der Flucht, Sie haben da eine Riesenbibliothek verloren. Sie lieben ja offenbar Bücher, und mussten da 30.000 Bücher zurücklassen. Sie erleben, wie sich Europa jetzt wieder verändert. Was macht das bei Ihnen? Kriegen Sie da auch eine melancholische Stimmung?

Karahasan: Wie hieß es bei Heine? Wenn ich über Deutschland nachdenke, kann ich nicht mehr einschlafen. Ja. Wenn ich in meiner Stadt Sarajewo unter Freunden sein will, muss ich zu einem Friedhof gehen. In Sarajewo selbst habe ich noch einen einzigen Freund, einen wunderbaren Franziskaner, Christologie-Professor, Mile Babic.

Gerk: Aber nicht der, bei dem Sie als Kind waren und Griechisch und Latein gelernt haben? Der lebt ja wahrscheinlich nicht mehr.

Karahasan: Der ist längst tot. Ja, stimmt. Ich frage mich gelegentlich: Stimmt es, was ich als Europa in meinem Gedächtnis aus den 80er-Jahren mein Leben lang sozusagen getragen habe? Eine wunderbare Reife. Eine Gesellschaft, die von Ängsten frei ist. Ich kann mich noch gut erinnern, damals tobten sowohl in Italien wie auch in Deutschland rote Brigaden. Sowohl Medien wie auch Behörden bemühten sich, Ruhe zu bewahren, haben alle Bürger dazu aufgerufen, ganz normal weiterzuleben, keine Angst zu haben. Und wenn ich mir heute anschaue, merke ich, wie im Westen, auch in Europa Ängste absichtlich haufenweise produziert werden. Warum bloß? Alles soll eine Bedrohung sein. Man darf nicht atmen, denn die Luft ist giftig und verschmutzt. Man darf kein Wasser trinken, denn auch Wasser ist ... Man darf nicht auf die Straße gehen, denn alle Nachbarn, die Blumentöpfe auf ihren Balkonen haben, haben das getan, nur um mich umzulegen, wenn ich unter ihrem Balkon gehe. Es werden so viele Ängste produziert – traurig.

"Wir sind alle in das Leben emigrierte"

Gerk: Liegt es daran, dass die Leute sich nicht verstehen? Sie werden ja immer als großer Brückenbauer in allen Preisreden gepriesen und als jemand, der wirklich weiß, was Verständigung heißt. Dafür stehen Sie ja geradezu, auch mit Ihrem Werk. Sie haben ja auch den Buchpreis der Europäischen Verständigung bekommen. Wie kann so was funktionieren, wie können diese Ängste bekämpft werden oder überhaupt erträglich werden?

Karahasan: Eben darum geht es. Erstens, ich kann nicht nachvollziehen, wem soll es nützlich sein, so viele Ängste zu produzieren? Verängstigte Menschen bilden keine Gesellschaft. Verängstigte Menschen sind eine Masse. Wer soll daran Interesse haben, eine reife, wunderbare Gesellschaft, wie ich sie in Europa in den 80er-Jahren erlebt habe, zu einer Masse zu machen? Zweitens: Man muss reden. Man muss begreifen, dass Dialog niemals bequem sein kann. Man muss in sich Mut finden, auf Bequemlichkeit zu verzichten. Man muss begreifen, dass Bequemlichkeit nicht das Wichtigste im Leben ist. Man muss sich seinen Mitmenschen öffnen. Man muss begreifen, dass das Leben viel komplexer ist, vielschichtig, kompliziert, wunderbar, wegen seiner Unsicherheit wunderbar. Denn man darf nicht vergessen, dass wir alle in das Leben emigrierte sind. Alle großen Religionen beginnen mit einem großen Exodus. Im Judentum verlassen die Juden Ägypten. Im Islam verlassen Muslime Mekka. Im Christentum wird Jesus aus der Stadt abgeführt. Und so auch jeder von uns. Die Gläubigen glauben, dass wir aus dem Paradies vertrieben worden sind. Die Nichtgläubigen wissen, dass wir alle aus dem Mutterleib vertrieben worden sind. Also, Leben ist nun mal Emigration. Freuen wir uns über diese Emigration, über die großartige Unsicherheit. Über Unwissenheit. Auch das ist gut. Auch das ist kein schlechter Zustand. Lernen wir wieder, naiv zu sein, uns zu wundern. Verwunderung, Naivität führen zu einer Frage. Haben Sie nicht gemerkt, dass alle Leute um Sie herum lauter Antworten haben. Keiner hat eine Frage. Lernen wir uns wieder zu fragen, zu wundern.

Gerk: Da hilft Ihr Buch auf jeden Fall dabei, Dževad Karahasan. Vielen Dank für dieses Gespräch!

Karahasan: Ich habe zu danken!

Gerk: Und das Buch, über das wir gesprochen haben, "Ein Haus für die Müden", ist beim Suhrkamp Verlag erschienen. Es hat 239 Seiten und kostet 24 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Dževad Karahasan: "Ein Haus für die Müden"
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019
239 Seiten, 24 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Politische LiteraturDer Druck hat zugenommen
Eine zur Faust geballte Hand wird nach oben gestreckt — in der Faust steckt ein Bleistift (Illustration) (imago / Malte Müller )

Max Czolleks und Terézia Mora sagen, das politische Zeitgeschehen beeinflusse ihre Themen und ihre Sprache. Die Sprache müsse inklusiver als die der Nazis sein, sagt Mora, und Czolleks Devise lautet: Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur