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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2007

Schräges, postsozialistisches Roadmovie

Serhij Zhadan: "Depeche Mode". Roman. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 2007. 246 Seiten

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Die Synthie-Band Depeche Mode spielt eine Rolle im Roman. (AP Archiv)
Die Synthie-Band Depeche Mode spielt eine Rolle im Roman. (AP Archiv)

Vier Freunde müsst ihr sein, dann kann euch auch in der Ost-Ukraine nichts Schlimmes geschehen. Zumal, wenn ihr so sprechende Namen tragt wie Dog Pawlow, Wasja Kommunist, Sascha Zündkerze und Zhadan. Der letzte Name ist natürlich eine Ausnahme von der Regel der comicartigen Charakterisierung, der Ich-Erzähler heißt so wie der Autor.

Das Literaturwunderkind Serhij Zhadan, 1974 im ostukrainischen Starobilsk geboren und Verfasser von bereits elf Büchern Lyrik und Prosa, erzählt in seinem ersten Roman "Depeche Mode" von drei Freunden, die an vier Tagen im Juni 1993 nach dem fehlenden vierten suchen. Das 2004 erschienene Debüt wirft einen Blick zurück auf eine Ukraine, in der der Sozialismus vorüber ist, der Manchesterkapitalismus sich ankündigt, die Verwirrung komplett und die Suche nach dem Freund daher durchaus symbolisch zu verstehen ist.

Das zeigt schon das ungewöhnliche Personal des Road Movies "Depeche Mode": prügelnde Polizeibeamte, besoffene Wodka-Schmuggler, durchgeknallte Kleinkriminelle, ein amerikanischer Erweckungsprediger, ein bekiffter Roma-Dealer und eine, nur eine unschuldig-promiske Lolita. Denn noch spielen Liebe und Sex keine große Rolle. Die Herzen der Freunde schlagen für Alkohol in jeder Form sowie Tabak und Hasch, deren Konsum nach vorheriger Beschaffung durch Schmuggel, Betrug und Einbruch die Suche nach dem Freund recht kurzweilig gestaltet.

In der Mitte des Buches hören die Suchenden im Haus eines schwulen Chefredakteurs im "Superphono" eine Sendung über die "legendäre irische Volksmusikgruppe Depeche Mode", in der die Reste sozialistischer Ästhetik ("Dave beschließt, ein eigenes musikalisches Kollektiv zu gründen") heftig aneinandergeraten mit der souveränen Wurschtigkeit des Moderators.

Später blättert Zhadan in einem Band der "Bibliothek des fleißigen Werktätigen", worin die "humanitär-technische Abteilung des Donezker Gebietskomitees" der ukrainischen Kommunisten allerlei hilfreiche Hinweise zum Verständnis der "Prinzipien und Tendenzen der Entwicklung der sozialen Produktionsverhältnisse" gibt: von "1.1. Genosse! Stell Napalm her!" über "1.3. Genosse! Bastle dir einen Molotowcocktail!" bis zur Gasbombe unter 1.5.

Die Parodien und Travestien von eben noch ehrenwerten sozialistischen Texten, Motiven und Erklärungsmustern entfalten auch hierzulande erheblichen subversiven Charme. Dabei belässt es Zhadan jedoch nicht. Mit Genuss persifliert er die übliche Erzählweise: "Depeche Mode" bietet vier Prologe, ebenso viele Epiloge und schreitet mit Hilfe präziser Stundenangaben chronologisch voran. Bleibt den Freunden, die über den "Piep-Schnurzismus" so eloquent zu referieren vermögen wie über die Unmöglichkeit ehrlicher Geschäfte in der Ukraine, wirklich einmal die Spucke weg, dann steht da: "18.00-18.15. 18.15-18.45. 18.45-19.10". Natürlich kann man sich über das Versprechen des Romans, nichts als die Wirklichkeit zu bieten, weitaus theoretischer äußern.

Serhij Zhadan gelingt das Kunststück, aus hochtourigem Leerlauf höheren Blödsinn zu generieren. Der Roman ist eine einzige Lockerungsübung. Er lässt Traditionen und Autoritäten aller Couleur ungeheuer alt aussehen. Ziemlich souverän für einen Dreißigjährigen.

Rezensiert von Jörg Plath.

Serhij Zhadan: Depeche Mode
Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr
Edition Suhrkamp. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 2007
246 S., 10 Euro

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