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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2007

Schockierende Perspektiven

Yannik Monget: "Die Erde, morgen", Gerstenberg Verlag 2007, 192 Seiten

Die Wüste dehnt sich weiter aus (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Die Wüste dehnt sich weiter aus (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Er ist 27 Jahre jung und Geologiestudent, Yannik Monget; seit 2004 ist er in Frankreich als Autor von gesellschaftskritischen Science-Fiction-Romanen bekannt. Nun hat sich Yannik Monget auch unter die Sachbuch-Autoren gemischt.

Seinem Science-Fiction-Sujet allerdings ist er treu geblieben: In seinem ersten Sachbuch "Die Erde, morgen" entwirft Monget eine Zukunftsvision dessen, was passiert, wenn die Klimaveränderung unseres Planeten nicht gestoppt wird. Die französische Ausgabe des GEO-Magazines nannte das Buch ein "planetarisches SOS".

120 vierfarbige Illustrationen bietet das Buch; die meisten sind computergenerierte Animationen, die berühmte Plätze der Welt zeigen, und wie sie sich in 100 oder 200 oder mehr Jahren entwickelt haben könnten. Wobei es Monget bei den computergenerierten Animationen nicht in erster Linie um Wissenschaftlichkeit, sondern um den Schockeffekt geht. "Ich will schockieren.", sagte Monget in einem Interview. Auf dem Cover sieht man zum Beispiel den Berliner Reichstag in einer Steppenlandschaft.

"Die Erde, morgen" ist eine Reise um die Welt: die Tower Bridge in London, die im Packeis erstickt, das Hollywood-Zeichen über Los Angeles, zugewuchert von Schlingpflanzen. Aber das Buch bietet auch positive, natürlich utopische Visionen, zum Beispiel der Rote Platz in Moskau oder der Pariser Prachtboulevard Champs-Élysées als verkehrsberuhigte, begrünte Zonen. Die Computer-Animationen sind von unterschiedlicher Qualität, viele brillant, andere graphisch ein wenig reißerisch geraten. Äußerst spannend sind die zahlreichen Satteliten-Fotos, zum Beispiel eine Animation dessen, was in 100 bis 200 Jahren von Frankreich noch übrig bleibt, wenn der Meeresspiegel, wie tatsächlich in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen prognostiziert, deutlich ansteigt.

Neben den 120 Abbildungen bietet "Die Erde, morgen" auch ca. 70 Seiten Fließtext, inhaltlich hoch komprimierte, gebündelte Information, die sich durch Übersichtlichkeit auszeichnet. Wobei der wissenschaftlich fundierte Text nicht nur Zukunftsszenarien bis hin zum Aussterben der Rasse Mensch entwickelt, sondern auch eine historische und aktuelle Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Zustands unseres Planeten gibt, -eine perfekte Zusammenfassung jener Flut von Informationen, die wir aus den Medien kennen.

Abgerundet wird "Die Erde, morgen" durch ein Vorwort des Biochemikers Jean-Marie Pelt, Präsident des Europäischen Instituts für Ökologie und Umwelt, zu dem auch der WWF und Greenpeace gehören, was die wissenschaftliche Intention des Buches bestätigt.

Diverse Zitate berühmter Persönlichkeiten der Geschichte zum Thema Umwelt geben dem Buch eine sehr persönliche Note: aus Bibel und Koran, von Goethe, Karl Marx, Darwin oder dem Dalai-Lama: "Wenn Sie glauben, nichts großes ausrichten zu können, dann versuchen Sie mal mit einer Mücke einzuschlafen … und Sie werden sehen, wer den anderen am Schlafen hindert."

"Die Erde, morgen" ist ein Buch für Jedermann; das Buch erinnert an die im Moment sehr populären TV-Wissenschaftsdokumentationen, die gut animiert sind und so auch trockene Fakten gut transportieren. "Die Erde, morgen eignet sich perfekt als Begleitmaterial für den Unterricht an Schulen, weil es einen sinnlichen Zugang bietet, übersichtlich und fachübergreifend ist. In diesem Zusammenhang sollte man den für ein Buch mit 120 derartig brillanten farbigen Abbildungen äußerst günstigen Preis von 19.90 Euro loben.

Rezensiert von Lutz Bunk

Yannik Monget: Die Erde, morgen
Übersetzt aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Gerstenberg Verlag 2007
192 Seiten, 120 farbige Abbildungen, 19,90 Euro

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