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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.10.2014

Schlampige SpracheAbgebrochene Gesprächsfäden und andere Ungetüme

Wie unreflektiert Politiker mit der Sprache umgehen

Von Rolf Schneider

Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht am 22.10.2013 bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags im Reichstagsgebäude in Berlin.
Der Bundestag soll ein Ort der harten Debatten sein. Doch oft sind dort nur Floskeln zu hören.

Floskeln, Jargon und Geschwafel: Die Sprache unserer Politiker ist oft dümmlich und ungelenk, beklagt der Schriftsteller Rolf Schneider. Und mit der Zeit entstehen immer weitere linguistische Ungetüme.

Der Gesprächsfaden zwischen dem Westen und Wladimir Putins Russland soll nicht abreißen. Diesen Satz gibt es derzeit in allerlei Abwandlung, doch der nicht abreißende Gesprächsfaden ist immer dabei. Natürlich, der Dialog zwischen den Staaten der atlantischen Gemeinschaft und der russischen Föderation muss weitergehen, allen Konflikten zum Trotz. Welche Rolle aber spielt dabei der Faden? Ist mit ihm vielleicht das Telefon gemeint? Das läuft über Draht, und Draht ist kein Faden. Inzwischen funktionieren viele Telefone außerdem drahtlos.

Zuweilen lässt sich noch erfahren, jener Gesprächsfaden dürfe nicht abbrechen. Eigenart von Fäden ist, dass sie nicht brechen können – dafür sind sie zu biegsam. Die Unmöglichkeit der Metapher entlarvt ihre Verwendung: als unreflektiertes Geschwafel.

Der öffentliche Jargon, früher gerne Politsprech genannt, ist von dergleichen Wendungen übervoll. Ein Sprecher übernimmt vom anderen die Floskeln und beschleunigt damit deren Umlauf. Beschleunigung kann Verschleiß bringen. Der hat manche Wendung ereilt, auch die scheußliche Bezeichnung Politsprech.

Alte Sprach-Unarten werden von neuen abgelöst

Weitere Unarten haben sich verabschiedet oder sind dabei, es zu tun. Dazu gehört die Politik der kleinen Schritte, die, wenn schon, korrekterweise Politik in kleinen Schritten heißen müsste. Nicht, dass unsere Kanzlerin, von der die Wendung stammt, ihr Tempo etwa angezogen hätte. Sie regiert und reagiert so behäbig wie immer. Nur die dümmliche Formulierung benutzen sie und die Medien nicht mehr.

Dieses Schicksal teilen die inhaltliche Schnittmenge, das gesetzte Zeichen und die Unsitte, aus Verben wie denken Nomina wie Denke abzuleiten. Wer freilich meint, dies gründe auf eine wachsende Sensibilisierung von Sprechern und Schreibern, der irrt. Allein der abreißende Gesprächsfaden belegt, dass nur alte Unarten abgelöst werden von immer neuen.

Nehmen wir die Agenda. Derzeit findet sie sich allenthalben. Auf ihr kann jemand etwas haben oder nicht. Zeitlicher Eintritt und Urheber der Agenda sind genau zu bestimmen: Es handelt sich um Gerhard Schröder und seine Agenda 2010. Das Jahr 2010 liegt hinter uns. Gerhard Schröder ist kein Bundeskanzler mehr. Die Agenda, nun ohne Jahreszahl, gibt es immer noch.

Isch geh Karlsruhe!

Sie ist ein linguistisches Ungetüm. Ihr Ursprung ist eine Gerundivum genannte lateinische Wortbildung, in unserem Falle muss sie korrekt heißen: Agendum, was bedeutet: das zu Tuende. Agenda ist davon die Mehrzahl. Schröder und seine Nachbeter verwenden Agenda als Einzahl – und erfinden die Mehrzahl der Angenden. Sprächen alle Agenda-Benutzer von Programm oder Listen oder Vorhaben, wären sie sprachlich korrekt. Doch Agenda klingt edler, auch wenn es sprachlich falsch ist.

Ebenfalls edler klingen will das Modewort kommunizieren. Dinge werden derzeit nicht mitgeteilt oder übermittelt, sondern kommuniziert: Neuigkeiten, Erklärungen, Ratschläge, Einzelheiten. Früher kommunizierte man miteinander, das Verb war intransitiv. Ganz ähnlich wird auch das Verb erinnern seit Helmut Schmidt lieber transitiv gebraucht: Man erinnert sich nicht an ein Ereignis, man erinnert das Ereignis, in Analogie zum englischen to remember.

Sprachschlamperei allenthalben. Mit einiger Spannung nehme ich wahr, wie inzwischen selbst Begriffe aus dem Junge-Leute-Jargon ins Erwachsenendeutsch aufsteigen, abhängen etwa oder chillen. Ich habe sie schon aus Politikermündern vernommen. Nun warte ich auf den nächsten Schritt. Wenn Claudia Roth im Bundestag droht: Isch geh Karlsruhe! wollen wir uns wieder melden.

Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Seine politischen und künstlerischen Lebenserinnerungen fasst er in dem Buch "Schonzeiten. Ein Leben in Deutschland" (2013) zusammen.

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