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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.03.2009

Schräger Muntermacher

Mario Wiegands Gombrowicz-Oper "Operette" wurde in Osnabrück uraufgeführt

Von Frieder Reininghaus

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Szene aus "Operette" mit Anja Meyer (Albertinchen), Friedrich Witte (Ladislaus) und Marco Vassalli (Graf Charme). (Klaus Fröhlich /Theater Osnabrück)
Szene aus "Operette" mit Anja Meyer (Albertinchen), Friedrich Witte (Ladislaus) und Marco Vassalli (Graf Charme). (Klaus Fröhlich /Theater Osnabrück)

Der polnische Autor Witold Gombrowicz sah die Operette als "vollkommen theatralisches Theater" an und schrieb dementsprechend 1966 einen Text mit lauter Operetten-Zutaten, dem nur eines fehlte: die Musik. Die hat jetzt der Komponist Mario Wiegand besorgt aus lauter Operetten-Versatzstücken. In Osnabrück gab es jetzt die Uraufführung der Vertonung von Gombrowicz' "Operette".

Vor wenigen Wochen wurde im Palais Garnier, an der alten Großen Oper von Paris, "Yvonne, princesse de Bourgogne" uraufgeführt, eine Koproduktion der französischen Nationaloper mit der Brüsseler und den Wiener Festwochen unterm Szepter Luc Bondys. Der hatte auch den Text von Witold Gombrowicz eingerichtet. Mit Dörte Lyssewski schwieg und würgte in der Partie des Trampels, in das sich ein Kronprinz verliebt und die daher zur Prinzessin von Burgund erhoben wird, als Fehltritt aus der Welt geschafft werden soll, sich aber Gott sei Dank an einer Gräte verschluckt und erstickt.

Obwohl auch des Weiteren die zentralen Partien prominent besetzt waren - zum Beispiel die der Königin von Mireille Delunsch - gelangte das von Philippe Boesmans mit einer dahinplaudernden Musik versehene Schauspiel nicht über gepflegte Langeweile hinaus. Das Personal, die Konstellationen und der Hintersinn des Gombrowicz'schen spätfeudalen Absurdistan schienen sich aufs Altenteil begeben zu haben.

Doch nur eineinhalb Monate später kehrte diese besondere Form des theatralen Surrealismus mit jugendlichem Elan zurück. Mit grellen Blitzen des Erkenntniswerts und frisch-fröhlicher Wucht: Andrea Schwalbach inszenierte die Uraufführung der Oper "Operette" in Osnabrück in Nanette Zimmermanns von rechteckigen Öffnungen strukturierten Raum, in dem zunächst große Halbkugeln die Bühnenfläche erhöhen und das Spielen zwanghaft erschweren. Es mögen rigide beschnittene Parkbüsche sein oder halbierte Rumtrüffelkugeln, auf denen sich eine in jeder Hinsicht stark ausgehöhlte herrschende Klasse räkelt.

Die Szenenfolge führt deren Dekadenz-Erscheinungen drastisch vor Augen. Sie kokettiert mit dem sich vor Gott und der Welt und sich selbst ekelnden (daher ständig sich erbrechenden) Professor (Mark Hamman singt und kotzt trefflich). Die Sartre-Karikatur wird zur geistigen Triebfeder einer Revolution. Das Personal des verkommenen Feudalismus erscheint in Säcke verstaut und getarnt.

Aus den Verpackungen kommt die "neue Mode" zum Vorschein: Uniformierte, die an Nazi-Offiziere und Aufseherinnen, überhaupt die Ordnungsfaktoren der durchgestrafften Systeme erinnern: "Das ist der Wind der Geschichte." Schließlich - wie wunderbarlich ist doch diese Strafe - überleben die Mitglieder der abgestürzten Klasse als Lampe, Tisch und Pferd in den Ruinen des Schlosses. Irgendwie alles wie im 20. Jahrhundert mehr als real gehabt, nur leicht schräg.

Carin Marquardt bearbeitete den anspielungsreichen Text aus den 60er Jahren, in denen Gombrowicz aus dem argentinischen Exil nach Europa zurückkehrte und sich dann in Südfrankreich ansiedelte. Komponiert hat die Geschichte, die keine ist, sondern eine raffinierte Folge von Episoden, der 1970 in Karl-Marx-Stadt geborene Mario Wiegand: Zusammenkompiliert aus dekonstruierten Materialien, die bevorzugt der silbernen Ära der Operette entstammen, komponierte er eine stets situationsbezogene, punktgenaue neue Musik, die durch groteske und komische, ironische und nostalgische Gesten ihren Sinn und Hintersinn entwickelt. Manches erinnert in seiner Deutlichkeit und Drastik an funktionsgebundenen Tonsatz fürs Hörspiel. Die feinherb-schräge Ouvertüre wirkt, als zögen die Biermösl Blosn ins Opernhaus ein.

Der Osnabrücker GMD Hermann Bäumer lässt Schärfen und Schäbigkeit ebenso hervorheben wie fragile Schönheiten. Anja Meyer ist ein hinreißendes nacktheitssüchtiges Albertinchen, ein Kindweib des Lulu-Formats. Eva Schneidereit ein herrlich despotischer Modezar Fior. Marco Vassali ein Frauenmaulheld zum Küssen: Angesichts der fordernden Körperlichkeit der kleinen Albertine versingt und versagt er kläglich. Gegenüber Paris, Wien und Brüssel hat Operette in Osnabrück das weit prickelndere Stück und die entschieden angemessenere Gombrowicz-Musik bekommen.

Die Wiener Festwochen sollten, wenn ihnen der Sinn nach künstlerischer Qualität stünde, Luc Bondys Langeweiler gegen Wiegands Muntermacher auswechseln. Aber bevor dergleichen passiert, müsste an der schönen blauen Donau Revolution ausbrechen.

Operette
Oper(ette) in drei Akten
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Witold Gombrowicz
Musik von Mario Wiegand
Text eingerichtet von Carin Marquardt und Mario Wiegand

Premiere 7. März 2009, 19.30 - 21.30 Uhr im Theater am Domhof, Theater Osnabrück
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Regie: Andrea Schwalbach
Bühne und Kostüme: Nanette Zimmermann
Choreinstudierung: Peter Sommerer
Choreografie:Bärbel Stenzenberger

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