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Breitband | Beitrag vom 19.06.2021

Schockbilder bei der Fußball-EMZwischen Betroffenheit und Voyeurismus

Moderation: Vera Linß und Marcus Richter

EM-Spiel Dänemark gegen Finnland: Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab. (picture alliance / Associated Press / Wolfgang Rattay)
Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab. (picture alliance / Associated Press / Wolfgang Rattay)

Als der dänische Fußballer Christian Eriksen beim EM-Spiel zusammenbrach, hielten die Kameras drauf. Das sorgte für viel Kritik – und eine Debatte darüber, was im Fernsehen gezeigt werden darf, was nicht. Was hätten die Sender anders machen können?

Der mediale Umgang mit dem Zusammenbruch des dänischen Spielers Christian Eriksen vor laufenden Kameras hat für viel Kritik gesorgt und die Frage aufgeworfen: Wie berichtet man eigentlich im Fernsehen über so ein dramatisches Geschehen  – vor allem, wenn man nicht auf eigene Kameras zurückgreifen kann?

Denn eigentlich gibt es durchaus Standards, wie mit solchen Krisensituation umgegangen werden soll. Allerdings ist es nicht einfach, diese einzuhalten, wenn der jeweilige Sender nicht entscheiden kann, was gezeigt wird. Denn das ZDF, das an diesem Tag das Spiel in Deutschland übertrug, bekam das Fernsehsignal von der UEFA – der sogenannten Weltregie – angeliefert.

Entscheidung nach zweierlei Maß?

Und diese zeigte unter anderem auch Bilder von der verzweifelten Frau von Eriksen. Nach massiver Kritik daran, verteidigte sich der Regisseur der Bilder und sagte der französischen Sportzeitung "L'Equipe": "Wir haben die Trauer und die Verzweiflung der Menschen gezeigt. Wir haben in diesem Moment größter Beunruhigung auch eine Einheit gespürt. Das musste übermittelt werden."

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Gleichzeitig gibt es Fälle, in denen ganz anders entschieden wurde: Beispielsweise als einige Tage später ein Greenpeace-Fallschirmspringer ungeplant im Stadion landete. "Bei solchen Sachen oder auch wenn mal ein Flitzer über das Spielfeld läuft, schaltet die Weltregie sehr schnell weg", sagt der Sportjournalist Klaas Reese. "In diesem Fall, wo es aber Emotionen gab, die weinende Freundin, hat der Regisseur sozusagen nach dem Drehbuch, was die UEFA ihm an die Hand gegeben hat, weiter gefilmt. Und da finde ich schon, dass die Regularien dringend angepasst werden müssten."

Ähnlich sieht es Jessica Heesen, Medienethikerin an der Universität Tübingen. Sie empfiehlt, sich in die Position derjenigen zu versetzen, die gefilmt werden – beispielsweise die Freundin Christian Eriksens. "Es gibt ja auch ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Betroffenen – und das muss man sich eben kritisch fragen. Möchte man gerne, dass das Leiden, das in dem Moment ja stattgefunden hat, dann weltweit dokumentiert wird und immer wieder reproduziert wird?!"

Wann wurde zurück ins Studio geschaltet?

Immerhin: Die jeweiligen Sender, die das Spiel übertrugen, hatten auch einen gewissen Entscheidungsspielraum. Schließlich konnten sie die Bilder kommentieren – oder sich entscheiden, aus dem Stadion ins Studio zu schalten. Das geschah bei der BBC erst nach 15 Minuten. Das ZDF wechselte nach fünf Minuten. "Quälend lange", meint der Sportjournalist Klaas Reese. Andere Beobachter fanden die Entscheidung durchaus verantwortungsvoll.

Auch für den ZDF-Fußballkommentator Béla Réthy keine einfache Situation, zumal er selbst ja nicht wissen konnte, was genau geschehen war: Er entschied sich daher, zu schweigen und die Bilder für sich sprechen zu lassen. Eine angemessene Reaktion, findet Medienethikerin Heesen. "Da wird natürlich erstmal geguckt: Was ist da los? Und bis man das erst einmal erfasst hat, dass es um eine existenzielle Situation geht, das ist ja ganz klar, dass man da nicht sofort abschaltet und sofort richtig reagieren kann."

Selbstkritik und Debatte in den Medien

Dass nun in den Medien selbst über den Umgang diskutiert werde, sieht sie positiv. Es sei immer das Beste, wenn die Medien sich selbst gegenüber kritisch zeigten. "Es gab in den sogenannten Qualitätsmedien ja auch relativ viel Berichterstattung dazu und natürlich dann auch in den sozialen Medien – und viele, die sich dann auch beschwert haben." Diese Kritik sei aber nicht einfach so stehengeblieben. "Sondern es war dann eben auch Gegenstand der öffentlichen Debatte und das ist ja dann auch gut so." 

(Vera Linß / lkn)

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