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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.11.2007

Schock in Bayreuth

Festspiel-Kenner Wolf-Dieter Peter zum Tod von Gudrun Wagner

Moderation: Matthias Hanselmann

Gudrun Wagner, aufgenommen vor dem Festspielhaus zur Eröffnung der Wagner-Festspiele in Bayreuth am 25. Juli 2007. (AP)
Gudrun Wagner, aufgenommen vor dem Festspielhaus zur Eröffnung der Wagner-Festspiele in Bayreuth am 25. Juli 2007. (AP)

Als eine bis zuletzt fitte und energische Frau beschreibt Opern- und Bayreuth-Kenner Wolf-Dieter Peter die überraschend verstorbene Gudrun Wagner. Die Organisation der Wagner-Festspiele habe vor allem in ihren Händen gelegen, während sich ihr Mann Wolfgang Wagner ganz der künstlerischen Seite widmen konnte.

Matthias Hanselmann: Vor gut 20 Minuten erst wurde uns gemeldet, dass Gudrun Wagner, die Ehefrau des Bayreuther Festspielleiters Wolfgang Wagner, gestorben ist. Sie starb überraschend heute Morgen im Alter von 63 Jahren, so gab es die Pressestelle der Festspiele bekannt. Und das heißt, selbst für das nähere Umfeld sei der Tod offensichtlich völlig überraschend gekommen. Wir sprechen mit Wolf-Dieter Peter, unserem Opern- und Bayreuth-Experten in München. Guten Tag, Herr Peter!

Wolf-Dieter Peter: Schönen guten Tag!

Hanselmann: Völlig überraschend, würden Sie das auch so sehen als Insider?

Peter: Ja, denn sie war eine sehr fitte Frau, die sehr, sehr energisch auftrat. Auch im letzten Festspielsommer und auch letztes Jahr, als ich mit ihr gesprochen habe, da war eigentlich nirgendwo sichtbar, dass eine Krankheit sie einschränkt. Man sprach in den Bayreuther Kreisen gelegentlich davon, dass sie die hohe Anspannung und den wirklichen Stress, den so ein Festival mit sich bringt, gelegentlich mit Alkohol gedämpft hat, aber das war nicht etwas, was ein wirkliches Krankheitsbild nach außen hin dargestellt hat. Also ich bin auch überrascht.

Hanselmann: Das heißt also, auch ihr Ehemann und ihre Tochter dürften nicht geahnt haben, dass das so schnell geht?

Peter: Nein, ich denke mir, sie war ja diejenige, die der Motor hinter der Bewerbung Katharinas war. Sie war diejenige, die mir im persönlichen Gespräch gesagt hat: Wissen Sie, jetzt zahlt sich aus, dass ich die Katharina von Kleinkind an eben vorbereitet habe auf diese Musiktheaterkarriere. Also sie musste Klavier spielen, und da gab es natürlich Tränen, und ich habe das Kind ganz streng erzogen und habe gesagt, nein, du gehst erst raus, wenn du noch die eine Stunde geübt hast. Und jetzt kann die Katharina eben Partituren lesen und ist musikalisch sicher. Und ich habe sie mit ins Theater genommen und habe dafür gesorgt, dass sie anfängt zu lesen und eine breite Bildung kriegt. Also sie war sehr auf diese Tochter und auf diese Erziehung des Kindes, also auch auf diese Mutterrolle fixiert.

Hanselmann: Das kann Katharina, obwohl sie erst knapp unter 30 Jahre alt. Herr Peter, Sie haben Gudrun Wagner persönlich kennengelernt, seit vielen, vielen Jahren sie immer mal wieder getroffen. Was war sie für Sie für eine Frau?

Peter: Ich hatte meine erste Begegnung als ganz junger Journalist, als ich eigentlich auch ein bisschen schüchtern ins Bayreuther Pressebüro 1965 hineingegangen bin, und da saß mir eine fesche Sekretärin gegenüber, und ich habe ihr von meiner großen Verehrung für Wieland Wagner und da hat sie sehr erfreut gelächelt, weil sie auch damals Wieland Wagner sehr geschätzt hat. Sie hat in dieser Zeit für den Bruder vom jetzigen Festspielleiter Wolfgang, eben für Wieland Wagner, gearbeitet. Und von da an begann eine freundliche Beziehung. Ich habe das durchaus ein bisschen intensiviert, indem ich ihr im nächsten Jahr sehr, sehr schöne Blumen mitgebracht habe, diese blauen Lauchkugeln, die Wieland Wagner mal in einer Meistersinger-Inszenierung verwendet hat. Und wir haben beide dann, nachdem Wieland tot war, darüber gelächelt und haben gesagt, ja, gell, das war damals und so. Insofern begann da eine nette kleine Beziehung zu ihr. Sie hat dann Dietrich Mack geheiratet, den Dramaturgen am Festspielhaus, und war weiter im Festspielhaus tätig. Und als sich Mack von Bayreuth getrennt hat, ist sie wohl doch so fest an Bayreuth gebunden gewesen schon innerlich, dass sie die Ehe geopfert hat und sich hat scheiden lassen. Und dann folgte eben die Heirat 1976 mit Wolfgang Wagner. Das war sicher intern ein bisschen Klatsch und Tratsch und natürlich auch ein bisschen gehässig kommentiert worden, dass sich die Sekretärin jetzt mit dem Chef zusammengetan hat. Aber sie war natürlich da schon zehn Jahre lang im Haus jemand, der alles kannte und der in Bayreuth geblieben ist und nicht nur im Sommer dort gearbeitet hat. Und sie wuchs dann jetzt in diesen letzten 30 Jahren wirklich zu der zentralen Arbeitskraft, die alle Bereiche beherrscht. Da konnte Wolfgang also sich eher mit den Künstlern und der Szene oder mit Sängern befassen, sie war die Organisatorin, sie war diejenige, die am Telefon viele Terminabsprachen oder mit Agenturen Verhandlungen geführt hat. Also da war sie schon die zentrale Figur. Und das ist sicher ein Verdienst, das man auch mal festhalten muss, dass da jemand sein ganzes Leben für Bayreuth, für diesen Festspielort sozusagen eingerichtet und in Teilen sicher auch geopfert hat.

Hanselmann: Dieser Motor, diese zentrale Figur fällt jetzt weg, und natürlich denkt man sofort an die Diskussion um die Nachfolge von Wolfgang Wagner, um die sich ja Katharina, also die Tochter von Gudrun beworben hat. Was glauben Sie, was wird da in Bewegung geraten?

Peter: Also es ist sicher ein Moment der Verwirrung für uns alle. Es ist ein bisschen, denke ich mir, die Schwächung der Position von Katharina, aber in ihrem letzten großen Interview hat Gudrun Wagner in der "Münchner Abendzeitung" gesagt, das ist eine Sache von Argumenten, wer sich da jetzt durchsetzen wird. Und ich denke mir, so müssen wir im Augenblick jetzt auch verbleiben und müssen sagen, jawohl, es ist eine Sache von Argumenten, wer von den drei Damen eventuell kommen wird.

Hanselmann: Vielen Dank.

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