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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 06.06.2017

Schleswig-HolsteinUmstrittene Umbenennung der Marseille-Kaserne

Von Johannes Kulms

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Asphaltierte Einfahrt zu einer Kaserne der Bundeswehr. Auf der rechten Seite steht eine große Tafel. Darauf prangt der Name des Standorts: "Marseille-Kaserne". (Johannes Kulms / Deutschlandradio)
Der Bundeswehr-Standort in Appen erhielt 1975 seinen jetzigen Namen. (Johannes Kulms / Deutschlandradio)

Derzeit werden die Namen von Bundeswehr-Standorten auf deren Verbindung zur NS-Zeit geprüft. Die Marseille-Kaserne in Appen bei Hamburg wurde 1975 nach einem Kampfpiloten benannt, den Adolf Hitler persönlich ehrte. Für viele Anwohner ist das kein Grund, die Kaserne umzubenennen.

Die Marseille-Kaserne zu finden ist einfach: Es reicht, den Schildern zu folgen, die in und um die Kleinstadt Appen großzügig verteilt sind. Am Kasernentor dominieren eine Mauer aus Backsteinen und üppig blühende Rhododendron-Büsche. Davor steht ein unübersehbares Schild, das die Besucher darüber informiert, dass hier der Sitz der Unteroffizierschule der Luftwaffe ist – aber mehr nicht.

Seit 1975 trägt der Bundeswehr-Standort den Namen von Hans-Joachim Marseille, Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg. Geht es nach Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen soll sich das nun ändern. Personen wie Marseille oder Helmut Lent seien als Namensgeber für Kasernen nicht mehr länger tragbar, machte die CDU-Politikerin kürzlich beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbands deutlich.

"Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht Vorbild-gebend sein kann. Denn Tradition, meine Damen und Herren, ist immer eine bewusste Auswahl aus der Geschichte, bewusst wählt man ein Ereignis oder eine Person und stellt sie in den Raum. Das ist Tradition."

Aus Sicht der Wehrmacht war Hans-Joachim Marseille ein sehr erfolgreicher Pilot: Er schoss viele Flugzeuge ab, erhielt dafür eine ganze Reihe von Auszeichnungen, darunter eine, die ihm Adolf Hitler höchstpersönlich verlieh. Die NS-Propaganda nannte Marseille den "Stern von Afrika".

Für die Bundeswehr war das lange Zeit kein Problem, im Gegenteil: Die rund 5800 jungen Frauen und Männer, die jedes Jahr der Unteroffizierschule der Luftwaffe an den Standorten in Appen und Heide besuchen, werden automatisch auch an das Leben und die Taten des Kampfpiloten erinnert, der 1942 im Alter von 22 Jahren getötet wurde.

Marseille-Kaserne beispielhaft für angestoßene Diskussion

Mit Angehörigen der Streitkräfte in der Marseille-Kaserne über den Namensgeber zu sprechen ist derzeit nicht möglich – das Verteidigungsministerium in Berlin stimmt entsprechenden Interviewanfragen nicht zu. Die Marseille-Kaserne sei beispielhaft für die neu angestoßene bundesweite Diskussion über Kasernennamen, teilt eine Ministeriumssprecherin mit. Man stehe noch ganz am Anfang dieses Prozesses und strebe einen "breiten Diskurs" an. Nach Informationen des Deutschlandradios sorgt das Thema bei den Soldatinnen und Soldaten in Appen für Diskussion. Eine Umbenennung der Kaserne scheint sehr wahrscheinlich.

Walter Lorenzen ist stellvertretender Bürgermeister der 4800-Einwohner-Gemeinde vor den Toren Hamburgs. Im Flur des Bürgerhauses hängt ein rund ein Meter großer Bilderrahmen mit einer Urkunde.

"Hier können Sie schon mal sehen die Verbindung zur Bundeswehr, die wir pflegen. Also Partnerschaften. Ich sag mal, es gibt viele Soldatinnen und Soldaten, die hier wohnen, aber auch ehemalige Soldaten, die ihren Ruhestand hier verbringen."

Ein Mann in einem hellen Hemd, dunklen Jeans und Brille steht vor einem Backsteinhaus. Der Mann heißt Walter Lorenzen, er ist stellvertretender Bürgermeister des Ortes Appen bei Hamburg. (Johannes Kulms / Deutschlandradio)Appens Vize-Bürgermeister Walter Lorenzen. (Johannes Kulms / Deutschlandradio)
Die Bundeswehr prägt Appen, nicht nur, was die Einwohnerschaft angeht. Für die Bäcker, Handwerker und Fleischer im Ort bedeutet die Kaserne vor allem eines: Kundschaft. Noch in den 70er-Jahren hat SPD-Mitglied Walther Lorenzen vor dem Kasernentor demonstriert. Auslöser dafür war ein privat geführtes Luftwaffenmuseum, das damals noch auf dem Gelände untergebracht war.

"Da war zum Beispiel die Uniform von Hermann Göring ausgestellt oder solche Dinge, die dann auch Interessierte anlockten, die nicht unbedingt eine demokratische Gesinnung hatten." 

Bundeswehr gehört zur Geschichte der Appener

In dieser Zeit erhielt die Kaserne ihren heutigen Namen. Mehr als vier Jahrzehnte später scheint klar: Für die Einwohner von Appen gehört die Bundeswehr zu ihrer Geschichte, genau wie der Name des militärischen Standortes.

"Sollte sich herausstellen in der Diskussion, dass mit dem Namen Marseille noch schlimmere Sachen verbunden sind, dann muss man eben auch die Entscheidung treffen. Ich möchte nur nicht, dass hier mit dem Rasenmäher jetzt durchgegangen wird und alle Namen, die irgendeinen Bezug zum Dritten Reich haben oder die damals Soldaten waren, das man sagt: 'Das darf nicht mehr sein!'"

Lorenzen selber sagt, er persönlich habe da vielleicht eine etwas andere Meinung zum Thema Umbenennung. Doch als stellvertretender Bürgermeister von Appen vertrete er die Bevölkerung vor Ort.

"Es ist so, dass von den Bürgerinnen und Bürgern bisher kaum einer den Bezug Marseille zu einem Kampfflieger gemacht hat, der im Zweiten Weltkrieg viele Flugzeuge abgeschossen hat."

Volker Behlke kennt die Geschichte vom Kampfpiloten Hans-Joachim Marseille – und ist gegen eine Umbenennung der Kaserne:

"Denn das waren damals Menschen, die in den Krieg geschickt wurden und ihr Bestes gegeben haben. Und dann bin ich der Meinung, dass man diese Leute ehren sollte und diese Ehrung kam eben durch die Namensgebung der Kaserne."

Alexander Vasel (l) und Volker Behlke (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Alexander Vasel (l) und Volker Behlke sprechen sich gegen eine Umbenennung der Kaserne aus. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Marseille habe damals keine andere Wahl gehabt, glaubt Behlke rückblickend. Der 72-Jährige frühere Banker hat selber zwei Jahre bei der Bundeswehr gedient. Als stellvertretender Vorsitzender des TuS Appen kennt er die Truppe; im Winter nutzt der Verein die Sportstätten in der Bundeswehrkaserne.

Neben Behlke steht Alexander Vasel, der Wirt des Vereinslokals des TuS Appen. Von den Diskussionen über eine Umbenennung der Marseille-Kaserne hält der 28-Jährige wenig:

"Also, im Groben ist mir das eigentlich sogar egal. Aber ich finde trotzdem, dass die Politiker andere Sachen zu tun haben, dabei bleibe ich. Und warum jetzt die Kaserne umbenennen? Also, in meinen Augen ist das Langeweile vertreiben oder ich hab‘ keine Ahnung. Aber es macht einfach keinen Sinn für mich." 

"Ich halte das für ziemlich skandalös"

Ganz anders sieht es jemand, der viele hundert Kilometer von Appen entfernt sitzt: Wolfram Wette ist Historiker, hat fast 25 Jahre lang am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg gearbeitet. Der 76-Jährige hat den Arbeitskreis Historische Friedensforschung mitbegründet.

"Ja, ja, ich halte das schon für ziemlich skandalös, dass man seit Jahrzehnten an diesem Problem herumdoktert."

Wette meint damit längst nicht nur die Marseille-Kaserne in Appen, sondern alle Bundeswehrstandorte, die nach Personen mit Verbindungen in die NS-Zeit benannt worden sind. Dabei sei seit dem Traditionserlass von 1982 klar: Die Wehrmacht ist für die 1955 gegründete Bundeswehr nicht traditionsfähig.

"Trotz dieses Traditionserlasses, der die Linie kappen sollte zurück vor 1945, ist es uns gelungen, diese Namen zu erhalten. Da können sich die militärischen Traditionalisten auf die Schenkel klopfen und sagen, wir haben uns stärker durchgesetzt als die Politiker, die hinter dem Traditionserlass gestanden sind."

Wette hält die Umbenennung von entsprechenden Kasernen für überfällig. Denn nicht nur der Fall des Kampfpiloten Hans-Joachim Marseille mache eines deutlich:

"Also, ein Mann wie Marseille, der ja zu den Flieger-Assen gehört, der eine hohe Abschussquote, ich würde sagen, eine hohe 'Kill-rate' zu verzeichnen hat, der das im Dienste des NS-Staates gemacht hat, der kann nicht aufgespalten werden in einen mutigen und effizienten Kriegshandwerker auf der einen Seite und einem Teilnehmer an einem verbrecherischen Krieg auf der anderen Seite. Sondern hier gilt wie immer der Grundsatz der Gesamtpersönlichkeit und die Gesamtpersönlichkeit ist in diesem Kontext negativ zu bewerten."

Tankstelle an der Hauptstraße in Appen (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Tankstelle an der Hauptstraße in Appen (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Die Bundeswehr möchte bei Kasernenumbenennungen Streitkräfte und die Bevölkerung vor Ort in einen Dialog bringen. Dieser Prozess solle noch im laufenden Jahr abgeschlossen werden, heißt es auf der Bundeswehr-Homepage. Militärhistoriker Wolfram Wette plädiert für einen anderen Ansatz:

"Von oben her, von der Ministeretage aus den Schlussstrich zu ziehen, überall dort, wo problematische Namen sind, sie wegzunehmen und sich was neues einfallen zu lassen. Das wäre doch lediglich ein vordergründiger Kraftakt. Dem müsste eine intensive, langjährige, historisch-politische Bildung folgen, die den Soldaten deutlich macht, was gewollt ist in einem demokratischen Staat. Wäre das Problem nicht existent in den Köpfen der Leute, wären die Namen von Wehrmachtsgenerälen ja längst weg."

Zurück in den Kreis Pinneberg, vor den Toren Hamburgs, nach Uetersen, der Nachbarstadt von Appen.

Auch Uetersen unterhält eine Partnerschaft mit der Marseille-Kaserne. Erhard Vogt engagiert sich politisch wie geschichtlich: Vogt ist Ratsherr und für die SPD Zweiter Stellvertretender Bürgermeister von Uetersen.

Er arbeitet zusammen mit anderen Interessierten seit Jahren in mehreren Initiativen die Ortsgeschichte auf – auch die NS-Zeit.

"Wir haben uns damit noch nicht beschäftigt, aber mir persönlich erscheint eine Benennung einer Kaserne nach einem abgeschossenen Jagflieger, der dann auch noch als Idol in der Nazi-Zeit verehrt wurde, erscheint mir aus heutiger Sicht fragwürdig."

Mit Ratschlägen an die Politik im Nachbarort Appen will Vogt sich zurückhalten, sagt nur soviel: Er persönlich würde sich für eine Namensänderung einsetzen. Andererseits sieht er beim jüngsten Umgang mit der militärischen Vergangenheit in Deutschland auch gewisse Grenzen. Der 64-Jährige erinnert daran, dass kürzlich an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg ein Foto des Altkanzlers in jüngeren Jahren entfernt wurde. Schmidt war darauf in Wehrmachtsuniform zu sehen.

"Das ist jetzt ein Aktionismus, der tut der Bundeswehr auch nicht gut. Es ist ja von ihm nicht bekannt, zumindest bisher nicht bekannt, dass er jetzt aktiver Nazi gewesen ist."

Einen neuen Namensvorschlag für die Marseille-Kaserne hat Vogt nicht parat. Oder doch?

"Von mir aus könnte man das auch wieder Fliegerhorst Uetersen nennen, oder sonst wie. Warum muss eine Kaserne überhaupt irgendeinen Namen haben nach irgendeinem Militärmenschen – das vermag ich nicht zu beurteilen."

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