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Lesart | Beitrag vom 17.07.2021

Schmähungen in der AntikeÄsthetische Form mit derbem Inhalt

Dennis Pausch im Gespräch mit Christian Rabhansl

Eine Statue im belgischen Justizpalast in Brüssel stellt den antiken römischen Staatsmann Cicero dar. (dpa / belga / Jean-Luc Flémal)
Der römische Staatsmann Cicero hatte den Ruf, virtuos austeilen zu können. Für seine effektiven Kaiser-Schmähungen musste er mit seinem Leben bezahlen. (dpa / belga / Jean-Luc Flémal)

Die hohe Kunst der eloquenten Beleidigungen in der Antike hat der Philologe Dennis Pausch in einem Buch untersucht. Und dabei festgestellt, dass es mitunter erstaunliche Parallelen zum heutigen Deutschrap gibt.

In der Antike hätten sich die Beleidigungen und Schmähungen des Gegners oder politischen Opponenten oft auf deren angebliche moralische Schwächen oder fehlende Selbstbeherrschung bezogen, sagt der Philologe Dennis Pausch, der in seinem Buch "Virtuose Niedertracht" die Schmähkultur in dieser Zeit untersucht hat. Deswegen seien Begriffe wie Lüstling oder Vielfraß besonders beliebt gewesen.

Studium der Tadelrede in der Rhetorikschule

Die Kunst der virtuosen Beleidigung sei zum Teil auch in den berühmten Rhetorikschulen gelehrt worden. Neben dem Üben von Lobreden habe man nämlich auch den Tadel trainiert. "Es ist ein interessanter Unterschied zu unserer Zeit, dass man davon ausgehen kann, dass innerhalb der Oberschicht, die diese Schulbildung und rhetorische Ausbildung genossen hat, eigentlich alle Beteiligten über ein gewisses Grundwissen in Sachen Schmähung und Beleidigung verfügt haben."

Besonders antike Politiker hätten kein Blatt vor den Mund genommen, sagt Pausch. "Wir sehen auch, dass Dichter Schmähgedichte aufeinander und auf andere Zeitgenossen und Politiker geschrieben haben."

Beschränkte Meinungsfreiheit in Rom

Im antiken Rom hätte es theoretisch Möglichkeiten der juristischen Gegenwehr gegeben. "Aber da war man als Politiker nicht gut beraten, den Gerichtsweg zu beschreiten. Man musste das entweder aushalten können oder noch besser: Man musste entsprechend virtuos zurückschlagen können."

Je nach Epoche hätten die beleidigten Mächtigen unterschiedlich auf Schmähungen reagiert. In der römischen Kaiserzeit seien die Herrscher zunehmend juristisch dagegen vorgegangen und hätten die Meinungsfreiheit und damit die Freiheit der Schmähungen eingeschränkt.

"Der Begriff der Majestätsbeleidigung kommt aus dieser Zeit und ab da wird es dann auch gefährlich für die Autoren, sich mit den Mächtigen anzulegen. Die Folgen sind dann in der Regel Verbannung des Autors und Verbrennung seiner Schriften." Der römische Politiker Cicero habe sogar mit seinem Leben für seine Opposition und seine Schmähungen des Kaisers Marc Anton bezahlen müssen.

Parallelen zur aktuellen Rapkultur

Neben den feinen und virtuosen habe es in der Antike aber auch so brachiale und ordinäre Beleidigungen gegeben, dass Übersetzer sich geweigert hätten, sie ins Deutsche zu übertragen und sie im Lateinischen belassen hätten, sagt Pausch. Das hat er in seinem Buch nicht getan.

Es sei für ihn eine Herausforderung gewesen, das zu übersetzen und sich damit möglicherweise dem Vorwurf auszusetzen, die Beleidigungen gut zu finden. "Das möchte ich nicht, aber ich fände es auch nicht richtig, diesen Teil der antiken Literatur zu verschweigen oder auszublenden, sondern wir müssen auch damit einen Umgang finden. Und ich glaube sogar, dass uns das ermöglicht, Bezüge zwischen unserer Zeit und der Antike herzustellen."

Die verbale Gewalt, das Männlichkeitsbild und die sexuellen Fantasien in den antiken Schmähungen seien beispielsweise in vielerlei Hinsicht mit heutigem Deutschrap vergleichbar.

"Es sind die Zusammenhänge von Rollenerwartungen, gerade an männliches Verhalten, die in der Herabsetzung von Konkurrenten münden und diese Verbindung aus Kunstfreiheit und Schmähfreiheit. Es sind ja tatsächlich sehr formvollendete, zum Teil sehr streng gebaute Gedichte, die für sich in Anspruch nehmen können, Kunst zu sein, aber in ihren Inhalten eine Gratwanderung suchen und Tabus brechen. Da hat man tatsächlich große Überschneidungen, was die Idee angeht, eine sehr ästhetische Form mit einem sehr derben Inhalt zu verbinden."

(rja)

Dennis Pausch: "Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike"
C.H. Beck Verlag, 2021
223 Seiten, 22 Euro

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