Das Feature, vom 12.01.2021, 19:15 Uhr

Schöpfung mit der GenschereDie DNA-Revolution

Kaum eine biologische Entdeckung hat in den letzten zehn Jahren mehr Furore gemacht: Crispr/Cas9 lautet der Name der „Genschere“, mit der sich das Erbgut jeder Zelle gezielt verändern lässt. Für die Entdeckung erhielten Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2020 den Nobelpreis für Chemie.

Emmanuelle Charpentier hat die "Genschere" Crispr/Cas9 zusammen mit Jennifer Doudna entwickelt. Sie forscht am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. (Hallbauer & Fioretti)
Emmanuelle Charpentier hat die „Genschere“ Crispr/Cas9 zusammen mit Jennifer Doudna entwickelt. Sie forscht am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin (Hallbauer & Fioretti)

Verglichen mit Crispr/Cas9 gleicht bisherige Gentechnik dem Schrotschuss eines Blinden. Das neue Verfahren ist billig, ungleich präziser und verspricht die Möglichkeit den „Code des Lebens“ nicht nur in wenigen Pflanzensorten, sondern in jedem Lebewesen umzuschreiben. In vielen Branchen, von der Agrarindustrie, der Tierzucht bis zur Humanmedizin herrscht Aufbruchsstimmung. Firmen drängen auf schnellen Marktzugang und fordern Urheberschutz für ihre Neuschöpfungen.

Die französische Wissenschaftlerin Emmanuelle Charpentier erfand gemeinsam mit der US-Amerikanerin Jennifer Doudna 2012 die programmierbare Genschere. Damals forderten beide Forscherinnen ein weltweites Moratorium. Heute forscht sie am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. (Hallbauer & Fioretti)Emmanuelle Charpentier im Berliner Labor (Hallbauer & Fioretti)

Ungleich langsamer kommt die ethische und politische Debatte in Gang: Fällt Crispr/Cas9 überhaupt unter das Gentechnikgesetz? Sind Patente aufs Leben wünschenswert? Fällt das Tabu, das bislang Wissenschaftler vom Eingriff in die menschliche Keimbahn abhielt? Und: Welche gesellschaftlichen Folgen wird die DNA-Revolution haben?

Gefördert von der Film- und Medienstiftung NRW.

BildergalerieBeim Innovative Genomics Institute, IGI, in Berkeley wird an der Weiterentwicklung der Genschere geforscht. In den kleinen Reagenzgläsern befinden sich Tausende von Crispr/Cas9-Molekülen. Sie können die DNA in jeder Zelle durchschneiden.Megan Hochstrasser, Innovative Genomics Institute, Berkley, Kalifornien - Inzwischen kann jeder von seinem Computer zu Hause die Rekombination von Basenpaaren durchführen, neue Organismen programmieren und sie dann ganz einfach im Internet bestellen.Rüdiger Trojok ist ein Bio-Hacker, der in seinem Heimlabor neue Organismen erschaffen hat. Mit seiner selbst gebauten "Gen-Kanone" konnte er leuchtende Quallen-DNA in eine Zwiebelzelle schießen.Petrischalen von genveränderten Kartoffel-Zellkulturen. Auch in Deutschland arbeiten Saatgutfirmen mit den Genscheren. So werden Kartoffel- und Raps-Sorten verändert. Noch dürfen diese Produkte nicht angebaut werden.Dr Josef Pott vor eingefrorener Samenbank. Auch beim niedersächsischen Unternehmen Master-Rind, Europas größtem Zuchtbetrieb für Milchkühe, befürchtet Geschäftsführer Dr. Josef Pott, dass man den internationalen Anschluss verpasst.In großen Stickstoffbehältern werden gefrorene Embryonen bei -130 Grad gelagert. Experimente an diesen menschlichen Embryonen waren bislang in den meisten Ländern untersagt. Nicht nur in China werden rote Linien überschritten.

Die DNA-Revolution
Schöpfung mit der Genschere
Von Peter Kreysler

Regie: Claudia Kattanek
Es sprachen: Ralf Drexler, Stefko Hanushevsky, Fiona Metscher, Sascha Tschorn, Svenja Wasser, Bruno Winzen und Matthias Neukirch
Technische Realisation: Peter Harrsch und Theresia Singer
Redaktion: Thomas Nachtigall, Wolfgang Schiller
Produktion: WDR/Deutschlandfunk 2017

Peter Kreysler wurde 1967 in Tansania geboren. An der Sorbonne in Paris studierte er Französisch und Geschichte und arbeitete an unterschiedlichsten Radio-, Film- und Kunstprojekten. Er lebt in Berlin.

Die DNA-Revolution. Schöpfung mit der Genschere (PDF)

Die DNA-Revolution. Schöpfung mit der Genschere (Textversion)

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