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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.09.2011

Schmerz, Wut und Sehnsucht

Tina Soliman: "Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen", Klett-Cotta, 196 Seiten

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Verlassen oder selbst gegangen? Beide Parteien einer totalen Trennung haben ihre Geschichte. (AP)
Verlassen oder selbst gegangen? Beide Parteien einer totalen Trennung haben ihre Geschichte. (AP)

Um zu verstehen, warum jemand wortlos geht, müssten beide Seiten tief in die Beziehungsgeschichte hineinsehen und sich selbst in Frage stellen. Tina Solimann erforscht das Phänomen des plötzlichen Kontaktabbruchs in menschlichen Beziehungen.

Die Schwestern waren einander seit der Kindheit innig verbunden. Dann brach Claudia den Kontakt zu Ute ab. Aus heiterem Himmel, sagt Ute. Es vergeht kein Tag, an dem Ute ihre Schwester nicht vermisst.

In ihrem Buch "Funkstille", das auf eine TV-Dokumentation zurückgeht, forscht die Journalistin Tina Solimann dem Phänomen des plötzlichen Kontaktabbruchs in menschlichen Beziehungen nach – den Geschwistern, die ohne ein Wort verschwinden, den Söhnen, die ihren Müttern jedes Telefonat verweigern, den Geliebten, die plötzlich abtauchen. Bei über hundert Betroffenen hat die Journalistin recherchiert, sieben Geschichten fanden Eingang in das Buch. Ausführlich kommen die Verlassenen zu Wort, bevor die Verschwundenen ihre Sicht schildern. Weitere Kapitel ergründen die Motive des Gehens, das Schweigen als Kommunikationsform und suchen nach psychologischen und gesellschaftlichen Erklärungen.

Eines durchzieht Tina Solimans Buch wie ein roter Faden: der immense Schmerz, der mit dem wortlosen Verschwinden einhergeht. Ein Beispiel ist Stephan, dessen Freundin die gemeinsame Wohnung verließ, ohne sich für eine Aussprache zur Verfügung zu stellen. Seitdem hängt Stephan fest in Gefühlen von Wut und übergroßer Sehnsucht; jeder Neuanfang mit einer anderen Frau scheint blockiert. Genau das ist der Sinn des Verschwindens, arbeitet die Autorin heraus: Es geht eben nicht um die klare Beendigung einer Beziehung, sondern die als unlösbar empfundenen Probleme des Miteinander werden per Schweigen als solche markiert und offen gehalten wie eine chronische Wunde. Um zu verstehen, warum jemand wortlos geht, müssten beide Seiten tief in die Beziehungsgeschichte hineinsehen und sich auch selbst in Frage stellen. Doch während die Abbrecher auf ihrem Opferstatus beharren, fehlt den Verlassenen oft jede Fantasie, sich in den Schweigenden hineinzuversetzen.

In dem Kapitel "Biografische Fragmente" macht Tina Solimann beeindruckend vor, wie solch eine Tiefen-Analyse aussehen könnte. Und auf einmal werden die harten Geschichten mehrdimensional und wir lernen beispielsweise eine Claudia kennen, die den Schmerz über ihre kleine Tochter, die an einem Gehirntumor starb, nie verwand. Weil sie selbst nicht glücklich werden konnte, musste sie die heile Welt ihrer Schwester – die das Ausmaß ihres Verlustes nicht begreifen konnte – zurückweisen.

Tina Solimann schneidet die Lebensberichte der Betroffenen mit genauen und klugen Kommentaren von Psychologen und Paartherapeuten gegen. Auch ihre eigenen Beobachtungen und manchmal sogar die Gespräche mit Kamerafrau und Redakteur webt sie ein. Die vielen Ebenen machen das Buch lebendig, bisweilen wirkt es aber auch gestückelt; hier wünschte man sich großzügigere Gedankenbögen. Wo Tina Solimann ihre eigene Stimme findet – etwa in den Abschlusskapiteln, die den Beziehungsabbruch als Symptom einer beinahe schon krankhaft auf Flexibilität setzenden Gesellschaft reflektieren – gerät ihr Buch sprachlich und inhaltlich am stärksten.

Besprochen von Susanne Billig

Tina Soliman, Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen
Klett-Cotta, Stuttgart 2011
196 Seiten, 17,95 Euro

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