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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2007

Schonungslose Autobiografie

Eric Clapton: "Mein Leben", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 464 Seiten

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Eric Clapton (r.) bei einem Auftritt. (AP)
Eric Clapton (r.) bei einem Auftritt. (AP)

43 Jahre nach seinem ersten professionellen Liveauftritt, nach etlichen großartigen Bandprojekten, vielen wunderbaren Platteneinspielungen und zahllosen Welterfolgen legt der englische Gitarrist Eric Clapton seine Autobiografie unter dem Titel "Mein Leben" vor.

Darin berichtet der Musiker schonungslos über sein Leben am Rande von Drogen und Alkohol, weniger von herausragenden Plattenveröffentlichungen oder legendären Konzerten.

Dem Leser wird bei der Lektüre schnell klar, dass sich der Superstar mit diesem Buch eher einer weiteren Therapie unterzieht, als dass er daran gedacht hätte, sich und seine virtuosen künstlerischen Talente auf den Sockel zu stellen. Diese Autobiografie erzählt die Geschichte eines Künstlers, auf dessen Lebensweg Glück und Unglück sich immer die Waage hielten.

Nach vielen glücklosen Liebesbeziehungen, gescheiterten Ehen und zahlreichen schweren persönlichen und familiären Verlusten wie dem tragischen Unfalltod seines vierjährigen Sohnes Connor und dem allzu frühen Ende enger Freunde wie Jimi Hendrix, Steve Ray Vaughn oder George Harrison nahmen Mitte der achtziger Jahre Heroin und Alkohol den wichtigsten Platz in Claptons Leben ein.

Der geniale Instrumentalist war auf direktem Weg, Karriere und Leben unausweichlich zu zerstören, hätte er sich nicht durch mehrere Entzugsbehandlungen von den Drogen lösen können.

Als im Sommer 1965 an einer Londoner Hauswand das erste Mal "Clapton is God" stand, war eigentlich absehbar, dass die Karriere des derart herausgehobenen Gitarren-Talentes ungewöhnliche Wege nehmen würde. Er selbst empfand diese heldenhafte Verehrung als fremd, nahm die Wertschätzung aber stets gelassen.

Clapton hatte gerade bei John Mayall‘s Bluesbreakers seine ersten nachhaltigen Spuren hinterlassen und galt bereits in diesem frühen Stadium als einer der besten englischen Blues-Rockgitarristen. Doch selbst in dieser Band von Blues-Puristen fühlte er sich bereits nach kurzer Zeit unterfordert.

Dass Clapton sich für die folgenden Gruppen Cream und Blind Faith heute schämt, liegt weniger an dem veröffentlichten Songmaterial, sondern eher an der Tatsache, dass er sich hier einen marktschreierischen Super-Group-Stempel aufdrücken ließ. Beide Bands wurden vom Management auf Grund euphorischer Nachfrage auf endlos lange, entnervende Tourneen geschickt, wodurch musikalische Entwicklungen auf der Strecke blieben.


Dies führte Anfang der siebziger Jahre auch dazu, dass der umjubelte Superstar als Begleitmusiker in der zweiten Reihe mäßig bekannter Bands auftrat oder wie bei Derek & The Dominos unter anderem Namen spielte. Hier gelang dem empfindsamen Virtuosen mit "Layla" 1970 auch einer seiner wichtigsten Songs, doch bildete sich in dieser Phase - über die er im Buch bis ins kleinste Detail berichtet - auch sein größtes Lebensproblem heraus: die Flucht in Alkohol und harte Drogen.

Letztendlich hat sich Clapton an seiner Liebe zum Blues wieder aus dem Sumpf herausgezogen. Dass er aktuell nicht Frau und Kinder auf den ersten Platz in seinem Leben stellt, sondern den Gedanken, nie wieder Alkohol und Drogen zu verfallen, zeigt einen Menschen, der sich darüber im Klaren ist, bei einem Rückfall alles zu verlieren.

Eric Clapton hat mit seiner Autobiografie eine ebenso schonungslose wie eindrucksvolle Lebensgeschichte abgeliefert, die jedes bislang über ihn veröffentlichte Buch ins Abseits stellt. Es zeichnet nicht nur den Weg des erfolgreichen Musikers nach oder pflegt seinen eigenen Mythos als Ausnahmegitarrist, sondern lässt einen entlarvenden Blick hinter die Kulissen der Musikszene zu. Ein überzeugendes Buch!


Rezensiert von Uwe Wohlmacher


Eric Clapton: Mein Leben
Deutsch von Kristian Lutze und Werner Schmitz
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 464 Seiten, 19,90 Euro

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