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Literatur | Beitrag vom 27.09.2020

Schreiben auf der Flucht, 1940 und heuteTransit Marseille

Von Johanna Tirnthal

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Schwarzweißporträt der Schriftstellerin Anna Seghers, die freundlich lacht. (picture-alliance / dpa / ADN_zentralbild)
Die Schriftstellerin Anna Seghers, hier in einer Aufnahme aus dem Jahr 1980. Ihr Roman "Transit" fing die vor Angst brodelnde Atmosphäre in Marseille 1940 ein. (picture-alliance / dpa / ADN_zentralbild)

Marseille ist eine Stadt der Passage. 1940 flohen Menschen vor Hitler hierher, um Europa zu verlassen. Davon erzählt Anna Seghers' "Transit". Heute leben andere Flüchtlinge in Marseille. Wieder sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller unter ihnen.

Marseille ist eine Stadt der Passage, der Hafen seit Jahrhunderten Ort der Ankunft und Abreise. Manchmal überwiegen unter den Reisenden die Flüchtlinge. Vor der Wehrmacht, die die französische Hauptstadt im Sommer 1940 besetzte, flohen viele Menschen in die Gebiete südlich der Loire.

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In der so genannten "unbesetzten Zone" herrschte das mit Nazi-Deutschland kollaborierende Vichy-Regime. Es internierte Deutsche und Emigranten aus ganz Europa und lieferte sie oft aus. Marseille bot diesen Menschen als letzter großer Hafen für einige Monate die Hoffnung, Hitler zu entkommen. Die Stadt platzte bald aus allen Nähten: Zu den damals 750.000 Einwohnern kamen bis zu 200.000 Flüchtlinge.

Licht und Schauer

Viele waren Intellektuelle und Schriftsteller. Anna Seghers, die über Marseille nach Mexiko-Stadt gelangte, fing die Atmosphäre in der vor Angst und Gerüchten brodelnden Stadt in dem Roman "Transit" ein. Ihr Protagonist Seidler geht Wege, die sie und ihre Freunde gingen.

"Ich zottelte zwanzig Minuten später mit meinem Handkoffer über die Canebière. Meistens ist man enttäuscht von Straßen, von denen man viel gehört hat. Ich aber, ich war nicht enttäuscht. Ich lief mit der Menge hinunter im Wind, der Licht und Schauer über uns trieb in rascher Folge. Und meine Leichtigkeit, die vom Hunger herrührte und von Erschöpfung, verwandelte sich in eine erhabene, großartige Leichtigkeit, wie geschafften für den Wind, der mich immer schneller die Straße hinunterblies. Wie ich begriff, dass das, was blau leuchtete am Ende der Canebière, bereits das Meer war, der alte Hafen, da spürte ich endlich wieder nach so viel Unsinn und Elend das einzige wirkliche Glück, das jedem Menschen in jeder Sekunde zugänglich ist: das Glück zu leben."

Uraltes frisches Hafengeschwätz

Seghers bezeichnet die hektischen Emigrantengespräche über Botschaftstermine, Visabedingungen, Schiffspassagen und das Geldverdienen als ein "uraltes frisches Hafengeschwätz, phönizisches und griechisches, kretisches und jüdisches, etruskisches und römisches."

Heute, 80 Jahre später, leben andere Flüchtlinge in Marseille. Wieder sind unter ihnen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Johanna Tirnthal hat zwei von ihnen gesprochen und auf manchen Wegen durch die Stadt begleitet: die algerische Dichterin Aziza* und den sudanesischen Lyriker Moneim Rahma. Für sie ist die Stadt kein Sprungbrett in die freie Welt, sie möchten hier bleiben und schreiben – wenn es die Umstände zulassen.

(pla)

*Wir haben eine Angabe zur Nationalität korrigiert.

Das Manuskript können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Luise Wolfram, Monika Oschek, Alexander Ebeert und Nina Weniger
Ton: Ralf Jonathan Perz
Regie: Giuseppe Maio
Red. Jörg Plath

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