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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 26.08.2007

Schreibender Kämpfer gegen das Unrecht

Vor 30 Jahren wurde der Schriftsteller Jürgen Fuchs aus der DDR ausgewiesen

Von Manfred Jäger

Im Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen verbrachte Jürgen Fuchs neun qualvolle Monate. (AP)
Im Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen verbrachte Jürgen Fuchs neun qualvolle Monate. (AP)

Die DDR-Behörden wollten den politisch unzuverlässigen und daher schon vom Studium ausgeschlossenen Jürgen Fuchs unbedingt loswerden. Dabei war er der Idee des Sozialismus durchaus aufgeschlossen, stand jedoch als Demokrat im Konflikt mit der SED. Am 26. August 1977 schob ihn das Regime ab - in der vergeblichen Hoffnung, den Bürgerrechtler dadurch mundtot zu machen.

"Wenn einem in so fein hergerichteten Bürozimmern im Gefängnis dann, wo man vernommen wurde, immer wieder gesagt wird: Sie müssen hier weg, dann will man ganz gerne bleiben, denn da sieht man ja: Diese Menschen haben ein Interesse daran, dass man weg ist."

Am 26. August 1977 wurde der Student Jürgen Fuchs von den DDR-Behörden nach West-Berlin abgeschoben. Ähnlich wie Biermann und Havemann fühlte er sich damals als kritischer Kommunist und hatte in der fremden Umgebung Orientierungsschwierigkeiten:

"Ich bin, wo ich nicht so gerne hin wollte."

Als er anderthalb Jahre nach der Übersiedlung sagen sollte, wo er denn stehe, antwortete er:

"Standort im Sinne von stehen und stehen bleiben möchte ich nicht haben. Standort im Sinne von Orientierung und von dort aus weiterdenken und weitergehen, das möchte ich gerne."

Das klang noch unsicher und abstrakt. Aber der asketische, stets ernste Mann traf die richtige Wahl, als er sich entschied, in Berlin-Moabit in einer Beratungsstelle als Psychologe zu arbeiten, obwohl er als Schriftsteller Aufmerksamkeit fand und im renommierten Rowohlt-Verlag publizieren konnte.

Seit 1971 hatte Fuchs an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Psychologie studiert. Seine Diplomarbeit war schon positiv beurteilt worden, als die Staatsmacht entschied, dem Unzuverlässigen alle Chancen zu nehmen. So brachte das Jahr 1975 dem damals 24-jährigen die endgültige Desillusionierung. Im April wurde er aus der SED ausgeschlossen, in die er zwei Jahre zuvor in idealistischer Naivität eingetreten war.

Im Juni folgten der Ausschluss aus der FDJ und die Exmatrikulation wegen "Schädigung des Ansehens der Universität in der Öffentlichkeit". Fuchs stand unter Beobachtung, zumal in seiner Seminargruppe auch Stasi-Leute saßen, die das Fach studierten, um bessere Vernehmer zu werden. In kleinen öffentlichen Lesungen las er Texte vor wie diesen:

"Das Fach Schön-Schreiben.
Aber gewiss doch/nach Schablone und in Schönschrift/tanzt kein Buchstabe aus der Reihe/liegt kein Wort schief/halten alle den Rand/ein/und erhalten ein Lob./Nur die Wahrheit fällt immer auf/als sehr schwer erziehbar."

Die gleichnishafte Form des Gedichts aus dem Zyklus "Schriftprobe" hat der Autor später als Sklavensprache bezeichnet. Er äußerte sich daher politisch deutlicher, auch unter dem Einfluss des väterlichen Freundes Robert Havemann und des bewunderten Wolf Biermann, gegen dessen Ausbürgerung auch Fuchs protestierte. Zwei Tage später, am 19. November 1976, wurde er festgenommen und die traumatischen Folgen der neunmonatigen Untersuchungshaft haben lange nachgewirkt. In der Zelle versuchte er, sich durch Gedächtnisleistungen zu retten.

"Da war so 'n Tisch, ich hatte keine Schreiberlaubnis, kein Papier, nix, war so ’n Tisch, so ’n Kunststoffbelag, und dann konnte man mit Silberpapier Spuren hinterlassen, Schreibspuren, und da hab' ich diese Vernehmungsprotokolle im Gefängnis konzipiert, hab' sie dann auswendig gelernt, mir ganz gut gemerkt, hab' sie innerhalb weniger Tage nach der Haft aufgeschrieben."

Er hat genau notiert, dass er am 17. Dezember 1976 in seiner Zelle weinte, weil er das Angebot zur Zusammenarbeit mit der Stasi abgelehnt hatte. Dem sensiblen Arbeiterjungen aus dem Vogtland fehlten die Robustheit und die Aggressivität einer Wolf Biermann. Daher tat er sich schwer damit, dass er und seine Frau den Ausreiseantrag unter massivem psychischen Druck unterzeichnet hatten.

Die eigenen Erfahrungen und die Nöte der Verfolgten und Geschädigten aus der DDR blieben das Zentrum seines literarischen Werks. Die beiden autobiografischen Romane "Fassonschnitt" und "Das Ende der Feigheit"erzählen von den gewöhnlichen Zuständen in der "Nationalen Volksarmee", und kurz vor seinem Tode erschien noch der Roman "Magdalena", in dem Fuchs sich, wie in vielen Essays und Interviews, der Stasi-Hinterlassenschaft widmet. Aus Protest gegen die Beschäftigung früherer Mitarbeiter des Mielke-Ministeriums beendete er 1998 seine Tätigkeit für die Gauck-Behörde. Zu DDR-Zeiten war er in West-Berlin ein Ziel für Stasi-Agenten.

Als Jürgen Fuchs am 9. Mai 1999 an einer seltenen Krebsart starb, äußerten Freunde den natürlich unbeweisbaren Verdacht, sein Tod sei die Spätfolge von Bestrahlungen während der Haft.

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