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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.08.2015

Schleuserkriminalität"Wir kreieren jeden Tag eine neue humanitäre Katastrophe"

Karl Kopp im Gespräch mit Ute Welty

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Tausende Flüchtlinge stehen in der Nähe von Miratovac in einer Schlange (picture alliance / dpa / Djordje Savic)
Flüchtlinge in der Nähe des serbischen Grenzortes Miratovac (picture alliance / dpa / Djordje Savic)

Nach dem Tod zahlreicher Flüchtlinge in einem LKW in Österreich ertönt der Ruf nach verschärften Maßnahmen gegen Schlepper. Karl Kopp von Pro Asyl fordert stattdessen, den Menschenhändlern endlich die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fordert statt verschärftere Maßnahmen gegen Schlepperkriminalität legale Wege für Flüchtlinge nach Europa zu organisieren.

"Wenn Schlepper gefasst werden, sind das oft kleine Fische: Fahrer, Kapitäne", sagte Pro Asyl-Europareferent Karl Kopp im Deutschlandradio Kultur angesichts der  Flüchtlingstragödie in Österreich, bei der 71 Menschen in einem Schlepper-Lastwagen ums Leben kamen, der von Ungarn nach Österreich gekommen war. Die Hintermänner würden kaum gefasst. Auch eine schärfere Verfolgung und Bestrafung von Schleppern bringe für die Flüchtlinge nichts. Das Grundproblem der Schlepperei sei vielmehr, dass es "für Flüchtlinge keine legalen Wege gibt", so Kopp, der die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl auch im Europäischen Flüchtlingsrat ECRE (European Council on Refugees and Exiles) vertritt.

Um den Schleppern die Grundlage zu entziehen und das Sterben von Flüchtlingen an Europas Außengrenzen und "selbst im Zentrum der Europäischen Union" zu beenden, müssten legale und gefahrlose Wege eröffnet werden, sagte Kopp. Die Schlepperindustrie lebe davon, dass die europäischen Staaten sich verschließen und Flüchtlinge fast nur illegal nach Europa kommen können: "Es gibt keinen Weg, nicht mal von Budapest, innerhalb der Schengen-Zone, der legalen Weiterreisemöglichkeit nach München oder sonst wohin," sagte Kopp.

"Europa versagt"

"Europa muss die Einreise organisieren", betonte Kopp angesichts von Flüchtlingstrecks, bei denen Menschen obdachlos und ohne Wasser in der Ägäis und in Mazedonien Richtung Zentraleuropa laufen: "Wir können live zuschauen, wie Familien mit Babys auf den Schultern durch Europa laufen, um Schutz und Menschenwürde zu finden. Wir kreieren jeden Tag eine neue humanitäre Katastrophe, Europa versagt", sagte Kopp.Die großen europäischen Staaten müssten endlich reagieren und "die Einreise organisieren. Wir können nicht warten, bis die nächste Katastrophe passiert", forderte Kopp.

Der Vorschlag der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini im Kampf gegen Schlepperbanden auf dem Mittelmeer auch Boote zu zerstören, mit denen Flüchtlinge transportiert werden, hält Kopp für falsch. Boote zu bombardieren treffe lediglich Fischer und einfache Leute.

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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Härter gegen Schleuser und Schlepper vorgehen – immer wenn Menschen auf der Flucht sterben, wird diese Forderung erhoben. Nun sind aber schon sehr viele gestorben, sei es auf dem Mittelmeer, sei es im Laderaum eines Lkw, und offenbar ist es einfacher, diese Forderung zu erheben, als sie in die Tat umzusetzen. Darüber spreche ich jetzt mit Karl Kopp. Er ist Europabeauftragter bei Pro Asyl, das bedeutet, er vertritt Pro Asyl im Europäischen Flüchtlingsrat und er sorgt für die Vernetzung mit anderen Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen. Guten Morgen, Herr Kopp!

Karl Kopp: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Inzwischen vier Festnahmen hat es gegeben, nachdem mehr als 70 Tote in einem Lkw kurz vor Wien gefunden worden sind. Wie und weswegen können die Festgenommenen belangt werden?

Kopp: Gut, wir wissen nicht, ob sie die Schuldigen sind, aber da ist ein schweres Verbrechen passiert, 71 Menschen, Flüchtlinge, sind grauenhaft gestorben, erstickt, und jetzt gibt es Tatverdächtige. Das ist eine polizeiliche Arbeit, die müssen zur Rechenschaft gezogen werden, da gibt es überhaupt keine Debatte. Aber das Grundproblem: Wir wissen nicht, welche Leute das sind. Wenn Schlepper festgenommen werden, Fluchthelfer, kommerzielle, dann sind es meist kleine Fische. Es sind vielleicht Fahrer, es sind kleine Kapitäne, aber die Hintermänner, die Menschen, die das große Geld verdienen, die werden kaum gefasst, weil die sehr im Trockenen, vielleicht in einem Bürohochhaus irgendwo in der Welt sitzen. Das Grundproblem ist, dass diese schlimmen Dinge ... dieses Sterben, dieses massenhafte Sterben vor unseren Grenzen und jetzt auch im Zentrum der Europäischen Union hat damit was zu tun, weil es eben für diese Leute keine legalen Wege gibt. Man muss sich einfach vorstellen, da steigen Leute in Budapest ein in diesen Kühlwagen und sterben – in Budapest. Wir fahren für 50 Euro nach Deutschland mit dem Zug, die Menschen können nicht mit dem Zug fahren, weil es gibt Kontrollen, sie werden rausgeholt, es gibt keinen Weg, nicht mal von Budapest, innerhalb der Schengenzone, legale Weiterreisemöglichkeiten nach München oder sonst wohin.

Welty: Das heißt, Sie sind definitiv für eine Legalisierung der Einreise?

"Um das Sterben zu beenden müssen wir legale Wege eröffnen"

Kopp: Es gibt keinen anderen Weg. Um das Sterben an den Außengrenzen zu beenden, müssten wir legale und gefahrenfreie Wege eröffnen. Das sagte gestern auch die österreichische Innenministerin Mikl-Leitner. Die hat vielleicht noch andere Vorschläge, die wir nicht teilen ...

Welty: Die haben wir gerade hört, ja.

Kopp: Das ist mittlerweile Konsens. Ich kann das Sterben im Mittelmeer, in der Ägäis, nur beenden, dass die Menschen schon vorher die Zusage haben, ihr könnt legal einreisen. Und jetzt kommt der nächste Schritt: Wir schauen seit Wochen live zu, wie Menschen in Kos ankommen oder auf Lesbos – über knapp 200.000 Menschen sind es mittlerweile –, dann irgendwo in Athen, in Thessaloniki, an der Grenze zu Mazedonien, obdachlos sind, laufen einen Elendstreck Richtung Zentraleuropa. Wir schauen zu, wir sind live dabei. Wieso wird diese Reise nicht organisiert, wieso kreieren wir jeden Tag eine neue humanitäre Katastrophe?

Welty: Viel diskutiert wurde ja auch über den Vorschlag der EU-Außenbeauftragten, Boote zu zerstören, mit denen Flüchtlinge transportiert werden. Auch wenn es daran viel Kritik gab, müsste man diesen Weg nicht auch weiterverfolgen, dass man eben auch an die Mittel herankommt und nicht nur an die Mittelsmänner?

Kopp: Auch da ist es so, wenn man Boote bombardiert oder zerstört, trifft man überwiegend Flüchtlinge, Fischer, einfache Leute, und das Grundproblem ist immer: Die Geschäftsgrundlage der Schlepperindustrie ist, dass sie was anbieten, was Europa nicht anbietet, nämlich den Zugang nach Europa. Und dabei sterben viele Menschen – 2.500 in diesem Jahr, 2.500 in diesem Jahr bereits im zentralen Mittelmeer. Was wir brauchen, ist, dass die Leute nach Europa legal kommen – sie kommen eh. Die Schutzkapazitäten auf der anderen Seite sind zu Ende, es gibt keinen Schutz mehr. In Libyen so ähnlich, ein zerfallener Staat, in der Türkei geht es nicht weiter im fünften Jahr des Bürgerkriegs für syrische Flüchtlinge. Sie ziehen jetzt weiter, weil es keine Chance auf Rückkehr und Schutz gibt. Und wir müssen es organisieren, Europa muss es organisieren, und wir wissen, dass Europa nicht existent ist in der Flüchtlingsfrage. Europa funktioniert bei der Abwehr, beim Zaunbau, bei dem Krieg gegen Schlepper, der nichts bringen wird für die Betroffenen. Was fehlt, sind legale Wege. Das muss man immer und immer wieder sagen ...

Welty: Trotzdem gilt ja auch das, was die Kanzlerin gesagt hat: Nicht alle können kommen und nicht alle können bleiben.

"Europa versagt"

Kopp: Jetzt reden wir von 200.000 Menschen, die in der Ägäis angekommen sind. Sie kommen in der Ägäis an, weil die Landwege zu sind, 200.000 Menschen, überwiegend aus Syrien, Afghanistan, Irak – klassische Flüchtlinge. Diese Menschen – das können wir vom ersten Tag an gemeinsam europäisch organisieren, wenn Europa existent wäre, wenn das Projekt Europa nicht so grundlegend gefährdet wäre wegen dieser Flüchtlingskrise. Europa versagt, das sagt jeder Politiker. Das sagt Herr Schulz, der sagt, die Staaten sind schuld, die Staaten sagen, Europa macht nichts. Die großen Staaten müssen jetzt das Heft des Handelns übernehmen und diese Einreise organisieren. Wir können nicht warten, bis die nächste Katastrophe heute passiert.

Welty: Glauben Sie, dass das in Frankreich oder auch hier in Deutschland politisch vermittelbar wäre, eine solche Einreise zu organisieren?

"Wir schauen zu, wie Familien mit Babys auf den Schultern durch Europa laufen"

Kopp: Also es ist ein Versagen über viele Jahre hinweg, und jetzt, wie gesagt, wir schauen zu. Wir reden jetzt von 200.000. Es machen Millionen Menschen dort Urlaub, und es kommen 200.000, und deren Überleben wird nicht mal in Europa realisiert, also es wird nicht organisiert. Sie sind obdachlos, sie sind mittellos, sie haben zum Teil kein Wasser, kein Trinken – wie gesagt, wir können live zuschauen, wie Familien mit Babys auf den Schultern durch Europa laufen, um Schutz und Menschenwürde zu finden, um dann irgendwann in Rosenheim anzukommen. Wir bräuchten jetzt ganz klar eine konzertierte europäische Aktion, und die kann momentan nur von den Staaten kommen, die noch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das sind die großen Staaten, das sind die Staaten, die klassischen Asylländer, und das muss man jetzt organisieren.

Welty: Karl Kopp von Pro Asyl über den Kampf gegen Schlepper und Schleuser, und ich danke sehr für dieses Interview hier in Deutschlandradio Kultur.

Kopp: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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