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Nachspiel | Beitrag vom 05.08.2018

SchiedsrichterVom schweren Los der Entscheider auf den Sportplätzen

Von Wolf-Sören Treusch

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Kampfrichter beim Vermessen der Höhe beim Hochsprung (Christian Charisius / dpa)
Kampfrichter beim Vermessen der Höhe beim Hochsprung (Christian Charisius / dpa)

Wenn die Übertragungen von Sportwettbewerben laufen, haben viele Zuschauer sehr schnell und klar ihre Urteile parat. Denn sie haben die Bilder und Wiederholungen. Die eigentlichen Helden der Entscheidungsfindung aber stehen auf dem Platz: die Schiedsrichter.

Fertig machen zum Start für den Vorlauf über 50 Meter Freistil bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Schwimmen für Menschen mit Behinderung. Verantwortlicher Schiedsrichter in der Halle im Europasportpark Berlin ist Andreas Reif:

"Notfalls, wenn vorher jemand abrutscht, wegrutscht, muss man den Start dann auch einfach 'mal abbrechen und sagen: 'Kein Start! Orientiert Euch neu, fangt noch mal von vorne an auf den Pfiff!' Jeder Kampfrichter, jeder Schiedsrichter, wie auch immer, ist für den Sportler da, und nicht gegen den Sportler."

"Ungültig!" - Ein paar Kilometer weiter auf der Leichtathletik-Anlage im Sportforum Berlin: Kugelstoß-Wettbewerb der U18-Junioren bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften. Kampfrichter Klaus Ombeck zeigt sich oft und gern von seiner menschlichen Seite am Kugelstoßring.

"Man arbeitet wirklich mit den Athleten. Wie ich vorhin einem da sagte, der war sehr nah am Eisenmantel, oben drüber war er schon gewesen, da bin ich noch zu ihm hin gegangen und sage 'Stopp, Stopp, warte 'mal, Du musst höllisch aufpassen!'. Und das, finde ich, müssten alle Kampfrichter machen, leider ist es nicht immer so. Wir sind die Helfer."

"Existentielle Sozialfigur des organisierten Wettkampfsports"

Ohne Schiedsrichter kein Spiel. Ohne Kampfrichter kein Wettkampf. Sie messen Zeiten und Weiten, kontrollieren, dass die Athleten die Regeln einhalten. Im aktuellen Sportentwicklungsbericht des Deutschen Olympischen Sportbundes bezeichnen die Autoren den Kampfrichter als "existentielle Sozialfigur des organisierten Wettkampfsports".

"Ja, es ist so, ja", meint auch Thomas Heubner, von Beruf Medienarchivar, in seiner Freizeit Punktrichter beim Mädchenturnen. "Es ist wie mit Schiedsrichtern auch: Ohne Trainer geht’s, aber ohne Kampfrichter geht’s nicht."

Berlin ist die Sporthauptstadt Deutschlands. An einem einzigen Wochenende finden hier oft mehrere, teils hochkarätig besetzte Wettkämpfe gleichzeitig statt. Für Kampfrichter gibt es also reichlich zu tun. Allzu lärmempfindlich dürfen sie allerdings nicht sein. Kaum ein Wettbewerb kommt heutzutage ohne Dauer-Beschallung aus. "Man merkt es schon, man merkt es abends, wenn man nach Hause kommt, dass Du Dir dann wirklich sagst: 'Jetzt will ich nur noch meine Ruhe haben, Beine hoch legen und irgendein nettes Getränk, bevor du schlafen gehst', wenn man selber erst halb zehn, zehn zuhause ist, sechs wieder aufstehst, wieder in die Halle zu fahren."

Andreas Reif ist einer von drei Schiedsrichtern, die der Deutsche Behindertensportverband bei internationalen Schwimm-Wettkämpfen stellt. Seine Motive: Mit anderen Menschen zusammenkommen, Spaß haben. Zwei Mal im Jahr nimmt er sich extra Urlaub dafür. "Anders ginge es nicht", sagt er, "wegen des Schichtdienstes." Andreas Reif arbeitet bei der Berliner Feuerwehr.

"Zettel schreiben, abgeben!"

"Leif, take him to the side, that the other ones can come out."

Die Internationalen Deutschen Meisterschaften im Para-Schwimmen, wie man den Wettkampf für Menschen mit Behinderung auch nennt, sind jedes Jahr wieder eine große Herausforderung, da personalintensiv. Mehr als 30 Kampfrichter treffen auf 630 Athleten aus 54 Nationen. Während Andreas Reif gerade darauf achtet, dass die Teilnehmer des 50-Meter-Freistil-Rennens nach dem Zielanschlag rasch aus dem Becken steigen, nehmen die Kampfrichter-Kollegen einzelne Schwimmer zur Seite.

"Die Leute, die ein Rest-Sehvermögen haben oder ein Hell-Dunkel-Vermögen haben, müssen wegen der Gleichheit zu total Blinden abgedunkelte Brillen tragen, und die werden dann nach einem Rennen kontrolliert, ob die auch lichtundurchlässig sind."

Wettkampfrichter Andreas Reif am Beckenrand (Wolf-Sören Treusch)Wettkampfrichter Andreas Reif am Beckenrand (Wolf-Sören Treusch)

Im Zielbereich herrscht dadurch ein großes Gewusel. Andreas Reif hat kaum Zeit, die Starterliste richtig zu studieren. Was aber enorm wichtig ist, denn hier erfährt er, wie die einzelnen Teilnehmer klassifiziert sind und welche Ausnahmen, aber auch welche Regeln bei ihnen gelten. Ob sie beispielsweise einen Assistenten haben dürfen, der sie zum Startblock begleitet, aber auch, ob sie beim Brustschwimmen den linken Fuß nach außen drehen müssen.

"Bei Leuten, die eine Einschränkung haben, aber es trotzdem machen können, müssen sie das im Wasser auch machen. Macht er es nicht, wird er disqualifiziert. Das muss man aber durch die Wasseroberfläche erkennen können. Dafür habe ich meine ganzen Augen, meine Kampfrichter."

- "Muss ich irgendetwas beachten, beim Startsprung oder so? Wie kommen die ins Wasser?"
- "Du machst Zeitnehmer?"
- "Ja, genau, Bahn 3."
- "Bahn 3. Pass auf, Großer."

Eine seiner Augen, wie er die Kampfrichter nennt, ist der 15-jährige Paul Hertzig. Eigentlich könnte Paul selbst noch Wettkämpfe schwimmen. Doch nach einer Verletzung flog er aus dem Nachwuchskader, seitdem ist er Kampfrichter.

"Alles klar, und wenn Dir was komisch vorkommt: Zettel schreiben, abgeben! Wir entscheiden dann."

80 Euro Aufwandsentschädigung

Schwimmwettkämpfe für Menschen mit Behinderung sind für den Schüler Neuland. Doch er merkt schnell: Die Abläufe sind die gleichen wie bei Rennen für Menschen ohne Handicap: Zielanschlag kontrollieren, Zeit stoppen, Zeit notieren. 80 Euro erhält er dafür als Aufwandsentschädigung. Fürs gesamte Wochenende. Kann er gut gebrauchen, sagt er, er spare für den Motorradführerschein. Eine gute Art, Geld zu verdienen, sagen seine Freunde.

"Die haben keinen so 'nen Job wie ich, also ich verdiene ein bisschen Geld damit, ist zwar nicht besonders viel, aber für einen Schüler halt schon, aber wenn die Zeitung austragen und viel weniger Geld bekommen als ich, sagen die 'Okay, eigentlich 'ne coole Sache, so was zu machen.' Und wenn man auch noch Spaß dabei hat, ist es ideal."

"Guck mal, jetzt warte ich 'ne ganze Weile, warte, bis sie alle .. Guck mal, die hinten tropfelt, alles gut, die bewegt sich auf den Startblock, da gebe ich ihr Zeit, dass sie sich hinsetzen kann, diese Zeit war vorhin auch. Jetzt gebe ich den Pfiff. Jetzt gehen sie alle auf ihren Startblock. Sie nehmen langsam ihre Positionen ein, ich warte schon 'ne ganze Weile, jetzt geh 'mal weg! Jetzt muss ich den Arm heben."

Andreas Reif ist verärgert. Ein kanadischer Betreuer hat ihm gerade ein lautes "Thank you for the shit start" zugerufen und macht ihn dafür verantwortlich, dass im Rennen zuvor seine Schwimmerin nicht rechtzeitig ins Wasser kam.

"Vorhin habe ich wesentlich länger gewartet, wesentlich mehr Zeit noch gegeben, weil ich gesehen habe, dass der nicht aus den Puschen kommt. Auf gut deutsch: Selber Schuld seiner einer! Der wird natürlich garantiert kommen nachher, der Kanadier, sich bei mir beschweren, werde ich ihm das ganz ruhig erklären: Wenn er träumt ..., es war genug Zeit da. Sein Fehler, nicht meiner."

Und tatsächlich:

"I did not hear the whistle, she has a hard time getting up on the block, you started the race, we weren't even ready." Keine zehn Minuten später spricht ihn der Trainer auf den missglückten Startvorgang an. "We come from Canada to do this here."

Der Schiedsrichter habe das Rennen freigegeben, obwohl seine Athletin noch gar nicht bereit gewesen sei, beschwert er sich, und dafür seien sie extra aus Kanada angereist. Andreas Reif bittet ihn vom Beckenrand in einen Vorraum. Dann erklärt er ihm seine Sicht der Dinge.

" I've looked to my starter. Everybody after my short whistle was ready. Standing longer as a normal start situation. I've wait extralong." - Besonders lange habe er gewartet, aber nichts sei passiert. Fünf Minuten spricht der Schiedsrichter auf den Trainer ein, dann können die beiden wieder lachen.

Entscheidungen angemessen vermitteln

"But what the good thing is: that event is not at the Paralympic." - "Schön ist, dass man sich hinterher immer noch gerade in die Augen gucken kann und am nächsten Morgen immer noch mit Shakehands und 'Good morning' begrüßt."

Genau diese Situationen sind es, weshalb Kampf- und Schiedsrichter laut DOSB "existenzielle Sozialfiguren des organisierten Wettkampfsports" sind. Sie wachen nicht nur über die Regeln, die meisten von ihnen verfügen zudem über die Fähigkeit, ihre Entscheidungen den Athleten und ihren Betreuern auch angemessen zu vermitteln.

"12,86! - 12 8 6."

Letzter Durchgang im Kugelstoßwettbewerb der U18 - Junioren bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften. Sengende Hitze liegt über der Anlage, plötzlich spritzt Staub auf. Eine der Kugeln landet nur wenige Zentimeter neben dem Kampfrichter, der den Nullpunkt misst.

"Ungültig! Ach so, weil … Wolltest du ihn treffen? Ich wollte sagen: 'Dann kriegst du hundert Punkte, weil du es fast geschafft hast.'"

Kampfrichter-Obmann Klaus Ombeck, der aufs Übertreten achtet, versucht es zuerst mit Humor, dann wird ihm der Ernst der Lage bewusst. Das war knapp. Sein Kollege hat nicht aufgepasst.

"Ja, in dem Fall hätte er aber schuld gehabt. Er muss ja hier hingucken, und wenn die Kugel zu ihm rüber fliegt, den einen Schritt kann jeder schaffen. Meistens ist es Leichtsinn. Leichtsinn. Ablenken lassen, vor allem beim ISTAF, aber das ist ja alles schon mal passiert."

Zum Beispiel im Januar 2018 bei einem Kugelstoßwettbewerb in der Halle in Prag. Dort wurde ein 76-jähriger Kampfrichter von der 6-Kilo-Kugel am Brustkorb getroffen und brach bewusstlos zusammen. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos, der Kampfrichter verstarb noch in der Halle.

"Ja. Das ist es eben. Man muss immer da hingucken. In dem Moment, wo er in die Ausgangsposition gegangen ist, darf ich nicht mehr zu Ihnen rüber gucken. Bis die Kugel weg ist. Ist ein Muss!"

Ein Kampfrichter bei der Weitenmessung.  (dpa / Andy Heading)Ein Kampfrichter bei der Weitenmessung (dpa / Andy Heading)

"Hätte mich da auch erwischen können"

"Ich bin seit 2010 auch Lehrreferent, jahrelang haben wir das Thema Sicherheit ziemlich groß geschrieben bei uns."

Ergänzt Tobias Alwast, Kampfrichterwart des Berliner Leichtathletikverbandes:

"So wie es da passiert ist - ich habe Bilder danach gesehen - würde es in Berlin zum Glück nicht passieren, weil wir alle Kampfrichter darauf schulen, dass sie nichts im Sektor zu suchen haben, dass sie immer einen Blick zum Athleten und zum Gerät haben müssen, aber: Man denkt schon 'Ja, es könnte einen auch selber treffen!' weil: Ganz unmöglich ist es trotzdem nicht. Ich hatte vor ein paar Jahren beim ISTAF-Indoor so einen Moment, die Anlage war eigentlich noch nicht freigegeben, ich bin durch den Sektor durchgelaufen, und der Diskus ist drei, vier Meter neben mir eingeschlagen. Hätte mich da auch erwischen können. Das Risiko ist nun 'mal immer dabei."

Damals war es ein Kommunikationsproblem: Der Wurfsektor hätte per Funk freigegeben werden sollen, was nicht geschah. Doch egal, wer im Endeffekt für eine Panne verantwortlich ist, die Konsequenzen können tragisch sein.

"Deine Startnummer hätte ich ganz gern einmal gesehen."

Bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften 2018 fungiert Tobias Alwast als Schiedsrichter im so genannten Callroom. Seine Aufgabe: Vor Wettkampfbeginn kontrollieren, ob alle Athleten, die sich angemeldet haben, da sind, ob sie richtige Startnummer und Kleidung tragen und die Schuhe den Regeln entsprechen. Und er prüft, dass sie keine unerlaubte Werbung auf der Sportkleidung und kein Handy beim Wettkampf dabei haben. Ein Amt, das er auch schon bei großen Meisterschaften innehatte. Klingt reizvoll: Auge in Auge mit Stars wie Usain Bolt. Aber mit ihnen im Callroom zu reden, sagt Tobias Alwast, geschieht ganz selten.

"Es ist eher eine Massenabfertigung. Wir haben nicht viel Zeit. Die kommen zehn Minuten zu uns rein, wir kontrollieren sie, so schnell wie es geht, die sind angespannt, sie haben keine Zeit dafür, irgendwie mit einem zu quatschen, viele zumindest, es gibt auch Athleten, die machen das, weil sie sich dadurch ablenken, weil sie kommunikative Athleten sind, aber die meisten sind eher in sich gekehrt und wollen bloß schnell raus, den Lauf hinter sich bringen."

Tobias Alwast ist gerne Kampfrichterwart im Berliner Leichtathletikverband. Er weiß, wie schwierig es ist, neue Kampfrichter zu finden und vor allem, sie langfristig zu binden. Aber er tröstet sich mit den Erkenntnissen aus dem Sportentwicklungsbericht des DOSB. Darin heißt es, Schieds- und Kampfrichter hätten eine deutlich höhere Anzahl an engen Freunden als ein durchschnittlicher Deutscher. Die gemeinsame Leidenschaft mache es möglich. Das müsste doch Motivation genug sein, findet er. Für ihn auf alle Fälle.

"Nee, also die Waage haut nicht hin!"

"Und dann kommt eben dazu, dass ich genau weiß, wie wenig Kampfrichter es sind, und wenn dann noch einer weniger da wäre, fehlen würde, wäre es ja noch schlimmer, das heißt, man bindet sich noch ein Wochenende ans Bein, obwohl man sagt: 'Man kann gerade gar nicht, eigentlich, und kommt trotzdem hierher.'"

- "So. Gucken wir mal, wie schwer der ist, erstmal?"
- "Zu leicht."
- "Oh!"

Zu den Aufgaben im Callroom zählt auch die Geräteprüfung. Zum Beispiel das Wiegen von Kugeln und Diskusscheiben. Ist das Sportgerät auch nur ein Gramm zu leicht, würde der Sportler disqualifiziert werden.

"Nee, also die Waage haut nicht hin, Kumpel, jetzt mal ohne Quatsch. Der war letzte Woche noch über zehn Gramm zu viel, und den habe ich nicht 'mal geworfen. Also dit ist jetzt ein bisschen fett."

"Man sollte schon sehr stressresistent sein in bestimmten Positionen, ja. Ja. Das ist vollkommen normal, dass die Leute versuchen, Athleten, Trainer versuchen, mit Geräten herzukommen, die zu leicht sind. Gerade die Diskuswerfer kommen mit dem Gerät, das einen Tick zu leicht ist, sagen dann: 'Okay', verschwinden um die Ecke, füllen ein bisschen was nach und kommen mit dem punktgenauen Diskus zurück. Die versuchen da, das Möglichste auszuschöpfen, den kleinsten Gramm-Vorteil irgendwie zu haben. Jetzt kommt er wieder. Jetzt müssen wir gucken, was er jetzt sagt."

Tobias Alwast behält Recht. Nun haben die Diskusscheiben das korrekte Gewicht.

"So, am Balken. Jetzt kommen wir zum Balken."

"Keine Fragen."

Sonntagmorgen neun Uhr: gute Stimmung bei der Kampfrichter-Besprechung. Ein Geräteturnwettkampf für Mädchen im Alter von neun bis dreizehn Jahren steht an. Ort des Geschehens: eine Turnhalle im Berliner Bezirk Pankow. Auf dem Programm: P5, das ist die höchste Pflichtstufe, die im Breitensport in Berlin geturnt wird.

"Wir müssen auch gucken, dass wir heute mal ein paar 5er-Werte geben, wäre ganz schön, die Besten kriegen heute auch mal einen vollen Wert, ich möchte ihn mindestens ein Mal am Gerät sehen. Ja, versucht es, Thomas, auch beim Balken, ich weiß, wie schwer das ist. Thomas ist immer sehr streng."

Turn-Wettkampfrichter Thomas Heubner begutachtet eine Balken-Übung (Wolf-Sören Treusch)Turn-Wettkampfrichter Thomas Heubner begutachtet eine Balken-Übung (Wolf-Sören Treusch)

Thomas Heubner, der einzige männliche Punktrichter am heutigen Tag, sozusagen der Hahn im Korb. Selbst hat er früher nie geturnt. Aber weil seine Tochter turnt und ihr Verein Kampfrichter stellen muss, hat er sich dazu überreden lassen.

- "Ich habe die niedrigste Lizenz sozusagen, die D-Lizenz, für alle P-Wettkämpfe, und dann geht das weiter mit C-, B- und A-Lizenz. Ich weiß nicht, was hast Du für 'ne Lizenz?"
- "B und C."
- "B und C. Also sie darf dann schon die Leistungsklasse werten. Das darf ich nicht. Und ich will es auch nicht, weil: Im Kopf habe ich nicht mehr Platz als für die D-Lizenz für die P-Stufen."

"Als allerallererstes möchte ich die Kampfrichter… oder die Kampfrichter danken, dass sie da sind."

Bei den P-Stufen sind die Turnelemente und deren Reihenfolge zwar festgelegt.

"Für euch ein ganz großer Applaus, denn ihr sei die, weswegen wir hier punkten."

Aber Raum für subjektive Wertungen bleibt genug.

"Subjektiv ist das immer ein Stück weit, auf jeden Fall. Weil es ja schon davon abhängt, ja, wie flüssig ist zum Beispiel `ne Übung. Jedes Kind kann zwar die Einzelelemente sauber turnen, wenn es aber zu viel Pause zwischendurch macht, dann wirkt das anders. Und jeder hat da natürlich auch ein anderes Empfinden und sagt ‚das fand ich jetzt nicht ganz so schlimm, aber dafür hat sie das und das nicht gemacht oder so, oder da und da nicht drauf geachtet’, man muss ja auch immer noch gucken: wie war das Kind davor, wie war das Kind danach oder so? Man muss ja auch vergleichen, damit das alles irgendwo so ein bisschen in einer Linie ist."

Auf den Balken spezialisiert

Sabine Zschäckel wertet heute am Boden. Zusammen mit ihrer Co-Kampfrichterin schaut sie aufmerksam zu, was die jungen Mädchen auf die Matte bringen. Sprungrolle, Schwingen in den flüchtigen Handstand, Hüpfer mit Vorspreizen des gebeugten Beines, Rad und Rolle rückwärts über den hohen Hockstütz. Platz für Mauscheleien? Hier nicht.

Sabine Zschäckel, Wettkampfrichterin beim Turnen (Wolf-Sören Treusch)Sabine Zschäckel, Wettkampfrichterin beim Turnen (Wolf-Sören Treusch)

"Ich finde, hier in den P-Stufen ist es noch nicht so extrem. Ich glaube, nachher oben in der Liga ist natürlich wesentlich mehr Beißen angesagt, und sicherlich auch Knatsch unterhalb der Vereine, aber hier ist es wirklich noch alles – mehr oder weniger:  Friede, Freude, Eierkuchen."

Sabine Zschäckel hat die C-Lizenz. War auch schon Punktrichterin in der untersten Leistungsklasse. Nur wenn es sein muss, würde sie es wieder tun.

"Bei den LK-Stufen nachher setzt ja jeder sein Programm zusammen. Und man weiß halt nicht, was gezeigt wird, und muss halt mitschreiben, sowohl das Element als auch die Wertung oder die Abzüge dazu, das ist schon auf alle Fälle was anderes. Anstrengender."

"Wir haben schon 'mal zwischengewertet, und da waren sehr viele dabei, die nicht mal so hoch gekommen sind."

"Also, da würde ich dann auch 0,5 abziehen, ja."

Nebenan am Schwebebalken ist das Einturnen beendet. Die Kampfrichter besprechen, wie sie mit den gezeigten Leistungen umgehen wollen. Ein sinnvolles Verfahren, findet Thomas Heubner, der sich im Laufe seiner Punktrichterkarriere auf den Balken spezialisiert hat.

- "Aber die dürfen ja auch den Armzug noch mal machen".
- "Ja, OK. Man erkennt das schon."

"Denke auch." Die Kinder haben natürlich auch ein Anrecht darauf, dass sie gerecht bewertet werden, und da will man natürlich auch nix falsch machen. Dann hat man auch die Herausforderung mit seinen Co-Kampfrichtern, heute habe ich eine neben mir sitzen, dass man nicht zu weit auseinander liegen sollte in der Wertung. Früher gab es mal eine Spanne von 0,5 Punkten, die man auseinander liegen durfte, und da wurde dann der Mittelwert genommen. Das ist jetzt nicht mehr ganz so streng, aber wir versuchen uns, immer noch daran zu orientieren. Es ist natürlich blöd, wenn man nachher irgendwie anderthalb Punkte auseinander liegt, dann kann irgendetwas nicht stimmen."

Heute klappt die Absprache gut. Und tatsächlich vergeben die beiden auch ein Mal die Höchstnote – wie am Morgen von der Oberkampfrichterin gewünscht. Am Ende hat Thomas Heubner sogar Zeit, die Balkenübung seiner 13-jährigen Tochter Lena zu verfolgen. Lena selbst ist mit ihrer Übung zufrieden.

"Ich fand sie ganz gut, ich habe halt beim Hocksprung, habe ich halt ein bisschen gewackelt, aber es war in Ordnung. Vielleicht 13 von 15 Punkten ungefähr?"

14,05 Punkte bekommt sie am Ende für ihre Präsentation. Den Vater überrascht es.

"Ich wäre vielleicht etwas drunter gewesen mit meiner Wertung, weil ich fand, dass sie schon einen Wackler drinne hatte, und das eine oder andere Element war jetzt nicht so hundertprozentig gut geturnt. Aber es ist alles in Ordnung."

Seine Tochter Lena gewinnt den Wettkampf in ihrer Altersklasse. Zukunftspläne?

"Eigentlich will ich jetzt nicht unbedingt Olympia oder so, sondern einfach nur Breitensport weitermachen, ja, ich würde gern die Kür machen, also 'ne eigene Übung, und weiter weiß ich noch nicht."

"Warum? - Weil ich ein Depp bin!"

Ein kurzer Ausflug in die Alpen. Nach Berchtesgaden, zur ersten Kunsteisbahn der Welt am Königssee. Denn natürlich gibt es auch beim Rennrodeln – wie in allen Wintersportarten – Kampfrichter.

"Am Startplatz S1, das ist mein Wirkungskreis, hier bin ich eingeteilt als Kampfrichter, um den Start zu kontrollieren, damit das auch den richtigen Ablauf dann hat."

Er hat an Olympischen Spielen teilgenommen, hat 1964 in Innsbruck die Bronzemedaille im Einsitzer gewonnen, war Weltmeister und mehrfacher deutscher Meister, hat später viele Jahrzehnte als Trainer, Vereins- und Verbandsvorstand gearbeitet: Hans Plenk. Er ist inzwischen 80 Jahre alt und noch immer als Kampfrichter aktiv.

Hans Plenk, Wettkampfrichter beim Rennrodeln (Wolf-Sören Treusch)Hans Plenk, Wettkampfrichter beim Rennrodeln (Wolf-Sören Treusch)

"Warum? - Weil ich ein Depp bin! Na, es ist ja so: wenn man heute so eine große Veranstaltung macht wie Weltcup, braucht man ja bis zu 200 Mitarbeiter. Nicht jetzt Kampfrichter, auch andere Leute, die keine Kampfrichter sind. Und ich kann mich erinnern, wie schwierig es damals immer war, die ganze Mannschaft zusammenzubekommen. Deswegen bin ich auch irgendwie verpflichtet, wenn sie mich brauchen, dass ich da mithelfe."

- "Habe die Ehre. Guten Morgen. Grüße dich."
- "Starten wir zum Schluss, oder?"
- "Hat er gerade gesagt: Ganz zum Schluss."

Man kennt sich in der Szene. So viele Rennrodler gibt es nicht. Und weil er schon so lange dabei ist, respektieren sie Hans Plenk. Zumal er für die Athleten und ihre Betreuer immer mal einen lockeren Spruch auf den Lippen hat.

- "Auf borrisch."
- "Was ist das?"
- "Bayrisch."
- "Das verstehen die alle?"
- "Ja freilich. Rodeln ist Sprache Bayrisch."

Bis vor kurzem wurde er sogar noch gebeten, an Weltcuprennen in Übersee als Kampfrichter teilzunehmen. Doch die weiten Reisen lässt er, jetzt ist er nur noch auf seiner Hausbahn am Königssee dabei. Wobei sich seine Aktivitäten heute darauf beschränken, den Startvorgang zu kontrollieren. Das ist ein ruhiger Job. Hans Plenk hat es auch schon anders erlebt, er kennt das Konfliktpotenzial. Zum Beispiel, wenn es schneit:

"Da muss also dann festgelegt werden, je nach Stärke des Schneefalls: Muss die Bahn gesäubert werden, gekehrt werden? Wann kehren wir? Kehren wir nach jedem dritten Fahrer? Kehren wir nach jedem vierten Fahrer? Kehren wir nach jedem fünften Fahrer? usw. usf. Der Bahnchef ist vielleicht anderer Anschauung, wenn er den Auftrag gibt: 'Der muss die Bahn kehren!’ als derjenige, der etwas anordnet."

"Man muss da mit dem Herz dabei sein"

"Wir haben jetzt hier 1,5 Grad, dann dürfte die Schiene jetzt praktisch 6,5 Grad haben."

Juniorennationaltrainer Martin Schwab steht mit einem Rennschlitten am Startpodest. Fünf Grad wärmer als die Außentemperatur dürfen die Kufen sein. Das zu kontrollieren gehört ebenfalls zu den Aufgaben eines Kampfrichters. In den Anfangszeiten des Rennrodelsports wurde gerade hierbei kräftig geschummelt. Hans Plenk hat das alles miterlebt. Für Martin Schwab ist er ein riesiges Vorbild.

"Ich habe es gestern erst den jungen Kollegen erklärt, er war lange Jahre Vorstand im Rodelklub und ist einer der besten überhaupt, und so 'was ist wichtig. Ich hoffe, dass es andere gibt, aber es wird schwer werden. Man muss da mit dem Herz dabei sein, sonst geht es nicht. Ja, man ist manchmal mit sich selbst am Zweifeln, wenn man dann aber sieht, dass der Hans noch mit so viel Engagement dabei ist, dann ist man auch wieder und sagt: 'Da muss ich auch weitermachen!', weil: 'Da habe ich noch lange Jahre, bis ich dahin komme, wo er ist.'"

Ohne sie geht im Sport gar nichts: Die Kampfrichter. Ehrenamtlich widmen sie sich ihrer Liebe und Leidenschaft – meist gegen eine nur geringe Aufwandsentschädigung. Im Fokus der Medien stehen sie selten. Anders als die Schiedsrichter beim Fußball. Die Kampfrichter sind die heimlichen Helden des Sports. Es sollte mehr von ihnen geben.

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