Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2008

Schrecken der Pubertät entzaubert

Ralph Dawirs, Gunther Moll: "Endlich in der Pubertät. Vom Sinn der wilden Jahre", Beltz Verlag 2008, 254 Seiten

Podcast abonnieren
Teenager sind wahre Helden der menschlichen Kulturrevolution, schreibt Ralph Dawirs. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Teenager sind wahre Helden der menschlichen Kulturrevolution, schreibt Ralph Dawirs. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Mit ihrem Buch "Hallo, hier spricht mein Gehirn" widmeten sich die Kinder- und Jugendpsychiater Ralph Dawirs und Gunther Moll der Entwicklung des kindlichen Gehirns. Jetzt befreien sie mit "Endlich in der Pubertät" diese Lebensphase von ihrem Negativ-Image.

"Endlich in der Pubertät" ist ein ungewöhnliches Sach- und Lesebuch. Aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven und auch mit sehr verschiedenen Sprachstilen nähern sich die beiden Autoren Ralph Dawirs und Gunther Moll der jugendlichen Sturm- und Drangzeit.

Da ist zum einen der fiktive 16-jährige Lukas, in dessen Tagebuch wir lesen dürfen. Zum anderen beschreibt sein Vater, ein Wissenschaftsredakteur, in zwölf Kolumnen, welchen Sinn die Pubertät in der Menschheitsgeschichte erfüllt und welchen anderen Raum zur Entfaltung Pubertierende angesichts dessen heute brauchten.

Eine spannende Mischung, die anfangs irritiert. Zumindest was die Tagebuchaufzeichnung betrifft. In schnöden Worten taucht der Leser da in die mitunter banal wirkende Welt eines Gymnasiasten ein, etwa wenn sich Lukas mit seiner Schwester um die Hilfe bei der Hausarbeit streitet, über seine Lehrer und zu schreibende Aufsätze meckert, seinen Eltern abringt, am Wochenende nicht mit zu den Großeltern fahren zu müssen, um sich mit seinen Freunden zu einer Party treffen zu können.

Wenn er an seine Schulfreundin Laura denkt, bemerkt er fremde körperliche Reaktionen. So also fühlt es sich an, kein Kind mehr zu sein. Dazu kommen für ihn neue Gedanken, zum Beispiel, wenn er das Zusammenleben der Eltern beobachtet: Wie dramatisch wäre für ihn der Bruch ihrer Ehe oder der Tod seiner Mutter. Doch schnell wird klar: das, was sich für erwachsene Leser unwichtig liest, berührt aus Lukas Sicht existentielle Nöte. Wonach der Junge - und damit steht er exemplarisch für alle Pubertierenden - sucht, ist sein Lebenssinn.

Diese Welt der 13-, 14-, 15-jährigen lebendig und wahrhaftig auszumalen, dazu scheinen Ralph Dawirs und Gunther Moll durch ihre Berufe prädestiniert. Beide arbeiten in der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit in Erlangen. Tagtäglich sind sie mit den psychischen Auffälligkeiten, Belastungen und Störungen im Kindes- und Jugendalter konfrontiert und sehen deutlich: Nicht die Mädchen und Jungen sind verkehrt, sie werden von den Erwachsenen falsch behandelt. Darüber moralisiert das Buch nicht. Vielmehr treiben die beiden Autoren die Leser durch die Verknüpfung der beiden Erzählstränge zu dieser Einsicht.

Dazu passen auch die vom Vater verfassten Texte. Auf jeweils fünf bis zehn dicht erzählten Seiten erfährt man, dass die Pubertät einer der Bausteine ist, der den Menschen letztendlich zum Menschen gemacht hat - neben dem aufrechten Gang. Und darin ist das Buch eine kleine Sensation. Es sieht die Pubertät nicht einfach als eine biologisch implantierte Respektlosigkeit, die zur Erlangung der Geschlechtsreife notwendig ist, sondern um einen nötigen Schritt auf dem Weg in den nächsten Generationenwechsel.

Eng verbunden vor allem mit seinen Eltern erwirbt sich ein Kind in den ersten zwölf Jahren eine enorme emotionale, soziale und kognitive Kompetenz und baut sich in seinem Hirn ein komplexes Netzwerk auf und um. Doch genau dieses Hirn erzeugt dann - und zwar gar nicht plötzlich, sondern vorbereitet - einen wahren Sturm von emotionalen Wechselbädern.

Dawirs und Moll vergleichen den Prozess der emotionalen Ablösung mit der Geburt. Ob er will oder nicht, wird der Jugendliche hinausgeworfen aus der heilen Welt. Er musst die enge Bindung zu den Eltern lösen, sich an anderen Bezugspersonen orientieren, denn nur dadurch wird der Fortschritt in der Gesellschaft vorangetrieben.

In diesem Sinne ist "Endlich in der Pubertät" von Dawirs und Moll auch ein politisches Buch. Es fordert, den Jugendlichen in allen Angelegenheiten - sei es in der Schule, im Elternhaus oder in der Kommune - mehr Teilhabe zu ermöglichen, denn sie sind die Kulturrevolutionäre unserer Zeit.

Rezensiert von Barbara Leitner

Ralph Dawirs/ Gunther Moll: Endlich in der Pubertät. Vom Sinn der wilden Jahre
Beltz Verlag, Weinheim 2008,
254 Seiten, 17,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur