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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.11.2015

Schloss NeuschwansteinHöhepunkt bajuwarischer Kitschkultur

Von Michael Watzke

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Schloss Neuschwanstein bei Schwangau im Ostallgäu am 14.10.2007. Das auch als Märchenschloss bezeichnete Gebäude wurde im Auftrag von König Ludwig II. von Bayern im 19. Jahrhundert errichtet. (dpa / Stefan Puchner)
Das Schloss Neuschwanstein bei Schwangau im Ostallgäu (dpa / Stefan Puchner)

Neuschwanstein - für die Fans des bayerischen Märchenkönigs Ludwig klingt ein verzückender Ort. Disney diente das Schloss als Vorlage für Märchenfilme und als Blaupause für sein Firmenlogo. Für Spötter dagegen steht Neuschwanstein für Guck-und-Knips-Tourismus. Ein Besuch vor Ort.

Mein lieber Schwan – denkt sich der Neuschwanstein-Besucher, wenn er am Fuße des König-Ludwig-Traumschlosses durch die Souvenir-Läden schlendert. Lohengrin hätte eine Gänsehaut bekommen bei so viel bajuwarischem Kitsch. Da gibt es jodelnde König-Ludwig-Maßkrüge, sprechende König-Ludwig-Bussibären und rot leuchtende König-Ludwig-Gartenzwerge.

Es schwant einem Übles auf dem Weg zum angeblich romantischsten Schloss der Weltgeschichte. "Hey Daddy", hört man vor dem Eingangstor den amerikanischen Sohn zu seinem Vater fragen: "Warum haben die das Cinderella-Schloss aus Disneyland hier nachgebaut?" Die japanischen Touristen wissen natürlich, dass der Kini - also König Ludwig der Zweite - das Schloss kurz vor der Eröffnung von Disneyland erbauen ließ. 1886 zog der Richard-Wagner-Verehrer ein – zu den schwermütigen Klängen von Lohengrin.

Eine Königstreue hält am 18.08.2013 während des Patriotentreffens des Verbandes der Königstreuen in Gammelsdorf (Bayern) im Rahmen der Feier zur "Schlacht bei Gammelsdorf" vor 700 Jahren eine Holztafel mit dem Bild von König Ludwig II. (dpa / Lukas Barth)König Ludwig II. von Bayern und eine seiner Verehrerinnen (dpa / Lukas Barth)

Freistaat möchte Neuschwanstein zum Weltkulturerbe erklären

Der Kini scheint eine Vorahnung gehabt zu haben. Nur wenige Monate später ertrank König Ludwig im Starnberger See – unter mysteriösen Umständen. Heute würde er sich wohl im nassen Grabe umdrehen, wenn er die Musik hören könnte, die sie vor den Souvenirständen von Neuschwanstein spielen.

Ach, Du liebes Bayernland. Die Staatsregierung hat Schloss Neuschwanstein kürzlich bei der UNESCO angemeldet - als Weltkulturerbe-Stätte. Bevor die Entscheidung fällt, sollte Bayerns Ministerpräsident Seehofer noch einmal durch die Andenkenbudenstraße ziehen wie einst Jesus durch den Tempelberg. Und mal ordentlich aufräumen. Zum Beispiel mit der König-Ludwig-Schneekugel mit eingebauter Schüttelkuh.

So wird das nichts mit der Weltkulturerbe-Bewerbung. Neuschwanstein – das steht für bajuwarischen Größenwahn, für finanzielle Fantasterei, für ruinöse Ritter-Romantik. Neuschwanstein – das ist die Elb-Philharmonie des 19.Jahrhunderts.  Darf dieses Monument des genialen Irrsinns wirklich zum Alpen-Disneyland verkommen?

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