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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.01.2017

Schleswig-Holstein und die GeflügelpestNach dem Virus ist vor dem Virus

Von Johannes Kulms

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Eine tote Reiherente liegt am Ufer des Großen Plöner Sees in Schleswig-Holstein.  (dpa / picture alliance | Carsten Rehder)
Tausende Wildvögel sind mittlerweile durch die Geflügelpest gestorben. (dpa / picture alliance | Carsten Rehder)

In Deutschland begann es mit einer toten Wildente und verendeten Wasservögeln: Inzwischen grassiert die Geflügelpest auch in den Ställen der Geflügelzüchter. Johannes Kulms hat betroffene Landwirte in Schleswig-Holstein getroffen.

Für Lorenz Eskildsen ist die Geflügelpest eine alte Bekannte. Aber eine schreckliche. Bereits 2006 hatte der Erreger seine Tiere in Sachsen erwischt - der gesamte Bestand von 16.000 Tieren musste damals gekeult werden.

Knappe zehn Jahre später erlebt der Gänsezüchter ein Déjà-vu: Ende November 2016 wurde der Geflügelpest-Erreger bei zwei Standorten von Eskildsen in Schleswig-Holstein diagnostiziert - allerdings nur in seiner abgeschwächten Form.

Doch das war am Ende egal: Kurz darauf trafen Mitarbeiter einer niedersächsischen Firma im Kreis Dithmarschen ein. Leute, die auf die Tötung ganzer Tierbestände spezialisiert sind. Eskildsen:

"Und so rückten die dann innerhalb weniger Tage bei uns an, haben Quartier bezogen, Übernachtung gebucht. Das ist ein Tross von ungefähr 20 Fahrzeugen. Und vor Ort nehmen die das dann in Augenschein, dass die Tiere verbracht werden können, so dass sie dann auch nicht irgendwie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden können, wenn der Tötungsprozess beginnt. Und dann werden die Tiere gekeult und entsorgt. Das ist ein grausamer Prozess aber das dauert dann insgesamt einen Tag. Wir haben insgesamt zwei Standorte räumen müssen - das ist dann innerhalb von drei Tagen erledigt."

Nach der Tötung des Bestands wurden die Ställe aufwendig desinfiziert und gereinigt.

Eskildsen ist einer von drei Geflügelhaltern in Schleswig-Holstein, deren gesamte Bestände bisher der Geflügelpest zum Opfer gefallen sind. Kritiker sagen: Die Tiere wurden geopfert - zumindest die von Eskildsen, von denen kein einziges durch den Virus selbst gestorben war.

Das war bei den beiden anderen Fällen in Schleswig-Holstein anders: Bei einem Großbetrieb in der Nähe von Schleswig war der hochpathogene, also besonders gefährliche Erreger H5N8 nachgewiesen worden. Mehrere tausend Tiere verendeten innerhalb kürzester Zeit, am Ende wurden 30.000 Hühner gekeult. Auch bei einem Geflügelzüchter nahe Lübeck mit kleinerem Bestand schlug der Erreger derart aggressiv zu.

Bald ist klar, ob auch die Gänse gekeult werden

Lorenz Eskildsens Gänsezuchtbetrieb hat noch einen dritten Standort im Kreis Dithmarschen. Die dortigen 3.000 stehen noch unter Beobachtung - in wenigen Tagen soll klar sein, ob auch diese Tiere getötet werden müssen:

"Und das ist natürlich für uns ein Szenario, wo wir sagen, 'Wie geht das Spiel jetzt aus' und wenn dort tatsächlich auch noch mal ein positiver Befund käme, dann muss auch dieser Bestand im Nachhinein noch getötet werden - obwohl diese Tiere keinerlei Klinik zeigen, kein Krankheitsbild, keine Verluste, kein gar nichts. Das ist für einen Landwirt wie mich kaum erträglich - zumal es sich hier auch um Zuchtgenerationen handelt, um wertwolle Tiere, die über mehrere Generationen in unserer Familie gezüchtet worden sind und für uns natürlich einen ganz besonderen Wert darstellen."

Doch wertvolle Tiere hin oder her - die schleswig-holsteinischen Behörden haben ein Ziel: Die Ausbreitung der Geflügelpest eindämmen! Und dabei soll kein Risiko eingegangen werden.

Nach dem Ausbruch 2006 waren entsprechende Vorschriften verschärft worden, um die Verbraucher besser zu schützen. In Schleswig-Holstein war der Erreger am 8. November erstmals bei getöteten Wildvögeln nachgewiesen worden.

Weil nur wenige Stunden nach der Pressekonferenz im Kieler Landwirtschaftsministerium in den USA wider Erwarten Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, war diese Nachricht zunächst ein wenig in den Hintergrund getreten. Und mit ihr auch die Warnung von Schleswig-Holsteins grünem Landwirtschaftsminister Robert Habeck, dass hier eine Form der Geflügelpest auf Europa zurollen könnte, die es so noch nicht gegeben hat. Habeck:

"Jedenfalls sind die ersten Befunde so schnell und so massiv aufgetreten, dass wir groß besorgt sind und auch entsprechend schnell diese sehr radikale Maßnahme ergriffen haben."

"Alles Mögliche zu tun" hieß in diesem Fall: Habeck greift durch. Rund um die Fundorte von verendeten Vögeln wurden Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete eingerichtet – so wie es die Geflügelpest-Verordnung vorsieht. Außerdem erließ Habeck ein Aufstallungsgebot. Das bedeutet: Die Freilandhaltung ist für die Tiere mit sofortiger Wirkung vorbei – sie müssen in die Ställe. Oberstes Ziel: Ein Übergreifen des Virus von den Wildvögeln auf die Nutztiere verhindern.

Ungarn hat das Virus nicht mehr im Griff

Knapp sechs Wochen später sitzt Habeck in seinem Büro und meint, richtig gehandelt zu haben. Zwar habe es die Ausbrüche bei drei Geflügelzüchtern gegeben – aber danach eben auch keinen neuen.

"Wenn man sich anschaut, was in Europa gerade los ist, ist das Geschehen völlig gegensätzlich. Es gibt jetzt gerade in diesen Tagen Vorkommnisse in Cloppenburg Vechta, es gibt Keulungen in Soest, in Sachsen-Anhalt, immer in Nutztieranlagen und im europäischen Ausland ist die Hölle los: Ungarn hat es überhaupt nicht mehr im Griff, da sind über 200 Bestände betroffen, in den Niederlanden werden gerade `ne halbe Millionen Tiere getötet, in Frankreich 50 Vorkommen, immer in Haltungsanlagen, also nicht in der freien Natur, sondern in Nutztierbeständen. Also, es grassiert in Europa. Das wir in Schleswig-Holstein jetzt länger keine Vorkommnisse haben ist entweder Glück oder die Wirksamkeit der Maßnahmen – es ist jedenfalls kein Indiz dafür, dass man jetzt Entwarnung geben kann."

Habeck macht klar: Mit einer Rücknahme der Stallpflicht für Freilandgeflügel ist auch zu Jahresbeginn nicht zu rechnen. Auch das Friedrich-Löffler-Institut, kurz FLI, will noch keine Entwarnung geben. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit und dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellt.

"Na ja, es ist einfach so, dass wir grundsätzlich weiter konstatieren müssen, dass der (Virus in der) Wildvogelpopulation aktiv ist und damit natürlich auch die Gefährdungssituation für das Nutzgeflügel auch dort grundsätzlich bestehen bleibt. Weil natürlich in Regionen, in denen Tiere vorher positiv getestet worden sind, jetzt auch nicht mehr so viel untersucht wird."

… sagt Professor Thomas Mettenleiter, der seit 20 Jahren das FLI leitet. Die Forschungseinrichtung geht davon aus, dass vor allem Wildvögel den Virus weitertragen.

Aufstallungen oder Biosicherheitsmaßnahmen wie Stallhygiene, Reinigung, Desinfektion seien nicht neu, sondern auch schon bei früheren Ausbrüchen der Geflügelpest getroffen worden, sagt Mettenleiter.

"Was sich natürlich geändert hat in den letzten zehn Jahren ist die Inkraftsetzung dieser Maßnahmen, die Kommunikationswege aber auch Aktionswege nun viel besser funktionieren heute. Und das sieht man auch bei den Maßnahmen, die jetzt getroffen werden müssen. Das heißt, sowohl die Diagnostik ist schneller geworden als auch die Reaktion, wenn Bestände geräumt werden müssen, ist deutlich besser und schneller geworden."

Vielleicht zu viel "besser und schneller"? Denn auf der einen Seite gibt es Anzeichen dafür, dass die Maßnahmen wirken. Zumindest in Schleswig-Holstein. In einzelnen Kreisen des nördlichsten Bundeslands sind Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete aufgehoben worden, in anderen könnten sie folgen. Allerdings variieren diesen Bewegungen immer wieder.

Neben dem Virus breiten sich auch Zweifel aus

Doch Landwirtschaftsminister Habeck und Biologe Mettenleiter sehen sich auf einem anderen Gebiet durchaus mit einer Ausbreitung konfrontiert. Es ist die Ausbreitung von Zweifeln. Zweifeln daran, ob die Maßnahmen die richtigen sind …

"Wir müssen jetzt Kleidung anziehen, die nicht von draußen kommt, sondern in diesem Zwischenbereich praktisch ist, also in dieser Hygieneschleuse."

Die "Hygieneschleuse" bei Regina Jaeger ist ein kleiner Vorraum zum Hühnerstall. Bevor es dort hinein geht, muss auch der Reporter einen Overall anziehen.

"Das ist `ne Vorgabe, das tut mir sehr leid. Und dann habe ich hier die Einmal-Schuhe, wenn Sie die anhaben bitte hier nicht mehr so rumtapsen, sondern direkt in den Hühnerstall gehen damit."  

Jaeger stammt aus dem Rheinland und lebt seit 1999 in Norddeutschland. Ihr Hof liegt 30 Kilometer nordöstlich von Kiel im Kreis Plön. Die Behörden haben den gesamten Kreis zum Beobachtungsgebiet erklärt.  Deswegen müssen Besucher des Stalls nicht nur andere Kleidung und andere Schuhe anlegen – sondern auch die Hände desinfizieren.

"Das geht darum, dass falls ich jetzt draußen Seeadler angefasst habe oder sagen wir mal Äpfel eingesammelt habe oder sagen wir nur mal `ne Gartenharke angefasst habe, das muss alles desinfiziert werden. Wenn wir hier zum Beispiel misten im Stall ist das so, dass eine Person umgezogen so wie ich das jetzt habe, desinfiziert reingeht und die andere Person steht draußen und wir heben über ein Gitter den Mist drüber weg und die Person außen muss sich dann nicht desinfizieren."

Regina Jaeger und ihre Hühner: Kampf um das Tierwohl (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Regina Jaeger und ihre Hühner: Kampf um das Tierwohl (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Es ist ziemlich eng in Jaegers Hühnerstall: 16 Hühner – darunter fünf Hähne – und zwei Truthühner tummeln sich in dem kleinen Raum, der 10, maximal 12 Quadratmeter misst. Das Gefieder der Tiere schimmert fettig.

"Die sind unzufrieden. Ich würde das nicht unglücklich nennen, sondern unzufrieden. Denen fehlt einfach was. Das ist so, als wenn sie Leuten, die normal viel Sport machen von heute auf morgen ausbremsen und sagen: Nicht mehr!"   

Eigentlich kämen ihre Tiere nur zum Schlafen in den Stall. Doch seit dem Ausbruch der Geflügelpest müssen sie komplett drinnen bleiben. Wegen der veränderten Lichtverhältnisse würden sie einen Haufen Eier produzieren, sagt Jaeger. Ein paar Wochen sei diese Situation OK, meint Jaeger – doch länger nicht.

"Ich sehe keinen vernünftigen Grund dafür, das den Tieren anzutun. Wenn ich einen Hund habe, muss ich mit dem spazieren gehen – das gehört zum Hundedasein dazu. Es ist kein Problem, die haben es nicht schlechter als in einer Bodenhaltung, meine Tiere jetzt. Aber aus Überzeugung halte ich diese Tiere weil ich genau nicht diese kommerzielle Tierhaltung unterstützen möchte. Ich möchte artgerechte Tierhaltung haben. Und Hühner ohne Auslauf und Sonne, ohne frische Luft, ohne Sozialleben, ich habe hier eine ordentlich aufgebaute Gruppe nach Alter, nach Untergruppen und so weiter – dann kann ich auch den Laden dicht machen und Eier im Geschäft kaufen!"

Regina Jaeger richtet "Hühnerseminare" aus

Für Regina Jaeger bedeutet das: "Hühnerseminare" kann sie derzeit nicht ausrichten. "Hühnerseminare" - so nennt die dynamische kleine Frau mit der Brille die Veranstaltungen, zu denen Interessierte aus ganz Deutschland anreisen.

"Da können Sie lernen, wie man Hühner nicht nur hält, sondern auch richtig hält, und zwar artgerecht hält …"

Jaeger hat inzwischen Platz genommen im "Seminarraum", einem großen offenen Raum, in dem sich einige Sofas, Sessel, Tische, Schränke und Regale tummeln. Mit Geflügel kennt Jaeger sich aus: Sie ist studierte Agraringenieurin, hat ihre Diplomarbeit geschrieben über den Einsatz von Antibiotika bei Enten und Gänsen. Und: Jaeger ist - ebenso wie Landwirtschaftsminister Robert Habeck - Mitglied bei den Grünen, für die sie im Plöner Kreistag sitzt.

"Da haben sie mit mir tatsächlich eine relativ kritische Parteikollegin erwischt. Man muss dazu sagen, dass Herr Habeck natürlich seine Berater im Ministerium hat und die sind natürlich übernommene Berater, es kommt ja nicht jeder Minister mit seinen eigenen Beratern, das würde auch keinen Sinn machen. Und da ist so ein Minister erst mal drauf angewiesen, was diese Leute ihm sagen. So, und dann ist er unterworfen dem Bundesrecht. In diesem Fall glaube ich aber, dass Herr Habeck mehr als das gesetzlich erforderliche umsetzt bzw. durchsetzt, das kann er ja kraft seines Amtes. Und da hätte ich mir gewünscht, dass er differenzierter agiert und auch die Botschaft, die er aussendet als die, wie es im Moment auf mich zurückspiegelt."

Habeck fordere die Solidarität der kleinen Geflügelhaltern mit den großen Betrieben. Doch das falle ihr wegen ihrer politischen Überzeugungen schwer, meint Jaeger. Auch zweifelt sie an, dass es nur um den Verbraucherschutz geht.

"Wenn man das so weiterdenkt, ist man irgendwann an dem Punkt, dass man sagt, also die beiden Argumente zusammen genommen, dass man sich die grundsätzliche Frage stellt, ob man sich sogenannte Nutztierhaltung im Freien noch erlauben kann."

Jaeger will die Geflügelhaltung im großflächigen Maßstab nicht verdammen. Sie meint: Den Besitzern von großen Haltungen gehe es zwar in erster Linie ums Geldverdienen - aber durchaus auch ums Tierwohl. Doch zeigt die derzeitige Situation aus ihrer Sicht auch: Wenn es zu einer Seuche kommt, wird das Tierwohl untergeordnet.

Jaeger kennt Habeck, sitzt mit an einem Runden Tisch für das Tierwohl, den der Landwirtschaftsminister ins Leben gerufen hat und fordert ihren Parteikollegen auf, die bisher landesweit geltende Stallpflicht zurückzunehmen.

"Aber das schlimmste an der Sache  - und da verstehe ich Herrn Habeck überhaupt nicht - und da muss aber auch bundespolitisch mal biologisch-logisch nachgedacht werden sag ich mal: Es gibt faktisch keine Verbindung von Kleinsthühnerhaltung in die kommerzielle Haltung rein. Die gibt es nicht! Weder laufen die Hühner da rüber, krabbeln durch die Lüftlungsanlagen und mischen sich da unter die Legehennen noch übertragen die irgendwelche Vektoren."

Jaeger fühlt sich bei den Reaktionen auf den Ausbruch der Geflügelpest in Schleswig-Holstein ein wenig erinnert an den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im April 2010: Zur Sicherheit wurde damals für mehrere Tage der europäische Luftraum gesperrt. Vorsichtmaßnahmen zu treffen sei ja vertretbar - aber dann müssten die auch irgendwann zurückgenommen werden …

"Das Bild ist falsch, falsch gewählt."

… sagt Robert Habeck zu solchen Vergleichen.

"Richtig ist, dass man so was ja nicht zum Spaß macht. Sobald wir also Indizien haben, dass das Geschehen abklingt in der freien Natur, können wir uns auch wieder überlegen, wie wir uns aus den Maßnahmen wieder raus schleichen. Aber da sind wir nicht. Sondern die Vorkommnisse in der Nutztierhaltung um uns herum - es grassiert gerade, es explodiert geradezu im Moment."

Bei der Geflügelpest sei eine Betrachtung aus ökonomischer Sicht möglich - oder mit dem Blick des Tierschutzes. Doch die strikten Maßnahmen zeigten doch, dass der Schutz der Geflügeltiere funktioniere.

"Zu sagen, wir lassen die Tiere mal alle krank werden und dann verrecken die, ist auch nicht das stärkste Tierschutzargument. Aber richtig ist, dass wir als Verbraucher kein Fleisch und keine Eier haben wollen von Beständen, wo Vogelgrippe und wo Geflügelpest ist. Das ist also ein Verbraucher-ökonomisches Argument. Und die Betriebe selbst - aber nicht nur die 'böse Agrarindustrie' sondern auch Freilandbetriebe oder Ökolandbetriebe einen Anspruch haben, möglichst geschützt zu werden vor gefährlichen Pandemien in der Natur, das ist schon völlig richtig."

Habeck kämpft mit allen

Vielleicht ist das aber auch der Unterschied zwischen Ministeramt und Parteilinie: Als Landwirtschaftsminister ist Habeck eben verantwortlich für sämtliche Höfe in Schleswig-Holstein. Jahrelang hat er viele Konflikte ausgefochten, sich oft angelegt mit Landwirten - aber auch mit Natur- und Tierschützern.

Habeck weiß zu polarisieren, da stimmen Unterstützer wie Kritiker überein. Andererseits räumt der Mann, der in wenigen Tagen gerne zum Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahlen ausgerufen werden würde, aber auch ein: Die Politik, die ich gerade mache ist die nicht unbedingt die, die ich will. Habeck weiß, dass sie nicht zu dem Versprechen passt, mit dem er 2012 gewählt wurde, sich mehr für das Tierwohl einzusetzen:

"Und das macht mir auch Bauchschmerzen. Und die Argumente derjenigen, die sagen, das ist ein Konfliktthema zwischen Tierschutz und auch den Verbrauchererwartungen an Freilandhaltung, die nehme ich total ernst. Dass die Tiere jetzt in den Ställen sind ist gegen das, was ich eigentlich will. Aber ich bin überzeugt: Wenn die Tiere jetzt nicht in den Ställen wären, würden sie sich in großer Zahl infizieren und müssten elendig verrecken oder müssten getötet werden und das ist noch viel mehr gegen den Tierschutz. Also, in der Abwägung des geringeren Schadens, unterstellt, dass das Virus da ist in der Natur, was erwiesen ist, komme ich zu den Schlüssen, dass das so, wie wir handeln, richtig ist."

An einem Tag werden 120.000 Eier sortiert

"Wir stehen hier gerade im Eiersortierraum an der Sortiermaschine. Die Maschine hat eine Stundenleistung von bis zu 30.000 Stück in der Stunde. Und wir sortieren hier an einem normalen Arbeitstag ungefähr 120.000 Eier."

Rund 40.000 Hühner hält Hans-Peter Goldnick auf seinem Hof nahe Bad Segeberg: In Freiland- und Bodenhaltung, genauso wie in ökologischer Haltung.

Hans-Jürgen Goldnick ist im Eier-Geschäft (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Hans-Jürgen Goldnick ist im Eier-Geschäft (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

"Wir sagen, in Sachen Eier sind wir kompetent. Wir sind ein Vollsortimenter, also vom Wachtelei, zum braunen Ei, vom weißen Ei, vom Freilandei bis zum ökologischen Ei oder Bodenhaltungsei - der Einzelhandel soll bei uns alle Lösungen finden. Der braucht sich um das Thema Eier nicht mehr kümmern!"

Das Eiergeschäft sei zum Jahresende gut gelaufen, denn in der Weihnachtszeit würden die meisten Eier konsumiert, sagt Goldnick. Beim Geflügel habe es natürlich mehr Sorge gegeben, die aber unberechtigt sei, meint Goldnick, der gleichzeitig 1. Vorsitzender des Geflügelwirtschaftsverbands Schleswig-Holstein und Hamburg ist.

"So sicher wie in diesem Jahr ist Geflügel selten gewesen. Ja, alle Betriebe sind untersucht, alle Betriebe gucken ob irgendwo irgendwas ist. Jeder meldet sofort, wenn irgendwo `ne Krankheit oder irgendein komisches Bild ist. Und so gut untersucht - das hat's noch nie gegeben. So clean wie jetzt waren die noch nie - also, besser geht's nicht!"

Zum Zeitpunkt des Besuchs befindet sich Goldnicks Hof in einem Sperrbezirk. Der Zugang zu den rund 23.000 Legehennen ist verwehrt. Und so bleibt nur ein Blick von außen ein Blick auf das langgezogene flache grüne Gebäude, das da in knapp 30 Metern Entfernung steht.

"In diesen Zeiten ist hier die Demarkationslinie. Ich bin gestern hier lang gelaufen und da bin ich in irgendeinen Vogelschiss von meinen Hühnern, das vermutlich gerade rausgefahren wurde, reingetreten. Es ist einfach so, dass man, ohne dass man es will, dieses Virus reinträgt. Und wenn es am Saum von der Hose ist - es wird reingetragen!"

Auch Hans-Jürgen Goldnick sieht die niedrige Zahl von bisher nur drei Ausbrüchen bei Geflügelzüchtern als Beweis dafür, dass die strengen Sicherheitsmaßnahmen in Schleswig-Holstein angebracht sind. In der Vergangenheit hat er sich mit Robert Habeck immer wieder beharkt - doch was die Geflügelpest betrifft ist er hochzufrieden mit dem Krisenmanagement des Grünen-Politikers.

Geht es am Ende also vor allem darum - die wirtschaftlichen Interessen der großen Geflügelwirte zu wahren?

"Diese Sau wird jeden Tag neu durchs Dorf gejagt! Nehmen wir einfach mal an, wir impfen. Das wird ja oft gesagt, die wollen nicht impfen, weil die einfach auf dem Weltmarkt sind. Das ist sicherlich mit ein Argument, dass wir auf dem Weltmarkt agieren wollen. Aber der eigentlich Grund ist doch, wenn wir z.B. impfen würden, dann würden diese Tiere zum Beispiel trotzdem den Virus bekommen können und würden Ausscheider sein ohne dass wir es merken. Und das würde bedeuten, dass das Virus weitergetragen wird - und womöglich in die Wildpopulation getragen wird. Wer will denn diese Verantwortung übernehmen, dass wir all die Vögel, die um uns rumschwirren, durch unser blödes Tun umbringen?"

Tierschützer fordern, das Geflügel zu impfen

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten fordert, gerade in Risikogebieten der Geflügelpest das deutschland- und EU-weite Verbot einer prophylaktischen Impfung schnellstmöglich aufzuheben. Geimpfte Tiere würde entweder keine oder zumindest deutlich weniger Viren ausscheiden als nicht geimpfte Geflügel. Auch zeigten geimpfte Tiere nur selten oder nur leichte klinische Symptome einer Erkrankung, so vier Pfoten. Die Tierschutzorganisation sieht in der hohen Tierdichte in der industriellen Intensivtierhaltung eine der Hauptursachen bei der Ausbreitung der Geflügelpest.

Doch Impfungen fallen für Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Löffler-Institut weg:

"Was die Impfung kann - sie kann vor klinischer Symptomatik schützen. Was die Impfung nicht kann: vor Infektion schützen, sie kann nicht vor Vermehrung schützen und sie kann nicht vor Weiterverbreitung des Virus schützen. Das heißt, wir würden im ungünstigsten Fall in einer Situation landen, dass wir ein verdecktes Infektionsgeschehen haben mit diesem hochpathogenen Geflügelpest-Erreger. Nun, das ist etwas, das ist dann komplett unkontrollierbar und das wollen wir auf alle Fälle vermeiden."

Das heißt: Entweder alle Tiere töten oder keines.

Kritik an der Wildvogelhypothese

Aber betrachtet das FLI wirklich alle Hypothesen zur Ausbreitung des Virus mit gleicher Brille? Nein, meint Sievert Lorenzen, emeritierter Biologie-Professor der Christian Albrecht Universität Kiel.

"Aus unserer Sicht ist es falsch, dass das FLI immer nur die Wildvogelhypothese für Ausbreitung sieht. Es gibt viele anderen Hypothesen, wo die Geflügelindustrie eine Rolle spielt. Uns stört, dass das FLI diese Thesen nie prüft …"

Zu Beginn dieses Jahres wird Thomas Mettenleiter zusammen mit anderen Kieler Wissenschaftlern treffen, die ebenso für einen anderen Ansatz bei der Bekämpfung der Geflügelpest plädieren. Aber auch bei der Erforschung der Ursachen.

Lorenzen hält es durchweg für möglich, dass sich der Geflügelpest-Erreger über Transportwege verbreitet haben könnte – z .B. die von LKWs, die Geflügel durch Europa fahren.

"Ein LKW-Fahrer muss ja auch mal Pausen machen, da wird dann die Lüftung angestellt und dann können Viren rausgepustet werden, so kann die Industrie schon für eine Ausbreitung sorgen."

Lorenzen glaubt auch, dass es durchaus noch schlimmer kommen könnte - denn die Geflügelindustrie sei sehr eng vernetzt, was die Ausbreitung begünstige. Er wünscht sich Änderungen bei der Geflügelpestverordnung, die 2006 verschärft wurde.

"Zum Beispiel für kleine Haltungen mit acht Tieren, da geht doch keine Gefahr aus, das ist geradezu irrsinnig. Das sind sinnlose Schikanen, denen die ausgesetzt sind."

Ähnlich sieht es auch Lorenz Eskildsen - jener Gänsezüchter, der vor kurzem einen Großteil seines Bestands in Schleswig-Holstein verloren hat. Er geht davon aus, dass durch die restriktiven Maßnahmen in Folge der Gänsezüchter viele Kolleginnen und Kollegen ganz aufgeben werden:

"Ja, ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir wieder dahin gehen, wo wir hergekommen sind, wie es bis 2006 in Deutschland der Fall war. Dass wir vernünftig und ordentlich mit schwach pathogenen Viren in Tierbeständen umgehen. Die sind nicht krankmachend, sowohl fürs Tier wie auch für den Menschen. Und ich möchte alle verantwortlichen Politiker und auch das Friedrich-Löffler-Institut dazu ermutigen sich dafür auszusprechen, dass wir Landwirte eine Zukunft haben."

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