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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.10.2013

Schreckensjahre nach dem Krieg

Anne Applebaum: "Der Eiserne Vorhang", Siedler Verlag, München 2013, 637 Seiten

Von Arno Orzessek

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Stalin starb 1953, Applebaums Buch beschreibt aber auch noch die Jahre danach. (picture alliance / dpa / Zhernov Vadim)
Stalin starb 1953, Applebaums Buch beschreibt aber auch noch die Jahre danach. (picture alliance / dpa / Zhernov Vadim)

In ihrem neuen Buch beschreibt Anne Applebaum stalinistische Diktaturen und konzentriert sich vor allem auf Polen, Ungarn und die DDR in der Zeit bis 1956. Sie hat etwa untersucht, wie aus Konzentrationslagern sowjetische Speziallager wurden.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war bekanntlich der Anfang neuen Schreckens. In wenigen Jahren wurden die Länder hinter dem eisernen Vorhang unter sowjetischem Druck zu mehr oder weniger sta­linis­ti­schen Dik­ta­tu­ren. Anne Applebaum konzentriert sich auf Polen, Ungarn und die Sowjetische Besatzungs­zo­ne/DDR, um Wesen und Wirkung der kommunistischen Methoden zur Ver­wand­lung gan­zer Gesell­schaf­ten, Volkswirtschaften, nationaler Kulturen und jedes Individuums zu zeigen.

Eingangs macht sich App­le­baum für den einst von Hannah Arendt verfochtenen Begriff "To­talitaris­mus" stark: "Er ist reif für eine Renaissance". Allerdings taucht das Wort­ erst wieder im Epi­log auf, in dem App­lebaum resümiert: "Der Totalitarismus funk­tionierte in Ost­europa nie so, wie er soll­te." Da Applebaums Stärke im erzähle­ri­schen Nach­voll­zug der Re­pres­sions-Me­cha­nis­men liegt, we­niger in der theoretischen Ana­lyse, bleibt un­klar, warum sie das umstrittene To­tali­ta­ris­mus-Kon­zept überhaupt bemüht.

Osteuropäische Trümmerwüste

Sei es drum. Die Pulitzer-Preisträgerin versteht es, die Wech­sel­wir­kun­gen zwischen gro­ßer Ge­schich­te und Alltagsleben plastisch auszuleuchten. Sie stellt die "klei­nen Stalins" vor: Bo­les­law Bierut in Polen, Mátyás Rákosi in Ungarn, Walter Ul­bricht in der SBZ/DDR. Aber sie sitzt auch mit Wladyslaw Szpilmann ("Der Pianist") in der "Stunde Null" in Warschau, durch­streift mit verlorenen Gestalten die ost­europäische Trümmerwüste, erzählt, dass in Budapest im Februar 1945 an­ge­sichts der Mas­sen­vergewal­ti­gungen ungarischer Frauen durch Soldaten der Roten Armee still­schwei­gend das Ab­treibungsverbot aufgehoben wurde, schildert das Schicksal von Menschen, die in Buchenwald ein­gekerkert wurden, im ehemaligen KZ der Nazis, das plötzlich ein sow­jetisches Speziallager war.

Um der ho­lis­tischen Darstellung eine Ordnung zu geben, konzen­triert sich Applebaum ka­pi­tel­weise auf Ein­zel­themen. Im ersten Teil ("Falsche Morgenröte") sind das etwa "Po­li­zis­ten", "Eth­ni­sche Säu­be­rung", "Jugend", "Radio", "Wirtschaft". Im zweiten Teil ("Hoch­stalinismus") un­tersucht sie "Innere Feinde", "Homo Sovieticus", "Idealstädte" wie Eisen­hüttenstadt. Das Große und Gan­ze ist bekannt, im Kleinen er­fährt man viel Neues, zumal App­le­baum Zeitzeugen interviewt und unveröffentlichte Quellen gesichtet hat.

Das Buch endet nicht mit Stalins Tod

Polen, Ungarn, SBZ/DDR: Die Auswahl erscheint recht beliebig, zumal es Applebaum aus­drück­lich auf den Nachweis länderspezifischer Merkmale der kommunistischen Verwandlung an­kommt. An Ju­goslawien, Rumänien, Albanien und den der UdSSR angegliederten baltischen Re­pu­bli­ken hät­ten sich stärkere Unterschiede zeigen lassen. Das Buch endet nicht etwa mit Stalins Tod, sondern mit der Niederschlagung des Un­garn-Aufstands von 1956, ebenfalls eine fragliche Zäsur, da damals vor allem die kom­mu­nis­ti­schen Parteien Westeuropas und Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre ihre Mos­kau-Gläu­bigkeit verloren.

Gleichwohl ist "Der Eiserne Vorhang" lesenswert, zuerst und zuletzt, weil das Buch die brutalen Konsequenzen der kommunistischen Welteroberungsidee in allen As­pek­ten sichtbar macht. Applebaums frohe Botschaft aber lautet: "Die Menschen wer­den nicht so leicht zu 'totalitären Persönlichkeiten'."

Besprochen von Arno Orzessek

Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944 - 1956, Siedler Verlag, München 2013, 637 Seiten, 29,99 Euro

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