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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.12.2016

Schlafstörungen "Apps sind keine Therapie"

Thomas Penzel im Gespräch mit Nana Brink

Ein Schlafwandler auf einem Dach. (Zwischen Traum und Wirklichkeit: Schlafwandler auf einem Dach)
Schlafwandeln ist eine von 66 Schlafstörungen, mit denen sich die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung auf ihrer Jahrestagung beschäftigt. (Zwischen Traum und Wirklichkeit: Schlafwandler auf einem Dach)

Viele Menschen leiden heute unter Schlafstörungen. Neue Apps bieten Hilfe an, sind aber nach Einschätzung von Schlafforscher Thomas Penzel überschätzt. Sie können den Schlaf messen, aber keine Schlafstörung lindern.

"Wenn Schlafstörungen jede Nacht auftreten oder wir sagen mehr als drei Nächte pro Woche, dann ist es bedenklich", sagte Thomas Penzel, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité, im Deutschlandradio Kultur.

"Die Menschen kommen dann, wenn sie darunter leiden, zum Beispiel ihren Job nicht mehr richtig machen können, wenn sie sich krank schreiben lassen müssen, wenn der Bettpartner sich darüber beschwert." Wenn Leute schnarchten oder sich Bett wälzten, dann kämen sie ins Schlaflabor, um ihren Schlaf überwachen zu lassen. Penzel sagte, es gebe heute 66 verschiedene Formen von Schlafstörungen.

Apps geben nur Tipps

Apps könnten heute dabei helfen, den Schlaf zu messen, sagte der Professor. Er verglich die neuen Angebote mit der App, die Schritte zählt: "Die meisten dieser Apps sind in der Tat eine Vermessung, so wie ein Schrittzähler, der Schritte zählt. Die App bewirkt auch nicht, dass wir plötzlich schlank werden, sondern man muss dann Konsequenzen daraus ziehen, zum Beispiel mehr Bewegung."

Mit den Schlaf-Apps sei es ähnlich. Sie gäben Tipps oder ermöglichten einen besseren Überblick über das Schlafverhalten, aber den Schlaf verbessern könnten sie nicht. "Apps sind keine Therapie"

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung trifft sich in Dresden zu ihrer Jahrestagung und diskutiert alle Fragen rund um den Schlaf.


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Schlafen ist ja wie atmen und essen überlebenswichtig. Wenn wir schlafen, tanken wir Energie für den kommenden Tag und verarbeiten das, was hinter uns liegt. Fehlt uns der Schlaf, dann zermürbt das. Aber meistens nehmen wir die Schlafstörungen nicht ernst, besser gesagt die Ursachen. Denn wer macht schon den Schritt in ein Schlaflabor? Dann muss der Druck schon sehr groß sein, einfacher wäre doch da eine App, die wir auch sonst ja zum Joggen, zum Eierkochen oder zum Beispiel als Verhütungsmittel nutzen. Eine Vielzahl von Schlaf-Apps gibt es, sie heißen zum Beispiel "Deep Sleep" oder "Dream On". Aber können Apps beim Schlafen wirklich helfen? Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung trifft sich derzeit in Dresden und mit dabei ist Professor Thomas Penzel, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité in Berlin. Schönen guten Morgen!

Thomas Penzel: Guten Morgen!

Brink: Haben Sie gut geschlafen heute?

Penzel: Ja, danke, ich habe gut geschlafen.

Brink: Wie verbreitet sind denn Schlafstörungen bei uns?

Penzel: Schlafstörungen sind ziemlich häufig. Wir sprechen so zwischen zehn Prozent und 20 Prozent von Schlafstörungen. Nicht jeder hat Schlafstörungen immer, sondern manchmal nur vorübergehend, und dann muss man sich keine großen Sorgen machen. Aber wenn Schlafstörungen jede Nacht auftreten oder wir sagen mehr als drei Nächte pro Woche, dann ist es bedenklich.

Brink: Kommen denn dann die Menschen zu Ihnen? Oder wie lange dauert es, bis man die Schwelle dann überwindet, zu Ihnen zu kommen?

Penzel: Die Menschen kommen dann, wenn sie darunter leiden, wenn sie zum Beispiel ihren Job nicht mehr richtig machen können, wenn sie sich krankschreiben lassen müssen, wenn der Bettpartner sich darüber beschwert zum Beispiel bei Schnarchen oder bei Wälzen im Bett, dann kommen die Menschen zu uns.

Verschiedene Ursachen für Schlafstörungen

Brink: Und was lässt uns nicht schlafen?

Penzel: Wir unterscheiden ganz grob zwei Ursachen, das eine sind die Ein- und Durchschlafstörungen, bei denen man nicht richtig schlafen kann, die nennen wir Insomnien, und das andere sind die Hypersomnien, die mit Tagesschläfrigkeit einhergehen, das heißt, wir werden nicht mehr richtig wach und sind nicht mehr richtig fit.

Brink: Und gibt es dafür jeweils unterschiedliche Ursachen?

Penzel: Ja, da gibt es komplett unterschiedliche Ursachen. Für die Ein- und Durchschlafstörungen ist oft das Grübeln, das Gedanken-mit-ins-Bett-Nehmen, das Sich-auf-den-Schlaf-konzentrieren-und-sagen-Können: "Du liebe Zeit, ich muss morgen fit sein, ich kann überhaupt nicht schlafen!", und man macht sich dann regelrecht verrückt. Und bei den schlafbezogenen Atmungsstörungen, da sprechen wir von der Schlafapnoe. Die Atmung hört auf im Schlaf und dann sind wir dadurch, dass der Schlaf dann gestört ist, am Tag überhaupt nicht mehr fit und immer schläfrig, schlafen sogar beim Autofahren ein, wenn wir Pech haben.

Brink: Also gibt es auch für die unterschiedlichen Formen der Störungen ganz unterschiedliche Therapien?

Penzel: Ja, wir kennen heute 66 unterschiedliche Formen von Schlafstörungen. Da zählt auch so was wie Schlafwandeln dazu oder Sprechen im Schlaf – zum Beispiel Sprechen im Schlaf ist nicht behandlungsbedürftig – und die können alle im Schlaflabor diagnostiziert werden. Da wird der Schlafende überwacht mit Kabeln am Kopf und an dem Brustkorb für die Atmung und dann können wir genau sehen, welche Schlafstörung vorliegt.

Apps überwachen den Schlaf

Brink: Apropos Kabeln am Kopf, da kommen jetzt die Apps ins Spiel, das sind ja unsere großen Alltagsbegleiter, Problemlöser: Es gibt Funktionsuhren, die den Schlaf analysieren, ich habe es schon genannt, es gibt eine Vielzahl von Schlaf-Apps. Was halten Sie davon?

Penzel: Na, das Messen des Schlafes, davon halte ich sehr viel. Es ist ein Teil davon, dass wir mehr über uns selbst erfahren wollen und wir heute mit den Apps eben nicht nur Schrittzähler haben oder Kalorienzähler, sondern auch versuchen zu zählen, wie gut schlafen wir. Ich finde das eine gute Variante für den, der auf das Quantify-yourself oder Vermessung des Menschen mit eingehen will. Wer sagt, das ist Quatsch, ich lebe so, wie ich lebe, und dann ist gut, der braucht keine Sleep-Apps.

Brink: Dann ist es aber eigentlich nur eine Überwachungsgeschichte, also nicht, wie sie sagen, die dann eigentlich helfen können – und das versprechen ja auch viele, zum Beispiel "Deep Sleep" oder "Dream On" –, dass man damit auch besser schlafen kann?

Penzel: Die meisten dieser Apps sind in der Tat eine Vermessung, so wie ein Schrittzähler. Der, der Schritte zählt, die App, die bewirkt auch nicht, dass wir plötzlich schlank werden, sondern man muss dann Konsequenzen daraus ziehen. Zum Beispiel mehr Bewegung. Mit den Sleep-Apps ist es ganz ähnlich, die geben natürlich Tipps. Viele der Apps ermöglichen einem, zum Beispiel zu sagen: "Oh, zu spät ins Bett gegangen!" Oder: "Versuch doch zur Ruhe zu kommen!" Das heißt, diese Tipps, die auch ein Arzt geben kann oder die man auch im Internet lesen kann, geben die Apps auch, aber Verbessern des Schlafes direkt, eine Therapie sind sie nicht.

Geringe Strahlung bei Smartphones

Brink: Ist es denn nicht gefährlich, wenn das Smartphone über Nacht auch neben uns liegt? Es gibt ja viele Anzeichen dafür, dass das alles andere als gesund ist. Und das müssen sie ja, wenn sie sozusagen mit Kameras oder mit Kabeln dann sozusagen unseren Schlaf überwachen!

Penzel: Da wissen wir ganz gut Bescheid. Man hat die Strahlen untersucht, die Strahlen sind sehr gering. Die Smartphones haben moderne Technologien, mit denen die Strahlen heruntergefahren werden, wenn sie nicht senden und nicht empfangen, da hätte ich keine Bedenken. Die Bedenken habe ich schon, dass man sagt, ich muss mein Smartphone checken, ich muss gucken, habe ich eine neue Nachricht bekommen? Und wenn man das macht so wie jemand vielleicht stündlich auf den Wecker guckt und sagt, ich habe nur noch drei Stunden, nur noch zwei Stunden, dann ist es doch schädlich. Also, wenn das Smartphone indirekt den Schlaf mit unterbricht, dann weg damit!

Brink: Also, wann ist dann eigentlich der Punkt erreicht, wo Sie sagen: Das Smartphone ist sinnvoll, auch so eine App ist sinnvoll, und wann muss man den Schritt wirklich ins Schlaflabor machen? Was kann die App da erreichen oder wo ist der Punkt, wo Sie dann eingreifen?

Penzel: Ich denke, eine Smartphone-App kann helfen zu gucken: Schlafe ich lange genug, schlafe ich so lange ich will, schlafe ich unruhig? Das kann eine App sehr wohl leisten. Die Smartphone-Apps sind meist reduziert, weil sie ja nur auf die eigenen Sensoren zurückgreifen wie zum Beispiel Bewegungssensor oder das Mikrofon der App, und mehr nicht. Und diese Apps sind eben begrenzt.

Wenn man zu zweit im Bett schläft, dann weiß man auch nicht, ist die Aussage nun über einen selber oder über den anderen Menschen oder sei es die Katze, die mit im Bett schläft. Dann braucht man natürlich das Schlaflabor, das auch wirklich quantifizieren kann. Leiden kann es sowieso nicht lindern, sondern sobald der Leidensdruck da ist: Ab ins Schlaflabor! Erst mal zum Hausarzt, der sagt, ob die Leiden wirklich so schlimm sind, und der Hausarzt, der tut einen dann weiter ins Schlaflabor verweisen.

Brink: Herzlichen Dank für diese Information über die Schlaf-Apps! Professor Thomas Penzel, Leiter des Interdisziplinären schlafmedizinischen Zentrums an der Charité, und heute treffen sich die Schlafforscher in Dresden und da werden auch diese Apps ein großes Thema sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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