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Studio 9 | Beitrag vom 25.11.2019

Schriftsteller Ahmet AltanUnverletzlich hinter der Wehr seiner Bücher

Von Luise Sammann

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Porträt des türkischen Journalisten und Schriftstellers Ahmet Altan. (Fischer Verlag/privat)
Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan (Fischer Verlag/privat)

Der türkische Autor Ahmet Altan erhält den Geschwister-Scholl-Preis 2019 für sein Buch "Ich werde die Welt nie wiedersehen". Doch bei der Preisverleihung in München kann Altan nicht anwesend sein - er wurde vor einigen Tagen erneut inhaftiert.

"Ein Romanautor, der Journalismus betreibt, verrät seine eigentliche Arbeit."

Es klingt, als hätte Ahmet Altan nie als Journalist arbeiten wollen. Als wäre er in etwas hineingeraten, das dem großen Intellektuellen, wie er sich gern selbst bezeichnet, eigentlich viel zu profan erscheint. Einer, den seine Texte selbst im Gefängnis noch unbesiegbar machen.

"Ich besitze eine göttliche Arroganz – eine, die selten eingestanden wird, die aber den Schriftstellern ureigen ist und von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird. Hinter der stählernen Wehr meiner Bücher bin ich unverletzlich."

Geschwister-Scholl-Preis 2019 für Ahmet Altan – hier die Begründung der Jury.

Doch ob es ihm gefällt oder nicht: Die Bezeichnung ‚Journalist‘ gehört zu Ahmet Altan wie die spiegelnde Glatze und der graue Vollbart, die randlose Brille und die tiefen Furchen zwischen den buschigen Augenbrauen. Seine Arbeit als Chefredakteur der inzwischen verbotenen Zeitung "Taraf" überschattet sein ganzes Werk – und hat ihn schließlich ins Gefängnis gebracht. Vielleicht hat er es kommen sehen.

"Ich will von nun an nur noch Bücher schreiben", verkündete er im Frühjahr 2015 in einem TV-Interview. "Die aktuelle Politik wird vorübergehen. Selbst die Türkei wird vielleicht irgendwann vergehen. Aber die Literatur, die wird bleiben."

Konnte Ahmet Altan, der sich einmal als "Wachmann der Gesellschaft" beschrieb, "der auf der Spitze des Mastes steht und herausschreit, was in der Ferne passiert", wirklich glauben, dass ihm das gelingen würde? Dass einer wie er sich in der politisch aufgeheizten Türkei ganz in die Literatur zurückziehen und den Journalismus für immer hinter sich lassen könnte?

Verschwörungstheorien und Rachefeldzüge

Hingehen und nachfragen kann man nicht. Denn Besucher sind im Hochsicherheitsgefängnis Silivri, in das Ahmet Altan kurz nach diesem Interview gebracht wurde, nicht erlaubt.

Man muss sich also an ihn herantasten. Muss fragen, zuhören, lesen – und vorsichtig sein! Denn Altan steckt selbst mittendrin in dem Sumpf aus Verschwörungstheorien und Rachefeldzügen, in dem die Türkei spätestens seit dem Putschversuch vom Sommer 2016 versinkt.

"Viele Leute haben nicht vergessen, dass er einer derjenigen war, die den Weg für einen Putsch in diesem Land geebnet haben," schimpfte etwa der pensionierte Militäranwalt Zeki Ücok kürzlich in einer Talkshow. "Er ist einer von denen, die einen großen Beitrag dazu geleistet haben, eine der wichtigsten Institutionen dieses Landes zu zerstören, das Militär."

In Altans Zeit als Chefredakteur der Tageszeitung "Taraf" landeten zahlreiche Militärangehörige und Erdoğan-Gegner unschuldig im Gefängnis. Die Titel, die sein Medium ihnen damals teils mahnend, teils schadenfroh hinterherschickte, sorgen dafür, dass ihm viele Türken heute ihr Mitleid versagen.

Es ist modern, gegen ihn zu sein

"Vor seiner Zeit bei der ‚Taraf‘ war mein Vater ein beliebter, großartiger Schriftsteller, von dem es hieß, dass er Frauen besonders gut verstehen würde", erinnert sich seine Tochter Sanem Altan. "Die Leute standen Schlange, um ihn zu treffen. Heute aber ist es geradezu modern, gegen ihn zu sein."

Der türkische Journalist und Schriftsteller Ahmet Altan (l) geht zusammen mit seiner Tochter Sanem Altan (r) nach seiner Freilassung.  (AFP/ Bulent Kilic)Ein türkisches Gericht ordnete die Freilassung des Journalisten Ahmet Altan nach drei Jahren Haft unter gerichtlicher Aufsicht an. (AFP/ Bulent Kilic)

Mit dem Namen Altan schmückte sich einst auch das Erdoğan-Regime. Ahmet und sein Bruder Mehmet, ein bekannter Ökonom, lobten die anfänglichen Reformbemühungen der AKP und galten als liberales Aushängeschild der Regierung. Solange, bis diese immer mehr vom demokratischen Weg abkam und die Altans sie dafür öffentlich kritisierten.

In einer Talkshow am Vorabend des Putschversuchs vom 16. Juli 2016 sagten die Brüder schließlich das baldige Ende der AKP voraus. Kurze Zeit später wurden sie wegen angeblicher "Verbreitung geheimer Botschaften" als Terrorunterstützer verhaftet.

Der bekennende Atheist Ahmet Altan sollte ein Unterstützer des islamischen Predigers Fethullah Gülen sein, den die Türkei für den Putschversuch verantwortlich macht. Eine absurde Anklage!

Doch Stimmen wie die des Moderators Mehmet Tezkan blieben die Ausnahme: "Ich habe Altans Artikel in der ‚Taraf‘ auch allesamt kritisiert. Aber schlechter Journalismus ist das eine, wegen eines Putsches angeklagt zu werden, ist das andere. Da müssen wir doch unterscheiden!"

Literatur hält Altan am Leben

Zehn Jahre und sechs Monate lautete schließlich das Urteil gegen Ahmet Altan. Und doch haben sich all jene geirrt, die glauben, einen unbequemen Kritiker endgültig losgeworden zu sein. Denn auch, wenn es der Journalismus war, der ihn ins Gefängnis gebracht hat, ist es seine Literatur, die ihn jetzt am Leben hält:

Ich schreibe dies in einer Gefängniszelle.
Aber ich bin nicht im Gefängnis.
Ich bin Schriftsteller.
Sie können mir am Ufer des Amazonas begegnen, an einem mexikanischen Strand, in den Savannen Afrikas. (…) Ich erhebe mich in die Luft wie Rauch und verlasse das Gefängnis an der Seite der Menschen, die in meinen Gedanken leben. Sie – die anderen – mögen die Macht haben, mich ins Gefängnis zu sperren; im Gefängnis halten können sie mich nicht.


In unserer Sendung "Lesart" sagte die in der Schweiz lebende Übersetzerin Ute Birgi-Knellessen, die Ahmet Altans Texte ins Deutsche überträgt: "Ich habe die Verbindung zu ihm gesucht, nachdem 1998 sein Roman 'Wie ein Schwertstreich' erschien. Bei meinem nächsten Istanbul-Aufenthalt haben wir uns getroffen. Ich war ich sehr beeindruckt von seiner Belesenheit, seiner Menschenkenntnis und von seinem sehr souveränen Auftreten. Inzwischen kommt bei mir natürlich an erster Stelle die Bewunderung für seinen Mut, den er immer schon gezeigt hat."
Das vollständige Gespräch mit Ute Birgi-Knellessen zum Nachhören:

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